Der Tag vergeht ruhig, doch meldeten sich mehrere Leute wegen Brustbeklemmungen in das Revier. Beim Untersuchen zeigt sich ein häufiges Ausbleiben der Herzschläge. In das Lazarett will keiner; jeder hofft auf Ruhewochen und gibt sich mit Baldriantropfen zufrieden. Als Raab den Sanitätswagen aufsperren wollte, fehlte der Schlüssel, und kein Schlosser läßt sich im Dörfchen auftreiben. Für den Augenblick freilich genügen die Vorräte, die wir noch in den Verbandtaschen haben. Dehm und Raab sind sich fast böse geworden, weil einer dem andern den Schlüsselverlust vorwirft.
Die Quartiere werden gelobt. Ich habe eine große Stube, deren Boden mit feinem Sande bestreut ist; ein Drudenkreuz, mit Werkzeug behangen, ist an der Wand befestigt, das breite Bett mit rotgefärbten Fellen überbreitet. Das Schönste ist ein großer Apfelgarten hinter dem Hause. Von hohen dichten Weidengeflechten umgeben, liegt er wie in einem Korb. In einer Ecke blüht noch ein hoher Sonnenblumenspätling. Der schwarzgelbe Teller hat sich weit vorgestülpt und am Rande nach unten umgebogen, so gewaltig war im Sommer der Wille der Blume, dem Sonnenstand überallhin zu folgen. Jetzt ist stellenweise der blühende Samt leichenfarb gefleckt oder ausgefallen, die graue Samenmosaik entblößt. Als ich eben vorbeiging, flog ein grauer Vogel ab, einen Kern im Schnabel, und entschwirrte in die Dämmerung.
Kézdi-Almás, 25. November 1916
Für die nächsten zwei Tage scheinen wir noch sicher vor Alarmierung. Man richtet sich ein; viele packen Bücher und gute Uniformen aus, mancher stellt eine Photographie auf den Tisch. Mein Quartier ist voll Unruhe; alle Nachbarn gehen ein und aus, ein altes Weib war eben hier und bettelte um Schnaps. Heute mittag wurde ich Zeuge einer Szene, die, für sich betrachtet, vielleicht nichts bedeutet, und doch ist mir, als ginge sie mich und manchen andern an. Vor Wochen sind im Hause viele Katzen zur Welt gekommen, die nun lästig werden, zumal es an Milch für sie fehlt. Ein etwa fünfzehnjähriger Bursche, der hier bedienstet ist, scheint Auftrag erhalten zu haben, die überzähligen Tiere zu beseitigen. In der Stube schreibend, sah ich, wie er sie über den Hof trug, und, bevor ich seine Absicht erkannte, eines nach dem andern unglaublich geschwind an die Scheunenwand schmetterte, vor der sie liegen blieben; dann kehrte er pfeifend, die Arme schlenkernd, wie es seine Art ist, in die Küche zurück, wo gerade das Essen aufgetragen wurde, setzte sich zu den andern und aß gemütlich. Eines aber der hingerichteten Kätzchen, ein blaugraues, weiß von Gesicht, Brust und Beinen, mit einem silberhellen Flöckchen im Nacken, von den anderen durchaus verschieden, war nur betäubt worden und erholte sich nach und nach. Taumelig versuchte es kleine Schritte, blieb stehen, wischte sich mit dem Pfötchen einige Male über die Ohren, als ob es dadurch schneller zur Besinnung käme, und, schlich sodann über den Hof in das Haus zurück. Nun erst bemerkte ich, daß es am Kinn blutete, sonst schien es unversehrt. Zögernd kam es zur Küchentür herein und blickte sich um. Als es die schmausenden Leute sah, bemühte es sich, auf die Bank zu springen, was ihm, nach etlichen Ansätzen, auch gelang; dann saß es eine Weile still. Endlich schmiegte es sich, zutraulich bittend, an den Ellenbogen seines behaglich kauenden Mörders. Ich konnte ihn von meinem verborgenen Tischchen aus beobachten, kein Zug ging mir verloren. Als er das Tier gewahrte, aß er zuerst noch ein Weilchen weiter; auf einmal wars, als kämpfe er mit einer Übelkeit, er bekam eine Art Schlucken und legte den Löffel weg. Sobald die andern fortgegangen waren, berührte er das Kätzchen vorsichtig, wie wenn er sich vor ihm fürchtete oder seine leibhaftige Gegenwart bezweifelte. Schließlich stellte ers mit aller Behutsamkeit, deren er wohl fähig ist, als wärs eine Porzellanfigur, auf den Tisch und bröckelte ihm seine stehengelassenen Fleisch- und Brotreste hin. Es fraß ein wenig davon, und das freute ihn sichtlich. Als die Hausfrau hereinkam, redete er sehr eindringlich auf sie los; ich vernahm öfters das Wort Matschka, dabei deutete er immer wieder auf die Katze. Die Frau sah das Tier schweigend an und entfernte sich wieder. Der Bursche geht seither wieder auf dem Hofe seiner Arbeit nach. Die totgebliebenen hat er so vorsichtig wie das lebendige aufgenommen und weggetragen. Er kommt mir in seinem Wesen einigermaßen verändert vor, wacheres Gesicht, festerer Gang, auch hab ich ihn seither nicht pfeifen gehört.
