12. November, mittags

Die Kälte nimmt zu. Spärlich wirbeln Flocken, man weiß nicht recht, woher; nur wenige lockere Wolken stehen über uns. Unruhiger Morgen. Der Feind hat Geschütze herangeholt; man rechnet mit einem Gegenangriff. Österreichische Truppen ziehen über den Berg, lagern zuweilen. Ich sah, etwas abseits im Walde, einen polnischen Offizier, einen bleichgesichtigen jungen Mann, wie er einen älteren Bosniaken, der Befehle nicht zu verstehen schien, mit geballter Faust immer wieder auf Kopf und Schultern schlug. Solche Szenen sollen sich seit kurzem in der verbündeten Armee ab und zu ereignet haben. Gar zu scheckig ist ja dieses Heer, und eine Farbe haßt die andere; ja es kommt vor, daß der Führer die Sprache seiner Leute weder spricht noch versteht und sich für zu vornehm hält, sie zu lernen. Hier übrigens war das Empörende des Vorgangs bis ins Lächerliche übertrieben und fast aufgehoben, und zwar durch das Benehmen des Mißhandelten. Die gebührend ehrerbietige Haltung nicht eine Sekunde lang verlassend, ertrug er die Beleidigung mit der nachsichtigen Überlegenheit eines Riesen, der sich Püffe und Knüffe eines betrunkenen Gnomen gefallen läßt. Spaßverstehen lag breit auf dem ehrlich-pfiffigen Bauerngesicht; kaum unterschied man, wer da schlug und wer geschlagen wurde. Wäre der junge Offizier nicht von aller Wachsamkeit des Geistes verlassen gewesen, er hätte das Unmögliche, Unwirkliche seines Tuns entdecken müssen. Der Anblick war unerträglich: man mußte sich abwenden oder auf Heilung sinnen. Da nahte mir ein mutwilliger Geist; im Nu war der große silbergraue Umhang aus dem Sack gezogen und angetan; ich nahm eine Zigarette in die Hand, ging zu dem Tobenden und bat unbefangen um Feuer. Und schön entfaltete der unstatthafte Kragen seine Magie: der Leutnant ließ die Hände sinken, versicherte mich seines gehorsamsten Respekts und bediente mich mit seinem silbernen Benzinbüchschen, das durchaus nicht brennen wollte, geduldig und artig, bedeutete auch dabei mit Augenwink dem Bosnier, daß er sich entferne. Dieser ging davon, aufrecht, ungedemütigt; seinen Schultern merkte man an, daß es ihn innerlich vor Lachen schüttelte. Jenem aber, sei es zur Ehre gesagt, daß er seine Höflichkeit um keinen Grad zurückschraubte, als er nach und nach die Hohlheit meiner prächtigen Hülle erkannte. Die lange Dauer des Kriegs und die traurige Verfassung seiner Nerven beklagend, ging er mit mir noch eine Strecke in den Wald hinein und stellte mir in seinem nahen Unterstand einen Becher Tee in Aussicht, als in der Tiefe plötzlich ungeheurer Lärm losbrach, der uns beiden schnelle Rückkehr zu unseren Dienststellen befahl. Beim Stab erfuhr ich, ein Angriff der Rumänen sei im Gang; man hatte sich aber vorgesehen und erwartete ruhig die weiteren Meldungen. Nach einer Viertelstunde waren die Gegner zurückgeschlagen, einige gefangen. Das Gerücht vom Einsatz russischer Kräfte hat sich nicht bestätigt.

Abends

Gefangene, 1 Offizier und 21 Mann, wurden auf der freien Fläche bei den Gräbern zum Abmarsch aufgestellt. Man sieht es diesen Rumänen an, daß sie gegen uns Deutsche kein gutes Gewissen haben; der Offizier, ein Unterleutnant, senkte beim Salutieren sehr den Kopf, als der Oberst in seiner gottväterlichen Breite an ihm vorüberging. Ein Jude von etwa Dreißig, untersetzt, vollbärtig, macht sich durch Deutschsprechen bemerkbar. „Wir alle“, sagte er, „sind verwundert gewesen, hier auf Deutsche zu stoßen. Wir hassen die Ungarn, ja; aber wir bewundern die Deutschen. Sie sind das wichtigste Volk der Welt, man lernt von ihnen, und sie haben uns nichts Böses getan.“ Der Mann sprach in einem erregten und wohlmeinenden Ton; vielleicht hatte er Furcht, vielleicht war er längere Zeit in Deutschland gewesen. Niemand gibt ihm Antwort. Wo er hinredet, stößt er auf Schweigen; nicht einmal die naheliegende Frage, welche die Franzosen den Unsrigen gern entgegenwerfen, wenn sie in ihre Hand fallen: Warum habt ihr uns Krieg erklärt? richtet man an ihn. Endlich verstummt er.

