Um ein Uhr ganz nahes Geknall; Kugeln zischten über uns. Wir machten halt an einem früheren Zollgebäude, wo schon ein Verbandplatz unseres Regiments errichtet ist. Das dritte Bataillon steht mit Rumänen im Gefecht. Verwundete liegen in allen Räumen, viele draußen im Regen auf Gras und Spreu. Ein Priester, leuchtend-bleichen Gesichts, wandelt zwischen Sterbenden, flüstert ihnen vertraulich zu, netzt sie mit geweihtem Öl, fragt nach ihren letzten Vermächtnissen und Wünschen, dazu nach den Adressen ihrer Angehörigen; dies alles schreibt er sorglich in ein dunkelgrün gebundenes Buch.
Ich ließ mich zu Dr. Fellerer, dem neuen Regimentsarzt, führen, von dem ich Starrkrampf-Serum zu erhalten hoffte. In einem Saal neben dem Hausflur bemühte er sich um gefährlich Verletzte; mein Eintreten bemerkte er nicht. Jetzt ihn zu stören war nahezu frevelhaft; aber mein Zweck hielt mich fest, und auch als Zuschauer blieb ich gerne; denn nie hatte ich einen schwierigen Dienst mit solcher Leichtigkeit, Sicherheit, Freiwilligkeit vollbringen gesehen. Diesen Arzt scheint nichts zu drängen und zu hetzen, und ob er blutende Schlagadern unterbindet oder zerbrochene Glieder in Schienen schmiegt, seinen Händen legt sich alles wie von selber zurecht. Das innig-nüchterne Handeln, zu dem auch wir hinstreben, hier geschah es inmitten ungeheurer Zerstörungen still und klar.
Endlich traf mich sein Blick, und nun erhielt ich Serum zugeteilt, soviel ich wünschte, hatte nur etwas Morphium dagegen zu liefern.
Sechs Leute, Deutsche und Rumänen, liegen abgesondert auf Stroh. Es sind Bauchschüsse, für die noch keine geeigneten Träger zur Stelle sind; sie bekommen alle zehn Minuten heiße Kompressen aufgelegt, und Fellerer bittet mich, dieses Verfahren gleichfalls anzuwenden. Er hat öfters davon Heilungen gesehen.
Wir hatten erwartet, sogleich eingesetzt zu werden; aber man bedarf unser noch nicht.
Unter einem Regen, der fallend gefror und halb in Tropfen, halb in Eisperlen auftraf, stiegen wir in eine Schlucht hinab und schlugen zwischen sehr alten, mit Islandflechte verkleideten Fichten die Zelte auf. Ein hoher Berg deckt uns vor dem Feind; es ist gestattet, Feuer anzuzünden, aber das nasse Holz will nicht brennen. Auch der Hunger begann zu nagen. Das Brot ist diesmal schlecht gebacken, halb noch Teig, halb verschimmelt. Immerhin hätte man gern das leidlich Eßbare ausgeschnitten, wenn sich etwas Marmelade dazu gefunden hätte; aber diese ist ausgeblieben. Da gedachte ich der großen Blechbüchse, welche die gute Frau Margarete von Schalding, erkenntlich für längst verjährte Hilfe gegen schleichende Krankheit, mir gesandt hatte, als wir noch in Libermont lagen. Den Inhalt kannte ich nicht; schwerlich war er in unsrer Lage unwillkommen. Rehm grub sie vom Grunde des Rucksacks herauf und schnitt behutsam den Deckel los; mit goldbraunflüssigem Bienenhonig war sie bis zum Rande gefüllt. Und nun scheint sich das Wunder der Vermehrung zu erneuern: die Bewohner dreier Zelte sind schon erquickt und noch immer das Gefäß bis über die Hälfte voll.
Abends sechs Uhr
Noch einmal ist mir die Rolle des Helfers zugefallen. Als gar kein Feuer zustande kommen wollte, fiel mit Reginas wächserne Reliquie ein, die sich in einem Seitenfach der Verbandtasche befinden mußte. Mein Zelt steht etwas abseits von den andern hinter einem Stamm; niemand gab gerade auf mich acht. Im Nu war das Kästchen zu Spänen zerschnitzt und angezündet, sodann die wächserne Hand daraufgelegt. Das Rot schmolz ab, der weiße Kern kam zum Vorschein, und bald schlug mit Geprassel das wachsbetropfte harzreiche Holz zu Flammen auf. Jubelnd begrüßten die Genossen mein unverhofftes Opferfeuer, aus allen Zelten kamen sie, um Glut zu holen, und Reginchen selber müßte sich daran freuen, wie nun die ganze Schlucht von Bränden lodert und sprüht.
16. November 1916
Hallesul, am Fuß des Runcul mare
Um halb zwei Uhr wurden wir geweckt, die Zelte abgebrochen, alles rasch zusammengepackt; fast schlaftrunken brachen wir auf. Eine Strecke leuchteten uns herabgebrannte Lagerfeuer nach, dann tappten wir in Waldfinsternis aufwärts. Jeder sucht irgendeine Helligkeit an der Figur des Vorausgehenden; mich führte der schwache Glanz eines Zinnbechers an einem Gürtel. Schnee fiel durch Nebel; es wurde dabei lichter: der Mond mußte über uns stehen. Immer schneller vollzog sich die Bewegung, bald an Abgründen, bald über Stege, bald um Felsen herum, stundenlang. Die Soldaten trugen das leichteste Sturmgepäck; die Tornister sind in Oitóz aufbewahrt.