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„Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwölften Stunden! Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebäude!“

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Einhalb fünf Uhr. Heftigen Schrittes tritt ein der Major, mit ihm der Adjutant. Hinterher kommen verwundete Deutsche und Russen. Unverwundet ist nur ein junger Russe mit grünlichbraunem Gesicht und überhellen Sperberaugen. Er soll vernommen werden; aber niemand spricht Russisch. Aus verbündeten Truppenteilen, die in der Nähe liegen, werden Leute zusammengeholt, ein Bosnier, ein Pole und ein Ukrainer, der wohl Russisch, nicht aber Deutsch versteht. Durch vier Sprachen gehen Frage und Antwort hin und her. Der junge Bursche, scharf befragt über Stellung und Stärke seines Regiments, spielt auf kindlichste Weise den Einfältigen, sagt lauter unmögliche Dinge. Der Major läßt ihm zwei Fasttage androhen, falls er nicht vernünftig antworte. Er zuckt zusammen wie gepeitscht, senkt den Kopf, spricht keine Silbe mehr. „Braver Kerl“, brummt der Alte und bedrängt ihn nicht länger. Plötzlich sucht der Russe in seinen Taschen herum, schüttelt verzweiflungsvoll den Kopf, redet heiser auf den Ukrainer ein. Spannung entsteht, Aufschlüsse werden erwartet, der Adjutant überspitzt seinen Bleistift. Aber ein Dolmetsch nach dem andern lacht. Was wir erfahren ist nur, daß der Gefangene im Gefecht seinen Tabak verloren hat; flehentlich läßt er um etliche Zigaretten bitten. Der Bosniak erfüllt seinen Wunsch, der Russe zündet an und setzt sich, da sich niemand weiter um ihn kümmert, auf einen nahen Stuhl, wo ihm Kopf und Arme sogleich niedersinken. Die Zigarette entfällt seiner Hand; er schnarcht.

Ordonnanzen kommen. Der Angriff ist abgeschlagen. Der Feind hat alles gewonnene Gelände wieder verloren. Die Ebene wird leer. Ein Rabenzug fliegt niedrig über das Tal. Der junge Russe wird unsanft zum Abmarsch geweckt. Der Major befiehlt mich für morgen zum Mittagessen nach Hosszuhavas.

Es war schon ganz finster, als ich mich im Nebenraum nach Kristl umsah. Er hatte sich aufgerichtet.

„Sind Russen da?“

„Ja, Gefangene. Sind schon abgeführt.“

„Ach so, Gefangene“, wiederholt er mißtrauisch.

„Aber der General Brussilow ist doch vorbeigefahren auf einem feurigen Wagen?“