Bei Tagesgrauen Gewehrfeuer, das bald verstummte. Nach Sonnenaufgang öffnete sich der trübe Himmel; man sah hinter durchsichtigem Wolkenhäutchen den abnehmenden Mond als embryonenhafte Goldgestalt. Die Krankenträger sind eingetroffen, und nach und nach werden alle Verwundeten fortgetragen. Pirkl muß hierbleiben; er ist fast ohne Puls und würde vermutlich als Leiche nach Ojtóz kommen. Sein Bruder hat auf eine Stunde Erlaubnis erhalten, ihn zu besuchen. Da er sich nicht mehr mit ihm verständigen kann, so benutzt er die Frist, um dem noch Lebenden ein Grab zu graben und ein Kreuz zu schnitzen, auf dem er sehr sorgfältig mit blauem Stifte den Namen des Gefallenen verzeichnet.

Um neun Uhr erscheinen unter Führung eines fahnentragenden Rabbiners dreizehn Rumänen mit Gewehren und Munition, erbitten Gehör bei dem ungarischen Hauptmann und ergeben sich ihm in aller Form. Der Aufzug war ein bißchen bühnenmäßig, wofür Ungarn wie Rumänen gewiß mehr Sinn haben als wir. Der Tag vergeht ruhig. Die Kälte hat nachgelassen; Föhnwind leckt Eis und Schnee von den schwarzen Felsen. Oft geht man durch eine Welle sehr warmer Luft, als ob Öfen in der Nähe stünden. Blasse Sonne, breit zerfließend, steht in löschpapierweißem Dunst. Am Abend ziehen die ungarischen Sanitätsfähnriche lange Flaschen aus ihren geräumigen Tragkörben, dazu feine geschliffene Gläser und erquicken sich und uns mit heißem Wein.

18. November

Kein Wunder, daß man viel schläft und viel träumt in dem Winterwaldzwielicht. Wehrt man sich dagegen, so wird es nur schlimmer. In Frankreich, vor dem Urlaub, als ich noch an ein sehr nahes Ende des Krieges glaubte, war aller Traum nur Träumerei; locker und sinnlos fand ich mich unter Frauen und Freunde verspielt, kein Traum wußte etwas vom andern. Seit aber von Frieden und Heimkehr nicht mehr die Rede ist, scheint nicht nur die Leuchtkraft aller Gesichte zu wachsen; es ist auch, als versteckten sie vor mir ein geheimes Ziel, dem sie mich auf Umwegen zuführen wollen. Zuweilen werden sie durch ein äußeres Ereignis von ihrer breiten Entwicklung abgedrängt und grob skizzenhaft beendet. Heute morgen schlug eine Granate vor dem Unterstand ein und weckte mich aus einem Traum, der seltsam deutlich blieb, weil er, wie ein jäh aufgedeckter Maulwurf, keine Zeit mehr fand, sich zu verschlüpfen. Ich war nachts einmal aufgewacht und hatte bemerkt, daß der Unterstand von Mäusen bewohnt ist. Sie huschten über das Tischchen, knabberten am Brot und streiften einige Male so kunstreich an den geschliffenen Gläsern der Ungarn hin, daß es eine gar liebliche Folge heller Klänge gab. Dadurch war das Widerliche des Getiers auf einmal aufgehoben, etwas geisterlich Koboldisches lag in der Luft, und vor einem ganzen Theater lustigster Mäusemetamorphosen schlief ich ein. Immer mehr entfärbten sich dabei die Tiere; schließlich waren sie alle glänzend weiß und liefen auf einer grünen Fläche hin und her. Als ich sie aber näher betrachten wollte, stand ich am Billardtisch eines dunstigen Kaffeehauses, wo ein unsichtbares Orchester fernher dudelte, und statt der Mäuse sah ich weiße Kugeln auf dem grünen Tuche laufen. Einziger Spieler am Billard war jener Rumäne, dem wir auf dem Berge das Morphium eingespritzt haben. Mit wiegendem Tänzerschritt umkreiste er den Tisch und hielt mit leisen deutenden Bewegungen seines Stabes die weißen Bälle in Lauf, ohne sie zu berühren. Diese wurden immer glänzender; wie Kreisel summend, mit sphärischer Sicherheit rollten sie hin und her auf dem grünen Stoff; keiner störte den andern, und wenn sie von einem Rande zurückschnellten, verstärkten sie Geschwindigkeit und Licht. Eigentlich glichen sie einander genau; doch dünkte mich bald einer besonders herrlich, ja, ich fühlte mein ganzes Schicksal an ihn gebunden, – wenn er stillstand oder mit einem anderen zusammenstieß, mußte grenzenloses Unheil geschehen. In einiger Entfernung ging Regina als Scheuermädchen von Tisch zu Tisch, las Zigarrenstummel und zerbrochene Gläser auf und warf sie in einen Kehrichteimer, den sie mühsam daherschleppte. Plötzlich stand sie bei mir und flüsterte: „Weißt du’s schon? Eben bin ich deinem Schatten begegnet.“ Dann trat sie an das Billard, ergriff gelassen meine wunderbare Kugel, warf sie zu dem übrigen Kehricht und setzte den Deckel auf den Eimer. Der Rumäne, der nun auf einmal Glavina glich, spielte weiter; seine Augenhöhlen waren voll Schnee, er schien nichts zu vermissen. Ich aber hob die Hand und schlug Regina auf die Stirne, da schlief sie stehend mit unbeschreiblich seligem Lächeln ein. Der Ball jedoch gab im Eimer keine Ruhe; man hörte ihn mit immer höherem Tone weiter kreiseln und mitunter pfeifen, wie Mäuse pfeifen. Dabei wurde der Boden unruhig; ich hatte Mühe, mich aufrechtzuhalten. Alles schwankte; Regina, die schlaferstarrte, noch immer lächelnd, neigte sich wie eine Bildsäule, übermenschlich groß, zu mir herüber, wie um mich zu erschlagen. Und das war die Sekunde, wo draußen mit heulendem Knall das Geschoß zersprang! Ich stand im Nu auf den Beinen. Ein langhallender Schrei erscholl, der plötzlich abbrach, als hätte er die Stimmbänder des Schreienden zerrissen. Raab, Rehm und einige Verwundete rannten zur Tür; andere, schutzsuchend, drängten von außen herein. Neben dem Trichter lag ein ungarischer Soldat, bereits tot. Sonst ist niemand verletzt. Die Granate muß ein Irrgänger gewesen sein; keine weitere ist nachgefolgt.

