Mittags abgelöst brachen wir auf nach dem Bálványostal, das nahe bei Gymesbükk zum Trotusul herabfällt. Auf Gebirgswegen zogen die Kompagnien; wir drei, Major, Adjutant und ich, ritten den zugefrorenen Hidegség entlang, zuweilen über ihn weg. Vom starken Glanz eines zertrümmerten Eisblocks geblendet, scheuten die drei Gäule auf einmal und wollten in hohen Sprüngen davon, beruhigten sich aber bald. In scharfem Trab ging es weiter, oft im Galopp, wozu die Pferde nicht viel Ansporn brauchten; sie fühlen sich bei sachter Gangart auf dem Eise nicht sicher und freuen sich, die Hufe mit aller Kraft einzuschlagen. Wir holten einen Verwundeten ein, der durch gelockerten Verband nachblutete; bei ihm verhielt ich mich und ritt alsdann allein weiter. Der Himmel streifte sich, es roch nach Schnee. Schon traten die Häuser von Gymesbükk hervor, da sah ich einen ländlichen Zug mit vielen hochbepackten Wagen auf dem anderen Ufer entgegenkommen. Das erste Gespann mutete mich bekannt an; ich lenkte hinüber und erkannte wirklich die schönen silbergrauen Stiere, daneben die große Frau, die jetzt als Führerin vieler Familien erschien. Als letzte mochte sie geflohen sein; als erste kehrte sie zurück. Das Kind, in Decken gewickelt, mit Pelzen bedeckt, schlief auf dem Wagen, die Tochter schob nach, der Greis, mit bereiftem Bart, schleppte sich hinterdrein. Abseits, dicht am Ufer, ging der Knabe, dick behandschuht, das Bild unterm Arme, man sah unter zersprungenem Glas ein segnendes Jesuskind mit rotem Kleidchen auf Silbergrund. Ich rief einen madjarischen Gruß, – „Isten hozta“ gab die Mutter mit klarer Stimme zurück und näherte sich, wie um etwas zu fragen. Ich mußte äußeres und inneres Ohr scharf anspannen, um sie zu verstehen. Vor allem wünschte sie zu wissen, ob Häuser in Hosszuhavas zerstört worden seien, und war sichtlich froh, als ich dies verneinte. Dann fragte sie, was für Gegner wir gehabt hätten. Als ich sagte „Russen“, lächelte sie und meinte, dann hätten sie kaum zu fliehen brauchen, die Russen täten kleinen Bauersleuten nichts zuleide, auch hätten sie mehr Ehrfurcht vor den Frauen als die Rumänen. Als ich weiterreiten wollte, zog sie ein Säckchen vom Wagen und reichte mir daraus eine Handvoll gedörrter Birnen. Ich hatte nichts bei mir, um diese fromme Gebärde zu erwidern, als einen frischen Kommißlaib; aber gerade damit schien ich Freude zu erwecken, und nun erst fiel mir auf, daß sie alle sehr blaß und elend aussahen, gewiß hatten sie Mangel gelitten. Der Knabe wurde gerufen; behutsam lehnte er die Jesustafel an einen Stein und sprang vergnügt heran, um sein Stück zu erhalten. Beim Eingang in das Tälchen wartete Rehm. Hier sah ich noch einmal zurück: die Karawane überquerte gerade den Hidegség, hell blinkte der Silbergrund des Bildes in der Abendsonne. Um halb fünf Uhr erreichten wir das Quartier. Es ist wieder eine Bauernstube mit niedrigen, teppichverhangenen Wänden. Wir sind jetzt elf Kilometer hinter der Front; die Einwohner gehen wie im Frieden ihrem Tagewerk nach.

