Vormittags um zehn Uhr, als die Sonne sehr grell gegen die feindliche Stellung fiel, wurde durch verwegenen Überfall mit einer Handvoll Leuten der 6. und 7. Kompagnie den Rumänen Lespédii entrissen. Jetzt ist es vier Uhr, und bereits haben sie den siebenten Sturmlauf unternommen, um das Hügelchen zurückzugewinnen. Die Unsrigen rühmen die große Todesverachtung der Gegner, sagen aber, daß es ihnen an Besonnenheit und Erfahrung fehle. Jedesmal, ehe sie ansetzen, hört man, wie drüben ein Führer eine Rede hält, worauf ein wilder Marsch ertönt, bei dessen Klängen sie heranrasen wie Trunkene. So wird Musik, die reine Kunst, zu einem Fluidum, das den Menschen über seine Grenzen hinaustreibt und mit Gefühl des Lebens dermaßen überlädt, daß er sich sehnt, es abzuwerfen.
Schon zeigt sich, daß der kleine Gesteinshaufen weit mehr Opfer kosten wird, als wir vermutet hatten; die Fortschaffung der Verwundeten muß bis morgen in eine heillose Stockung geraten. Ich beschloß, noch einige Gruppen von Trägern anzufordern. Unwillig überließ mir der Adjutant das Telephon. Ich erfuhr, daß unser Divisionsarzt samt seiner Sanitätskompagnie einem andern Frontabschnitt zugeteilt worden ist. Andere deutsche Stellen erwiderten mit vagen Vertröstungen; schon sah ich die mir anvertrauten Verwundeten der Erfrierung und dem Hunger ausgesetzt und wollte den Apparat verlassen, um beim Oberst Gehör zu erbitten, da lehnte an einer Fichte, schlank, leicht gebückt, mit klarer, steiler Stirne ein junger ungarischer Kadett neben mir, dessen kühle graue Augen mit einiger Teilnahme auf mich gerichtet waren.
„Darf ich Ihnen einen Rat geben?“ sagte er, höflich grüßend. „Wenn Sie an irgend etwas Mangel haben, wenden Sie sich stets an den österreichischen Hauptmann Gebert in Bereczk. Er hilft immer.“
Der junge Mann glich eher einem stillen Gelehrten als einem Soldaten; vielleicht gerade deshalb faßte ich Vertrauen. Und wirklich, sehr aufgeräumt wie ein Kaufmann, der gute Geschäfte zustande kommen sieht, antwortete der fern Gerufene:
„Warum nur sechs Gruppen? Ich schicke lieber zwölf! Haben Sie denn genug Verbandstoff?“
Ich bat um eine mäßige Menge, und er versprach, ein Eselchen, mit Kompressen und Binden beladen, den Trägern bald nachzuschicken. „Bis fünf Uhr morgens ist alles bei Ihnen“, setzte er hinzu. Nie war ich froheren Herzens von einem Telephon weggetreten. Ich wandte mich, um dem unverhofften Schutzgeist Dank zu sagen; der aber hatte seine Natur auch dadurch bewiesen, daß er indessen unsichtbar geworden war.
12. November, sechs Uhr morgens
Da der Verbandraum längst überfüllt ist, haben wir die neuen Verwundeten in ein ganz nahes Tälchen gelegt und ein großes Feuer angezündet, um die Luft zu erwärmen. Die Toten werden auf einer moosigen Fläche zusammengetragen, etwas jenseits des Feuers, das sich unter dem Winde zu ihnen hinüberstreckt, wie um sie zu verzehren. Der junge Leutnant, der uns neulich auf dem Weg durch die Stellung begleitet hat, ist unter ihnen. Kurz vor Mitternacht kommt eine Meldung, daß die Rumänen von der Front zurückgezogen und durch ein russisches Regiment ersetzt worden seien.