*

Infanterist Pirkl, nachdem er nun zwei Tage lang ohne Bewußtsein im Verbandraum gelegen, bekam heute, nach der zehnten Digipuratum-Einspritzung, einen kräftigen Puls, begann auch wieder tief zu atmen. Völlig zu sich gekommen trank er einen halben Feldkessel Tee und aß Konservenfleisch. In seinem eignen Kote liegend, fühlte er sich höchst unbehaglich, stand alsbald auf und ging ins Freie, sich zu reinigen, wobei er plötzlich das Kreuz zu sehen bekam, das sein Bruder für ihn geschnitzt hat. Aufmerksam las er darauf seinen Namen, sah dann ins offene Grab hinein und rieb sich lange die Augen. Auf einmal fing er so herzlich zu lachen an, daß der Verband, der locker geworden war, wie eine Haube hinten hinabfiel. Dabei schnippte er mit den Fingern, wie einer, der einem Mordsspaß auf die Spur gekommen ist, und setzte lachend seinen Weg fort. Ohne Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen ist seine Verwundung kaum erklärbar. Die Kugel ist augenscheinlich gar nicht in den Schädel selbst eingedrungen, sondern hat nur die Halswirbelsäule, dicht unter dem kleinen Hirn, verletzt.

20. November

Der trübe Tag vergeht ohne größere Gefechte. Regen hat alle Toten aus dem Schnee hervorgewaschen; einer nach dem andern wird nun begraben. Viele Leute melden sich krank; eine trockene, schmerzhafte Augenentzündung befällt uns fast alle. Manche fiebern, und wieder sind einigen die Zehen erfroren. Dazu fallen immer wieder Unvorsichtige den feindlichen Scharfschützen zum Opfer, die sich auf Bäumen versteckt halten. Halbe Tage lauern sie voll Tiergeduld, ob keiner der Unsrigen sich einmal vergißt und seine Deckung verläßt, ein katziges Kriegführen, zu dem gewiß kein Soldat der Erde weniger taugt als der deutsche. Wer noch leidlich gesund ist, sieht übrigens nicht ohne Genugtuung die sogenannte Gefechtsstärke dem Minimum entgegensinken, das Ablösung bedeutet, und nachsichtig schweigt sogar der Major, wenn ich mich beim Überweisen in die Lazarette ziemlich liberal verhalte. Leutnant Leverenz behauptet freilich, daß ich ärger als der Feind den Bestand an Gewehren vermindere, gibt aber zu, daß auch dem Tüchtigsten hier nicht mehr als drei Tage und Nächte zugemutet werden können. Es gibt keine Unterstände auf dem Berg; hinter Steinen und Bäumen liegt der Soldat im nassen Schnee, er darf kein Feuer anzünden und, solang es hell ist, den Kopf nicht erheben. Die größte Pein aber ist für uns alle der Durst, der mit ungeheurem Ekel vor dem Trinken verbunden ist. Im Schmelzwasser, das von den blutüberstrudelten Hängen heruntersickert, ist beginnende Verwesung so reichlich gelöst, daß wir es nicht einmal zum Teekochen, noch weniger zum Trinken gebrauchen mögen.

Kézdi-Almás, 22. November 1916

Gestern am Abend von preußischer Landwehr abgelöst, stiegen wir durch feuchtes Gestöber nach Ojtóz hinab, wobei uns mehrmals im Dunkel der Weg abhanden kam. Ob es möglich sei, daß der Kopf sekundenlang schläft, während sich die Beine regelrecht weiterbewegen, entscheide ich nicht, weiß nur, daß mir einmal auf diesem Nachtmarsch eine blaue Schale mit goldenen Zeichen dicht vor den Augen erschien, worauf ich wie aufwachend emporfuhr und mich deutlich erquickt fühlte. Nach Mitternacht erreichten wir die Baracken. Früh nach acht Uhr, bei aufgehelltem Wetter, zogen wir weiter, nachdem die Leute ihre Tornister zurückerhalten hatten; die Tornister der Toten wurden auf einem großen Wagen nachgefahren. Das Bataillon ist klein geworden; auf der Landstraße fiel dies recht in die Augen. Eine Strecke vor Kézdi-Almás sahen wir den Oberst mit Regimentsstab und vollzähliger Musikkapelle stehen; sie warteten auf uns. Als wir in gute Hörnähe gekommen waren, flog ein heller Trommelwirbel auf, dem leichte Melodien folgten, dann schmetterte sich ein Marsch aus ‚Carmen‘ gewaltig aus. Unsere schmutzgraue Schar, die so gebeugt und müde dahinschwankte, als wäre sie besiegt, begann sich zu straffen; allmählich begriff sie die Ehrung, die der alte Oberst ihr erweisen ließ. Nach ‚Carmen‘ folgte das Lied vom guten Kameraden, und nun endete die Musik nicht mehr, bis unsere Spitze das Dorf erreichte, dessen Kinder, von den Klängen gelockt, uns mit entzückten Gesichtern entgegenliefen.