9. Dezember

Seit ich mein Gepäck immer so klein und nah beisammenhalte, bin ich stets zum Aufbruch bereit und kann mir in den Minuten, wo ich mich sonst in der Sorge, nicht fertig zu werden, abhetzte, das eben Erlebte ein wenig zu erklären suchen. Der Vormittag verging mit Lesen und Schreiben; auf drei Uhr war die Gesundheitsprüfung angesetzt, für welche sich der große Stadel bei der Krankenstube gut eignete. Der Kälte wegen trieb ich zur Eile. Niemand zeigte sich einer Ansteckung verdächtig; das Geschäft verlief ohne Aufenthalt, doch gab es zum Schluß eine seltsame Störung. Während an der hellsten Stelle der Scheune die letzte Reihe völlig entkleideter Soldaten an mir vorüberzog, kam unversehens, halb schwankend, halb tanzend, die junge Frau des Hauses herein, in der linken Hand einen Krug schwingend, die Rechte wie zum Greifen ausgestreckt, und ging geradenweges auf die nackten Männer zu, wobei sie unverständliche Worte, rumänisch mit ungarisch vermischt, vor sich hin sang. Wie wir gehört haben, ist sie die kinderlose Witwe eines in Rußland Gefallenen und verwaltet nun mit Hilfe eines alten Knechtes und einiger Mägde ihr Anwesen so gut es geht. Ob sie in ihrem Kummer überhaupt der Trunksucht verfallen ist, wissen wir nicht; jedenfalls hat sie gestern, als uns Freiwein gewährt wurde, mehreren Leuten einen Teil ihres Maßes gegen Milch und Eier abgetauscht und, wie es scheint, einen ansehnlichen Vorrat zusammengebracht. In ihrem Rausche muß sie, vielleicht vom Stall aus, unsere ungewöhnliche Parade erspäht haben, und es ließ ihr keine Ruhe, bis sie eingedrungen war. Eigentlich hätte ich sie ohne Verzug hinausweisen sollen; aber die Erscheinung war voll bannender Kraft, nie vorher hatte ich Besessenheit so vollkommen gesehen, man konnte sich nicht abwenden, und alle Bedenken schwiegen. Das Gesicht ist von der halb madjarischen, halb romanischen Schönheit, die einem hierzulande oft begegnet; bei nüchternen Sinnen mag es ein sehr anmutiges, eher schüchternes Wesen sein. Jetzt aber drückten ihre Züge zugleich Erstarrung und Entfesselung aus; kein Lachen oder Lächeln hatte Raum in diesem Antlitz, vor Lebensgier erschien es totenhaft. Augenscheinlich ist auch, daß sie sich, trotz dem Werktag, mit ihrem Sonntagsstaat angetan hat; das Kopftuch ist von feiner schwarzer Seide, die pergamentgelbe Weste mit Gold- und Farbenstickereien überreich verziert. Es waren gerade die jüngsten Leute des Bataillons, die noch nackt vor mir dastanden; ihnen näherte sie sich, hob ihnen den Krug entgegen und trank ihnen zu. Nun merkte ich erst, daß ihre Augen fast ganz geschlossen waren; sie schien durch die Lider zu blicken, als wären diese von durchsichtigem Stoff. Als sie einem der Jünglinge den Krug anbieten wollte, reichte sie ihn vorüber einem Unsichtbaren, so daß ihr Gehaben ein wenig an jene wahnsinnige Greisin vom Berge Kishavas erinnerte. Die jungen Leute hatten sich indessen von ihrem Staunen erholt; sie begannen sich zu schämen und warfen ihre Hemden über. Nun war es Zeit, die Szene zu beenden. Dehm und Raab führten die Frau hinaus. Sie ließ es geschehen, ging aber dabei rücklings, den Blick immer ins Innere des Raums gerichtet, singend und mit dem erhobenen Krug winkend.

