Oben, während einer kurzen Rast auf weitem Schneefeld, meldete sich ein Infanterist krank, einer der Neulinge, die erst in Palanka zu uns gekommen sind. Während er sich nähert, muß er von Leuten seines Zuges harte Worte hören, ja einer macht Miene, ihm den Weg zu vertreten, und weicht erst auf meinen Anruf zurück. „Achtundzwanzig Monate wart ich auf Urlaub,“ schreit der alte Lutz; „krumm und grau werd ich im Krieg, und du, papieriger Kerl, willst dich am zweiten Tage drücken!“ „Durchhalten, Herr Kamerad, durchhalten!“ höhnt ein anderer. Der junge Mensch, ein verwöhntes Knabengesichtchen unter viel zu großem Stahlhelm, erklärt fast weinend, er habe sich freiwillig zur Front gemeldet und werde wiederkommen, sobald er gesund sei, jetzt aber könne er nicht mehr. Man lacht ihn aus. Sein Atem stößt weißrauchend in die Kälte, und die Augen glänzen von Fieber; aber dafür haben die andern jetzt keinen Blick. Von Müdigkeit und ungewisser Zukunft überreizt, hassen sie wie Verdammte einen jeden, der sich der gemeinsamen Hölle entziehen will. Ich beschloß, die zudringlichen Schreier einfach zu überhören und die Sache kurz zu machen, fühlte den Puls, fragte nach bestimmten Symptomen und wollte eben eins der rotgeränderten Täfelchen nehmen, um die nötigsten Angaben daraufzuschreiben und es dem Kranken an den Mantel zu heften, damit er seinen Weg ins Lazarett antreten könne, da rennt, mit ängstlicher Miene, Dehm daher, entschuldigt sich wegen Verspätung und beginnt nun aus der alltäglichen Sache eine große Angelegenheit zu machen, schiebt die zwei riesigen Ledertaschen auf dem Schnee zusammen, läßt den Mann darauf lagern, befiehlt ihm, Mantel und Rock auszuziehen und meldet mir gestreng, daß Infanterist Löhr zur Untersuchung bereitliege. Nach und nach fing ich wieder einmal an, Dehms überlegene Weisheit zu begreifen. Er hat bedacht, wie gar ansteckend die Neigung, sich krank zu melden, in solchen Fällen werden kann; selber Soldat von festestem Holz, will er lieber grausam scheinen, als die längst gefährdete Zucht gelockert sehen. Ja, die mißtrauischen Späher sollen erfahren, daß es bei uns keine Läßlichkeit gibt, daß wir peinlich wie Krämer die Schwere der Krankheit abwägen wollen. Achtungsvoll, doch unerbittlich, leitet er mich in die Rolle des höchst schwierigen Sanitätsoffiziers hinein, – was bleibt mir übrig, als den frierenden Menschen umständlich abzuklopfen, abzuhorchen, ihm den Fiebermesser einführen zu lassen wie im Spital? Still wird es um uns; im Banne der klinischen Zeremonien erstirbt jedes widerwärtige Wort. An dem schwach Darniederliegenden erkennen die andern allmählich, wie sehr sie selber doch stark und aufrecht sind, und als der Junge wieder angekleidet, gegürtet und mit seinem Krankentäfelchen behangen ist, stapft er unbehelligt wie ein Räudiger gegen Palanka davon.
Vor fünf Uhr hielten wir an einem hohen steilen Hang; man sah in das Tal eines halbvereisten Flusses hinab. Zwischen Häusern brannten Lagerfeuer, in deren Schein österreichische Soldaten ruhig hin und her gingen. Wir standen und schauten. Von Osten scholl Kampflärm; ein breiter Gipfel erschien von Leuchtraketen und Einschlägen vulkanisch, doch nur eine Minute lang, dann reihte sich der Berg unscheinbar grau zu vielen andern. Rings aber schuf der letzte Sonnenrand ein seltsames Licht. Hellgrün lagen die Schatten auf rötlichem Schnee, ein Birkenbäumchen war mit reinstem Smaragd hingezeichnet, und wer vor sich hinsah, erblickte sich selber als grüne Gestalt. Niemand hatte Lust zu reden; man hörte Stückchen gefrorenen Schnees klingend hinunterhüpfen wie leichtes Metall. Auf einmal wehte es kälter, da war auch schon das untergängliche Licht vom Weiß der Landschaft abgelaufen wie von Porzellan. Der Adjutant, auf der Karte suchend, erläuterte, wir stünden über dem Sulta-Tal, und die Häuser gehörten zu dem ungarischen Grenzdorf Sóstelek, von hier aus hätten wir noch sechs Kilometer nach Kóstelek zurückzulegen.
