In das obere Waldgebiet zurückkehrend, sahen wir die schwarze Fichtenfensterung rot und blaugolden wie mit Scheiben ausgelegt, unter uns aber, schon von Halbnacht umgeben, die große weiße Dunstsee hingebreitet, an deren östlichem Saum einzelne kleine Lichter flimmerten. Während wir uns fragten, ob diese noch unserer eigenen oder schon der gegnerischen Zone angehörten, bemerkten wir am Boden etwas Seltsames, ein kleines dunkles Tier, das, einer aufziehbaren Blechmaus ähnlich, in engen Kreisen unaufhörlich einen Baum umlief. Sein Gebaren erinnerte an die japanischen Tanzmäuse, die Wilhelm in Hellabrunn immer so viel Spaß gemacht haben; es war aber größer und nahezu schwarz. Wir näherten uns vorsichtig, da huschte es den Stamm hinauf und war verschwunden. – Im Unterstand wurde mir eröffnet, daß ich laut Brigadebefehl für die Kampftage zum Regimentsstab abkommandiert bin, wo ich einen Verbandplatz errichten soll. Das bedeutet, aus Gefahr und feuchter Niederung der Leichenwälder in Sicherheit und golden-trockene Höhenluft versetzt werden. Alle wünschen mir Glück. Ich wäre aber lieber beim Bataillon geblieben.
6. November stieg ich mit Rehm, Dehm und Raab auf den Gipfel des Kishavas, meldete mich beim Oberst und nahm sogleich einen Verwundeten in Empfang. Er ist bei einer Erkundung in die linke Seite geschossen worden; die Kugel steckt in der Lunge. Uneingedenk des Todes, der ihm wie ein feiner sichelförmiger Glanz aus den schon umnebelten Augen blickt, verlangt er hartnäckig Schnaps und hofft, mit ihm seine Schwäche zu überwinden, um unzählige Rumänen erschießen zu können. Nie sah ich so brennende Rachsucht in so leidender Natur.
Beim Abendessen besprach ich mit dem Oberst Ort und Art des zu bauenden Unterstandes. Wir einigten uns auf einen geschützten Platz am Waldrand. Ich bat ihn auch, mir Leute zur Arbeit zuzuweisen; aber bevor er nur antworten konnte, erklangen von allen Seiten die schönsten Versprechungen: Adjutant, Feldgeistlicher und Ordonnanzoffizier überbieten sich in Hilfsbereitschaft, jeder wird mir morgen in aller Frühe seinen Diener senden.
7. November
Die Nächte sind hier kälter als unten. Wir haben Erde tief und breit ausheben lassen und über diese Grube Zeltbahnen ausgespannt, so friert man weniger. Noch etwas besser wäre das Lager ohne die vielen verholzten Wacholderwurzeln, die sich zuweilen scharf gegen die Rippen stemmen, wenn man im Schlaf die Lage verändern möchte. Doch wacht man jetzt gern einmal eine Stunde, wenn Mondlicht ist über unserer vorzeitigen Gruft und Gräser und Stauden, zart abgeschattet, über dem Zelttuche schwanken. Heut mußte ich viel an Glavina denken, der tief auf dem Grunde des Nebelmeers atmet, wo der Mond wohl nur als blaßgrauer Silberdunst hinabreicht. Gern läse ich wieder einmal eins von seinen Worten oder spräche mit ihm; aber er ist unnahbar scheu, und Briefe gehen keine mehr durch meine Hand. Oft ist mir, als ob mich seine Sprüche leicht und stark in die Zukunft hinüberzögen. Es hat sich nun doch so lenken lassen, daß er nicht mehr im Graben, sondern fast nur noch als Befehlträger verwendet wird.
8. November
Das Wetter hält an; jeder Morgen bringt Nebel und ist wie eine graue Puppe, aus welcher blau der Tag emporfliegt.
Mit meinem Unterstand ist es etwas anders gegangen, als ich gestern meinte; aber er steht da, trotz allem, – was will ich mehr? Es ist bei einem Regimentsstab wie an einem kleinen Hofe; man sieht einander weniger in die Augen als auf die Achselstücke, und da mir solche fehlen, so zeigten die Zusagen von gestern keine rechte Haltbarkeit; vielleicht haben sie mehr dem Obersten gegolten als meinem Unternehmen. Als am Morgen die Diener ausblieben, erlaubte ich mir die Herren an ihr Versprechen zu erinnern; aber da war gerade jeder unmäßig in Anspruch genommen, keiner könnte im Augenblick seinen Burschen entbehren, einer um den anderen vertröstete mich auf später. Ich drängte nicht, sondern begann sofort mit Raab, Dehm und Rehm allein zu arbeiten. Das ging aber gar langsam; wir mußten doch nach anderen Händen ausschauen. So nach zehn Uhr, als ich die Offiziere fest in den Dienst gestrengt wußte, da machte ich mich wie ein geheimer Werber an die Diener heran und lockte sie mit Geld und Tabak zur Mithilfe. Es sind lauter gewandte Leute, die gleich auf alles eingingen. Doch beschäftigte ich nicht alle zugleich; zwei mußten immer für die Herren erreichbar bleiben, um statt der fehlenden einzuspringen. Das Werk schoß auf wie eine Morchel; mittags waren aus Pfählen und Erdklötzen schon Wände errichtet, um ein Uhr hatte Dehm ein Dach aus Latten, Gezweig, Erdreich und Steinen darübergelegt, bald sah ich Pritschen übereinandergebaut, sogar einen Tisch und zwei Stühle aus Birkenästen gezimmert, dazu kam noch ein Felsenofen mit einem Rauchrohr aus ineinandergesteckten Konservenbüchsen, denen man den Boden ausgeschnitten hatte. Von Zeit zu Zeit ließ ich mich bei der Befehlsstelle sehen, wo nun alles kriegerisch webert und in Ferngesprächen der Angriff erläutert wird. Der Ordonnanzoffizier, vom Apparat herüber quer lächelnd, fragte nach meinem Unterstand. Ich klagte über Arbeitermangel; er meinte zerstreut-verbindlich, das werde sich geben, es eile ja nicht, auf jeden Fall werde er mir morgen seinen Burschen schicken. Nun freute mich erst der Spaß. Meine lieben Jungen werkten wie für die Ewigkeit; mir fiel der Bauer von Szentlélek ein, – möge ihm sein groß geplanter Hof so glücklich geraten wie mir diese Hütte! Nach dem Abendessen fragte der Oberst, ob ich den Unterstandbau bereits begonnen habe. Die Verwunderung, als ich sagte, der sei fertig, war lebhaft am ganzen Tisch. Alle wollten ihn sehen. Ich führte sie zum Walde hinüber, lud sie ein, auf Stühlen und Pritschen Platz zu nehmen und spendete Zigaretten. Die Baumeister Dehm, Rehm und Raab wurden vom Oberst gerufen und belobt. Niemand fragte, wer sonst noch geholfen habe.
Es ist ein Abend, so ätherhell wie man ihn auf geklärteren Planeten ahnt. Herrlich brannte die Sonne hinab, und während noch der Westen haselnußbräunlich nachleuchtet, steigt aus lavendelblauen rumänischen Bergen der Mond.