Nach beendetem Dienste stieß ich im Hof auf den Gefreiten, der den Abmarschbefehl überbrachte. Ihm folgte ein sehr alter Mann in rumänischer Tracht, ein dicht verhülltes Kind im Arm, nahm den Hut ab und fragte, ob ich der Feldgeistliche wäre. Der Säugling, sein Urenkelkind, sei auf den Tod erkrankt und noch ungetauft, kein Priester weit und breit zu finden, ob ich es nicht übernehmen wolle, ihm das Sakrament zu spenden. Mir fiel Unteroffizier Stelzer ein; er ist Kandidat der Theologie und hat bereits die niederen Weihen, – ihn ließ ich rufen und übergab ihm das Neugeborene, dessen Zustand wenig Hoffnung läßt. Auf der Straße sammelte sich bereits das Bataillon, keine Zeit war zu verlieren, und so vollzog der künftige Priester die einfache Handlung, zu der im Notfall eigentlich jeder Christ berechtigt wäre, gleich in der Stube der jungen Bäuerin, die noch immer nicht aufhörte, zu trinken und zu jauchzen, bis Dehm sie heftig anfuhr und ihr unverzüglich Wasser zu bringen befahl, was sie einigermaßen ernüchterte. Die gelassene hart scheinende Art, wie er auch weiterhin mit dem Weibe umging, gefiel mir sehr; sie hob ihn über sein gewöhnliches Wesen hinaus, mir war, als sähe ich ihn zum erstenmal. Indem er fortfuhr, böse mit ihr zu tun, legte er ihr schließlich das Kind in die Arme und gebot ihr, es über das Becken zu halten und zu schweigen. Der junge Stelzer waltete begeistert seines Amtes; klar und ohne Hast sprach er sein lautes Ego te baptizo, während auf der Straße draußen die Kompagnien bereits ihre Tornister aufnahmen. Die schöne Bacchantin nahm sich gewaltig zusammen; eingeschüchtert von der Würde des Vorgangs wandte sie keinen Blick von dem Kinde, dessen Patin sie nun unversehens geworden war. Allmählich war es, als füge sie sich mit heimlicher Lust in ihre sanfte Demütigung; einmal hörte man sie schluchzen, und plötzlich fielen Tränen auf den Täufling nieder, der immer schwächer dem Tod entgegenröchelte.

Ich muß schließen; das Pferd stampft und blickt wiehernd nach mir um. Der Himmel wölkt sich tief herab; kleine Flocken wirbeln. Major und Adjutant sind unruhig und geben keine Antwort, wenn jemand sie nach dem Ziel des Marsches fragt. Wieder soll ein großer Berg an die Russen verloren gegangen sein.

Palanka, 10. Dezember 1916

Erwachend glaubte ich durch das dunstige Fenster zwei weiße Tauben zu sehen und stand auf, um mir das Pärchen genauer zu betrachten: da waren es die zwei Ohren eines Maultierschimmels, die sich bewegten. Das abgemagerte Tier stand eingespannt vor einem Schlitten, den Rücken ganz verschneit, zuweilen den Boden aufscharrend, um ein Moos oder eine Wurzel zu finden. Von der Brigade kommt ein Fernruf: der Marsch unterbleibt! Gern läse ich in Glavinas Blättern, bin aber niemals allein am Tisch, nun summen die Sprüche von selber dahin. Drunten am Trotusul ist das Ufer stellenweise noch frei von Eis; klarstes Wasser läuft über Kiesel, die so golden schimmern, daß mir Wilhelms Briefchen einfiel; dem Kleinen zum Gedenken hob ich denn ein paar besonders glänzige heraus, aber da war alles Leuchten verloschen. Dennoch steckte ich einige in die Tasche; dem Söhnchen wird es nicht schaden, wenn ihm sein Vater statt Gold Steine bringt, es sind gar hübsche darunter, alabasterweiße mit lila Geäder, mattgrüne wie Vogeleier getupfte, rötliche und gelbe. Emporsteigend kam ich durch Fichtenwald. Überhängender Fels hält von einem kleinen mit Moos und breitblättrigem Efeu bewachsenen Flecken den Schneefall ab. Dort fand ich auch die Pflanze wieder, die einst dem Knaben palmenhaft begegnet war; in allen Stufen ihres Wachstums umsäumt sie die grüne Insel. Aber liegt es an meinen Augen, die nicht mehr kindlich sind, oder hat sich wirklich das Gewächs von seiner Grundfigur entfernt: nur wenige Stauden erinnern hier ein wenig an die Palme, die meisten sind, indem sie schon unten vom Schaft aus Blätter hervortrieben, wuchernder Entartung verfallen. So mag es oft gehen, daß der Geist des Lebens einen hohen Gedanken denkt; aber das Geschöpf, dem er auferlegt ist, vermag sich beim Nahen der Entwicklung nicht zu halten, lüstern, sich selbst übertreibend, zerbricht es die Melodie, und alles zerstiebt. Was liegt aber dem Leben an milliardenfachem Mißlingen? Es kann den Dorn zum Blatt, das Blatt zur Rose formen; es hat Zeiten und Sterne genug, um umzuzeugen und umzugebären, einmal wird es doch schwingen, wie der Geist es will. Am Heimweg hörte ich in den Baracken fröhlichen Lärm und Gesang, Schnee fällt noch immer; eine stetige weiße unendlich beschwichtigende Bewegung ist der Tag.