Es wurde nun still in der Tiefe, und nach ein Uhr kamen keine Verwundeten mehr. Ich legte mich um zwei Uhr in das Zelt und schlief ein. Da hatte ich einen Traum. Ich befand mich bei Vally und Wilhelm in unserm Wohnzimmer zu Passau. Es sah darin sehr kahl und ärmlich aus; fast alle Möbel waren entfernt, die Wände voller Sprünge, der Spiegel blind. Vally, mit magerem weißem Gesicht, lag in einem schlechten, zerschlissenen Bett und sagte gelassen, fast heiter, daß sie schon lange nichts mehr zu essen hätten. Wilhelm saß an seinem Tischchen und schrieb auf einer Schiefertafel. Von Zeit zu Zeit legte er den Griffel weg, nahm ein Spritzkännchen, ging ans Fenster und begoß Pflanzen, die dort in Scherben wuchsen. „Was tust du?“ fragte ich. „Ich muß die Königsblumen gießen“, gab er mit großem Ernst zur Antwort und schrieb wieder. „Ja, das sind kostbare Gewächse,“ sagte Vally, „schau sie dir an! Die meisten, leider, verwelken, bevor sie zum Blühen kommen; die mittlere aber, die große, wird sicherlich aufgehen, das ist genug. Sie wird uns alles geben, was wir brauchen, Kleider und Schuhe, Brot und Wein.“ „Kleider, Schuhe, Brot und Wein“, wiederholte das Söhnchen in singendem Ton, stand auf und begann wieder zu gießen. Ich betrachtete die Pflanze; es war eigentlich nur eine große blaßgrüne Knospe von unregelmäßiger Form, die aus einem behaarten fleischroten Stengel hervorwuchs. Sah man sie länger an, so konnte man in der Tat finden, sie gleiche einem unentfalteten grünen Figürchen mit winzigen gelben Kronenzacken. Und auf einmal war auch mir zumute wie den beiden, so verarmt und so voll rätselhafter Hoffnung. Zugleich aber fiel mir ein, daß ich ja Brot und Wein bei mir trug, echten Tokaier, in Arad gekauft, und frisches weißes Brot aus Esztelnek. Rasch packte ich aus, rückte das Tischchen zum Bett, und wir aßen und tranken, enthielten uns aber jeder Liebkosung, ja jedes innigen Wortes, als hätten wir ein tiefes Wissen, daß wir nur Traumwesen waren und uns durch Berührung oder durch ein Übermaß gezeigten Gefühls zerstören konnten. Vallys Wangen röteten sich, ihre Augen glänzten; der Kleine wurde sehr fröhlich: „Ich will der Blume Wein zu trinken geben, damit sie schneller wächst!“ sagte er, schüttete ein wenig auf die hohle Hand und ließ es auf die Knospe tropfen; diese wuchs gewaltig, auch prägte sich die Figur deutlicher aus – plötzlich, mit feinem Klingen, zuckte ein Licht, ein schmaler Strahl, purpurgolden, zwischen Blättern hervor, der Knabe, entzückt und erschrocken, trat einen Schritt zurück – „die Zeit ist da!“ rief Vally und erhob sich aus den Kissen, ich aber hörte mich mit rauher Stimme angeredet und erwachte. Jemand hatte das Zelt geöffnet, ich sah den rötlich dämmernden Himmel, darüber hart funkelnd einen Stern, am Boden aber einen gebückten knienden Mann in, österreichischer Uniform, der mir eifrig und respektvoll mit mühsamem Deutsch etwas zu erklären suchte. Raab, der herzutrat, sagte, es sei ein bosnischer Sanitätsfeldwebel, der Führer der eben eingetroffenen Verwundetenträger, der Mann lasse sichs nicht nehmen, er wolle deren Ankunft unverzüglich melden und um Befehle bitten. Ich behalte eine Gruppe für besondere Fälle bei mir; die anderen bekommen Rast und Speise, dann beginnen sie ihren schweren Dienst. Es sind stämmige Männer in reifem Alter; sämtliche haben den sicheren federnden Gang, der dem Getragenen viele Schmerzen erspart. Auch das Eselchen ist schon da, ein rabenschwarzes mit weißen Ringen um die Augen, am ganzen Leibe noch dampfend von seiner frommen Mühsal. Alle sammeln sich darum, jeder streichelt es, jeder will sein Brot mit ihm teilen, und wie Völker alter Zeit sind wir nahe daran, das Unschuldig-Vernunftlose als das höchste Göttliche zu verehren.
Drunten halten sie noch Ruhe. Manchmal, wie Gasperlen aus einem Sumpf, brodelt eine Schießmaschine. Die Verwundeten warten geduldig. Leichte Gifte lösen den Schmerz, und das große Feuer heizt weithin die Luft; sie flimmert wie fließendes Glas. Die Bosnier haben sich rings herumgesetzt; sie singen langtönige Lieder, in denen der Trochäus überwiegt. Ein starker Wind zerrt an den blauen Wurzeln der Flammen und wirft Funken und Fetzen brennenden Wacholders auf die Toten.