Morgen kommt der österreichische Thronfolger und hält bei Lemhény eine Truppenbesichtigung ab. Ich erkläre mich als erholungsbedürftig und bitte, in Kézdi-Almás bleiben zu dürfen. Es wird sehr windig und kalt.
28. November
Das blaugraue Kätzchen ist heute verendet, und weil mir eine freie Stunde gegönnt ist, will ich mir die kurze Geschichte seines Leidens aufzeichnen; gehört sie doch auch zu meinem Tag. Früh weckte mich gestern leises Wimmern und Murren. In der großen Stube, mit ganz verschaudertem Gesicht, kauerte der junge Ungar am Boden und schob dem Tier bald ein Wasser-, bald ein Milchnäpfchen zu. Es hatte nachts Blut, morgens Galle gespien. Die Milch beachtete es gar nicht; auf das Wasser blickte es unverwandt. Als ich mich näherte, hob es langsam den Kopf wie ein müder, trauriger Mensch. Das Gesicht war viel kleiner geworden, das goldumrandete Bernsteingelb der Augen getrübt, die Nase sehr heiß. Es hatte gewiß Fieber und brennenden Durst. Bald weinend, bald brummend näherte es nun seine Schnauze dem Wasser, zitterte aber bei jeder Berührung mit einem zornigen Laut zurück; es war zu sehen, daß ihm der Trinkversuch Schmerz bereitete. Aber immer wieder trieb es rasende Begierde dem Wasser zu. Plötzlich tauchte es eine Vorderpfote ein, dann die andere; schließlich wollte es ganz in den Topf hineinsteigen, der aber viel zu klein war. Man füllte eine große Schüssel; da legte es sich hinein mit seinem ganzen inneren Brand und blieb eine Weile ruhig.
Indessen war die Bäuerin eingetreten; Kinder und Nachbarinnen kamen, ein Kreis von Neugier und Erbarmen zog sich um das arme Tier und seine Qual. Noch vorgestern hatte man es achtlos fortgeworfen; jetzt aber dachte niemand daran, es durch schnelle Tötung zu erlösen; jeder fand nur, daß es ein reizendes Kätzchen sei, und wußte einen Rat, ein Mittelchen, um es zu heilen. Als wäre es durch sein Leiden in göttliche Nähe gerückt, hatte man fast Ehrfurcht vor ihm, besonders die Kinder. Und wirklich war etwas Bewundernswertes in der Haltung der kleinen Katze, etwas kaum Beschreibliches, das sie über ihren Zustand erhöhte, eine Art Stolz, ein Bewußtsein ihrer eingebornen wilden Anmut, welche der Tod wohl nach und nach abtragen oder zertreten, aber keineswegs beugen konnte. Wie es, vom eigenen Elend wegblickend, sich bemühte, seinem Wesen treu zu bleiben, wie es, schon von der Vernichtung geschüttelt, seine Würde behielt und die feine Neigung des Köpfchens nicht aufgab, dies war es, was alle sicherlich viel stärker ergriff, als das Leiden selbst. Etwas Geistiges ist hier verbürgt, und die alten Ägypter haben wohl gewußt, warum sie dieses Tier heilig hielten und seine Mörder bestraften.