Kóstelek, 13. Dezember 1916, ½12 Uhr nachts

Alle schlafen, auch ich schon zur Hälfte; dennoch will ich mir Weg und Ankunft vergegenwärtigen, morgen ist vielleicht keine Zeit. Früher wußte ich ja nicht, wozu man Aufzeichnungen schreibt; jetzt aber sind sie mir wie die Brotkrümchen, welche Hänsel und Gretel im Walde ausstreuten, um gewiß wieder nach Hause zu finden. Freilich, als die Kinder dann wirklich den Heimweg antreten wollten, da hatten die Vögel alles aufgepickt, – aber da beginnt ja auch erst das eigentliche Märchen.

Der Schneefall dauerte noch den ganzen Vormittag. Die Leute hatten innerhalb der Baracken in großen Blechkesseln Feuer angezündet; einige wuschen sich, andere lagen rauchend und lesend auf dem halbgrünen Maisstroh. Jeder spürte nun erst seine ganze Ermüdung, jeder lobte das beharrliche, ruheverbürgende Gestöber. Draußen sah ich einen Mann, der aus Übermut Brot in Schnee packte und über das Barackendach warf. So besprengt man da und dort in Niederbayern zur Weihnachtszeit Schneeballen mit geweihtem Wein und schleudert sie über das Haus, um es vor Unglück zu bewahren. Aber nach zwölf Uhr schneite es nicht mehr; Ostwind öffnete den Himmel, und bald hörte man wieder Schüsse aus schwerem Geschütz das Tal durchhallen. Um die zweite Stunde kam der Marschbefehl. Dem Trotusul entlang zogen wir bald über ungarisches, bald über rumänisches Gebiet. Eine Strecke ging es durch das Gesichtsfeld der Russen, deren Bergstellungen sich dort nahe heranbiegen. Sie bemerkten uns, zielten aber schlecht; Granaten schlugen in den Fluß und jagten Wassersäulen auf, beschädigt wurde niemand. Ciugesu durcheilten wir ohne Aufenthalt und stiegen dann durch ein Seitental aufwärts. Überall ist Schnee zu hohen Wehen durcheinander gebaut; blaue Schattenwände stießen an Wände von brennendem Silber. In Cyges warteten wir über eine Stunde, niemand wußte, worauf. Der Major war vorausgeritten; der Adjutant, wunderlich verstimmt und verstockt, gab keine Auskunft über das Ziel der Bewegung. Einmal, an kahler Gegenwand, springt die Straße schräg nach oben zurück, und während wir als Letzte noch tief unten in Schattenkälte gingen, sahen wir unsere vordersten Gruppen bereits hoch über uns vor orangerot beleuchtetem Gestein aufsteigen und dahinter verschwinden. Diese gehorsam-stetige Prozession grauer Männer, die aus der scharf abscheidenden Helle ins Unbekannte wanderte, zog immer wieder den Blick empor; man freute sich, auch bald auf den hochbeglänzten Steig zu gelangen und vergaß darüber den beschwerlichen Weg.