13. November

Nachts hatte man von den umliegenden Bergen herüber Wolfsgeheul vernommen; die Maultierführer deuten es auf nahen Schneesturm. In unsere Stellung rückten wieder Bosnier; wir verließen um acht Uhr, bei bedecktem Himmel, den Kishavas, nachdem die Quartiermacher schon in der Dämmerung nach Lemhény vorausgegangen waren. Beim Hinuntersteigen mußte ich der irren alten Frau gedenken, doch schlug der Stab einen anderen Pfad ein, und später erfuhr ich, daß jener Steig, als beschwerlicher Umweg, von den Truppen gemieden wird. Es mochte zehn Uhr sein, als uns zum erstenmal die Ebene mit Äckerbraun und Häuserblau erschien, um gleich wieder zu verschwinden, bis plötzlich, im tiefen Winkel zweier blaudunkler Hänge, das Campanilchen von Esztelnek aufschimmerte. Alle erkannten es und jubelten ihm zu; wie ohne Tornister, mit lautem Gesang, eilten die Kolonnen. Aber in raschester Fahrt, mit schrillen Signalen, holten uns österreichische Generalstabsoffiziere ein, winkten den Oberst heran und breiteten Karten vor ihm aus. Ein mächtiges Halt ertönte, Ordonnanzen mußten ihre Räder besteigen, um die vorausmarschierenden Kompagnien zum Stehen zu bringen. Der Gesang brach ab; mißtrauisch im beginnenden Regen wartete die Mannschaft. Nach wenigen Minuten erfolgt Befehl zur Umkehr; es geht unter überfließenden Regenwolken in das Gebirg zurück. Der Oberst berichtet uns, daß wichtige Höhen verlorengegangen seien, darunter der wichtige Grenzberg Runcul mare, der unverzüglich wiedererobert werden müsse. In Oitóz sahen wir den Grafen Tisza, der in bequemer Pelzjoppe, eine graue Mütze in der Hand zwischen Offizieren stand und ein Szeklerregiment an sich vorbeiparadieren ließ. Die Kompagnien wurden in ungeheuren Holzbaracken untergebracht.

Vom Oberst entlassen, suchte ich ohne Verzug den Major und meldete, daß ich den Dienst beim Bataillon wieder übernehme. Er saß allein in einem armseligen Quartier auf zerbrochenem Stuhl und studierte Karten. Der feuchte, finstere Abhang des Kishavas hat sein Leiden wieder aufgestört; er fragte gleich, ob ich noch etliche Pulver habe. Zum Glück war ein kleiner Vorrat geblieben; auch von Vallys trefflicher Schokolade fand sich im Brotbeutel ein letztes Täfelchen. Dieses verzehrend, saßen wir eine halbe Stunde in der windigen Stube beisammen, ohne viel zu reden. Vom Lazarett will er auch jetzt nichts wissen, und ihm vorzuhalten, daß er mit seinen fünfzig Jahren ohne Vorwurf zu Hause sitzen könnte, statt hier in einem unübersehbaren Krieg immer neue winterliche Berge zu erstürmen, hinter denen doch nur neue Feinde stehen werden, wäre kaum angebracht. Im stillen ertappte ich mich auf einer rechten Freude, wieder bei ihm zu sein; so ist wohl einem Raucher zumute, der sein scharfes aber würziges Kraut nach längerer Entbehrung wieder anzündet.

Die Soldaten haben unterdessen Münchener Bier erhalten, und da sie hören, daß wir vorerst nur in Bereitschaft liegen sollen, ja vielleicht gar nicht ernsthaft eingesetzt werden, sind sie, wie Kinder, gleich wieder guter Dinge. Niemand will schlafen; Lärm und Singsang dauern bis Mitternacht.

14. November

Um sieben Uhr weiter bei Regen und Nebel. Drei Leute mußten, als Flecktyphusverdächtige, in Oitóz zurückbleiben. Die Laus, die Einimpferin der Seuche, vor kurzem nur lächerlich und ekelhaft, zeigt sich allmählich als teuflischer unabwehrbarer Feind. Seit Monaten quält sie den Leib; oft ist es, als ob sich die Haut an tausend einzelnen Pünktchen entzünde, sie zersetzt Gedanken und Träume, jetzt versucht sie zu töten. Am Kishavas war mir aufgefallen, daß die Stelle meines Hemdes, über welcher die Zweige der Frau von Szentlélek stecken, fast läusefrei geblieben ist. Ich schloß daraus, daß die ätherischen Öle gewisser Pflanzen dem Ungeziefer noch verhaßter sein müßten, als das Naphthalin, das uns ohnehin immer spärlicher zugewiesen wird, und raufte wilde Minze ab, die dort noch vielfach in fetten bläulich-grünen Stauden wächst. Zweimal am Tage zerrieb ich mir Blätter und Stengel an der Haut, habe mir auch einen guten Vorrat mitgenommen. Anfangs verschärften sich Jucken und Brennen; die Nachwirkung aber ist vorderhand wohltätig.