Bald hatten übrigens die Leutchen von Kézdi-Almás all ihren guten Rat erschöpft und sahen schließlich voll Erwartung auf mich. Dehm, der gerade dazu kam, riet zu Morphium, ich gab Atropin dazu. Wir ließen das Kätzchen aus dem Bade heben und spritzten ihm eine winzige Menge der Lösung in den Schenkel, worüber ein kleines Mädchen laut aufschrie. Matschka jedoch zuckte bei dem Einstich nicht einmal, so ganz war sie von der Pein ihrer Eingeweide erfüllt. Nach drei Minuten ging sie auf ein Fleckchen Sonnenschein zu, das auf der Diele leuchtete, streckte sich behaglich aus, legte den Kopf auf die Vorderpfoten und schlief ein, zuweilen im Traum leise knurrend. So fanden wir sie noch spät, als längst keine Sonne mehr schien, da begann wieder das vergebliche Wandern zum Wasser. Wir wiederholten die Einspritzung in dreifacher Stärke. Daraufhin wurde sie zunächst sehr munter, fast ausgelassen und machte sonderbar schelmische Gebärden, als verändere ein beginnender Wahnsinn ihre Natur, doch blieb sie immer schön im Einklang ihrer Bewegungen. Plötzlich sprang sie zu mir herauf und umschnupperte mein Gesicht. Ich hob sie weg zu meinen Füßen hinunter; sie ließ es brummend geschehen und schlief auf einmal ein. Um zwei Uhr erwacht, beleuchtete ich sie mit der Taschenlampe; sie schlief unter leichten Zuckungen. Den Schweif hatte sie bequem um sich herumgelegt, der Kopf ruhte auf meinem linken Fuß. Die Lage war lästig, und ich wollte den Fuß wegziehen, da erhob sie aber ein sehr ärgerliches Geknurr und tat gar, als wolle sie mich in die Zehen beißen. So faßte ich mich denn in Höflichkeit, die wir einem sterbenden Wesen wohl schuldig sind, und rührte mich nicht weiter. Durch das kleine Tier zur Ruhe gezwungen, bemerkte ich übrigens bald eine Veränderung an mir, eine seltsame innere Stille und Gesammeltheit, wie sie, glaub ich, die Mönche als Einkehr bezeichnen. Der Körper empfand sich leichter, das Denken geschah freier und sicherer als sonst. Lebhafte Vorstellungen vom Wesen gewisser Krankheiten drängten sich als erstes auf; ich wußte plötzlich, daß man sie weit einfacher behandeln könnte als bisher. Dabei blieb mir immer bewußt, daß es Matschka war, der ich den gesteigerten Zustand verdankte, und nie vielleicht bin ich mehr davon überzeugt gewesen, daß wir nicht nur von Menschen, Geistern und Sternen, sondern oft auch von Tieren, Pflanzen, ja sogar von unbelebten Stoffen unmerklich zu uns selber geführt werden, worauf am Ende doch alles hinausgeht, was wir Gnade nennen. Und nun flog mir geschwind und klar alles durch den Kopf, was ich jemals über Katzen Gutes gehört und gelesen, zuletzt auch die rührende Mythe von jener sintflutartigen Überschwemmung, welche die Mutter so oft erzählt hatte. Ein Knäblein schwamm in seiner Wiege mitten auf dem unendlichen windbewegten Gewässer. Bei ihm befand sich eine Katze, und jedesmal, wenn die Wiege umzukippen drohte, sprang das behende Tier auf die andere Seite, um das Gleichgewicht herzustellen, bis endlich das kleine Boot in der Krone einer hohen Eiche hängen blieb. Die Flut verlief sich, man holte die Wiege herunter und fand Kind und Katze lebend und unversehrt. Da man des Knäbleins Eltern nicht kannte, so nannte man es Dold, was soviel heißt als Wipfel, und es wurde der Stammvater eines großen berühmten Geschlechts.
Von solchen Erinnerungen aus lief das Denken weiter durch manches Gebiet, um endlich in das nächste, nüchternste, für den Augenblick erwünschteste heimzukehren. Mit einem Male wußte ich nämlich genau, daß in einer der großen Ledertaschen, zwischen Verbandpäckchen und Instrumenten, der Schlüssel zum Sanitätswagen liegen müsse; vermutlich hab ich ihn selber dorthin verräumt. Dieser Sorge ledig, nickte ich fast wider Willen ein und schlief, bis mich Rehm, Tee bringend, weckte. Sogleich ließ ich den Schlüssel suchen; wirklich fand er sich an der gedachten Stelle. Matschka aber erwachte nicht mehr. Während ich aufstand, setzte ihr Atem aus, dann kam ein schnelles hartes Gestöhn, endlich noch ein tiefer, fast behaglicher Atemzug.