Ein kleiner ungarischer Schlitten mit zwei brennenden Laternchen war vor einer Minute am Fenster vorbeigekommen. Das muß der feurige Wagen gewesen sein. Ich bewies es ihm umständlich, und er schien es nicht zu verwerfen. Erklärte ihm auch, daß er morgen nach Palanka gehen und von dort aus in die Heimat fahren dürfe. Er zeigte keine Freude. „Dahinten sind lauter fremde Leute“, sagte er.
Sehr bestimmt kündigte ich ihm schließlich an, er werde jetzt gleich wieder einschlafen, morgen früh aber, sobald ich ihn kräftig anhauche, wieder erwachen, ohne Furcht aufstehen, Tee trinken, Weißbrot mit Marmelade essen und guter Dinge sein. Er versuchte eine stramme Haltung und sagte: Zu Befehl. Es bedurfte nur einiger streichender Bewegungen über sein Gesicht, um ihn wieder einzuschläfern.
Bevor ich mich niederlege, noch einmal zu Glavina:
„Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlaßt ihr einander Zeichen, sogar in Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am Wege, vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwörung wilde Vögel vom Himmel, schreibt auf weißen Fittich purpurne Liebesrunen.“
6. Dezember, mittags
Die Aktion begann im Morgengrauen und ging auf wie eine Gleichung; seit neun Uhr steht kein Russe mehr auf dem Mihályszállás; sie sind bis zum Monte Ardelle zurückgegangen. Die Aufgabe ist gelöst; vor zehn Uhr sind bereits ungarische Offiziere eingetroffen, um die Stellung kennen zu lernen, die morgen ihr Bataillon von uns übernehmen soll.
Kristl ward um elf Uhr wachgehaucht, stand sofort auf, aß mit großem Hunger. Nun wir ihm aber eröffnen, daß er, mit einem ärztlichen Bericht versehen, nach Palanka gehen dürfe, um von dort aus nach Bayern zu kommen, will sich sein Gesicht gleich wieder ins Störrische verziehen, doch nimmt er sich zusammen und bittet schließlich mit überlegten und herzlichen Worten, ich solle ihn doch hier lassen. Fast könnte man glauben, sein Gedächtnis für die Heimat sei abgeschwächt; jede Veränderung scheint er zu fürchten und an unseren paar Gesichtern zu hängen, als wären sie die Welt. Aber was tu ich mit einem so zerspringlichen Wesen in dieser schwelenden Luft? Und der Major und Leverenz, was werden sie dazu sagen? Voreilig äußert Raab, wir würden ja nun doch in Ruhe kommen; falls Kristl vom Sanitätsdienst etwas verstehe, könne er wohl noch etliche Tage bleiben und im Revier ein wenig helfen. „Ich bin als Krankenträger ausgebildet“, fällt Kristl eifrig ein; „Verbände mache ich die allerschönsten, auch Arm- und Beinschienen.“ Ich versprach, mir die Sache zu überlegen und mit Kommandeur und Kompagnieführer zu besprechen. Vorderhand bleibt er als Revierkranker in Beobachtung und meldet sich zweimal am Tage bei mir. Er geht sogleich mit Raab, sucht sich nützlich zu machen, putzt Flaschen und Instrumente, wickelt Mullbinden auf.
Abends
Während des Mittagessens tritt, ohne anzuklopfen, ein junger Mann in ungarischer Tracht herein, lächelt freundlich nach allen Seiten, geht, ohne den buntumschnürten braunen Filzhut abzunehmen, um uns herum, redet kein Wort, betrachtet die Wände, betastet zärtlich Schrank, Bild, Spiegel und Fensterglas, dann sieht er mit großer Innigkeit auf uns, man merkt ihm an, daß er unendlich viel zu sagen hätte. Der Major, erzürnt über die Störung, springt auf und bedeutet ihm, sich zu entfernen. Der Bursche, ohne jedes Zeichen des Unmuts oder der Verwunderung, tritt näher, streift den Ärmel hinauf und zeigt schweigend eine lange, tief eingezogene noch frischrote Narbe. Endlich, indessen der Major weiterschilt, geht er sehr langsam hinaus, nicht ohne uns unter der Tür noch einmal zuzulächeln. Kaum ist er draußen, scheint unsern Gebieter sein Zorn zu reuen, und schnell bediene ich mich der gemilderten Stimmung, um mein Anliegen vorzutragen, sage, daß Kristl als Infanterist nicht mehr tauge, daß er in die Heimat gesandt oder probeweise anderswie verwendet werden müsse. „Wie wäre er verwendbar?“ – „Als Krankenträger.“ – „Ist er als solcher ausgebildet?“ – „Ja.“ Die Versetzung wird gutgeheißen und gleich durch Ferngespräch mit Leverenz geregelt, der bei guter Laune ist, Kristl einen Weihnachtsurlaub zudenkt und das Eiserne Kreuz für ihn bereitgelegt hat.