Da sich kein Fußweg fand, stiegen und rutschten wir hinunter wie es ging. An den Feuern vorbei, deren Glut unsere Wangen streifte, zogen wir auf der Straße weiter, von jetzt ab die Front im Rücken. Nach manchen Aufenthalten erreichten wir Kóstelek um elf Uhr. Der abnehmende Mond stand schon hoch, zwei ruhig leuchtende Planeten dicht über ihm. Mit dem Adjutanten, dem Assistenzarzt, dem Ordonnanzoffizier und einigen Telephonisten bin ich in der großen Stube eines Häuschens untergebracht, das abgesondert auf einem Hügel steht. Von einem qualmenden Lämpchen war der Raum halb hell. Ein schönes Weib erhob sich, als wir eintraten, völlig angekleidet, mit zwei ganz verschlafenen Mädchen von einem breiten, mit Heu gefüllten Bettgestell. Sie sah uns an, gefaßt, wachsam. Endlich, mit stolz-gastfreundlicher Geste, gab sie zu verstehen, daß sie uns das Lager abtreten und auf Stroh neben dem Ofen schlafen wollten, in allen übrigen Räumen des Hauses sei es für die Kinder zu kalt. Wir lehnten dies ab und ließen merken, daß wir für uns bleiben und ihre Ruhe so wenig als möglich stören wollten.
Während wir uns zu Tische setzten, kehrten sich die drei zur Wand und sprachen halblaut ein Gebet, manchmal sich verneigend oder sich bekreuzigend, wobei das kleine Schwesterchen sich jedesmal mit aller Faustkraft in die Magengrube schlug. Ich beugte mich vor, um das Kruzifix oder Heiligenbild zu sehen, dem sie solche Verehrung erwiesen; aber da war nur ein Haken, darunter ein heller viereckiger Fleck mit schwarzem Saum an der leeren Wand. Hier also hatte das Bild gehangen, gewiß viele Jahre; nun ist es verschwunden, vielleicht von Soldaten als Brennholz verwendet, wer weiß es, dem Blick der Frommen aber sichtbar alle Zeit. Glavinas Traum fiel mir ein, wie er als Kind über Gebirge ging und auf einem leeren Blatt beseligende Dinge las, unbekümmert um Gewitter und Rufe der Toten.
Die Mädchen schliefen bald wieder; die Frau saß noch eine Zeit am Bette, das Kinn in der Hand. Ihr schmales bleiches Gesicht ist durch allen Kummer hindurch von wunderbarer Beständigkeit und Klarheit. Sie muß Böses erlitten haben und erwartet auch von uns nichts Gutes. Mir kam nun erst die schreckliche Kahlheit des Zimmers zum Bewußtsein. Nicht nur das eine Heiligenbild fehlt, auch andere Tafeln sowie Kreuz und Uhr sind bloß durch Staub und Spinnenweben angedeutet.
Der Adjutant wurde jetzt gesprächiger; er verriet uns, daß die Russen weit vorgedrungen seien und den Gymespaß gefährdeten, wir müßten uns auf unruhige Tage gefaßt machen. Übrigens sei die Lage nicht klar, er wenigstens wisse keineswegs genau, welche Berge vom Gegner besetzt seien.
13. Dezember, sieben Uhr morgens
Immer weniger gern ruf ich mir Träume zurück; der aber war so klar, so voll Hindeutung. Wir lagen wieder in Frankreich, in dem traurigen verödeten Gebiet bei Margny-aux-cerises in Bereitschaft. Starker Wind wehte; Granaten wechselten eintönig über uns. Furcht lag auf mir. Mein Leib hatte nahezu völlig sein Gewicht verloren; ich fühlte mich wie eine Flaumfeder leicht und mußte gewärtigen, daß der zunehmende Wind mich alsbald emporheben und zu den Franzosen hinübertragen werde. Da schmiegte sich etwas an meinen Ellenbogen, und siehe, es war Matschka, das graue Kätzchen, das ich in Kézdi-Almás hatte sterben sehen. Groß und hübsch war es geworden, das weiße Flöckchen im Nacken glänzte wie ein Licht. „Wie geht es dir?“ sagte ich und wollte es streicheln; da sprang es mit weitem Satz in einen der wassergefüllten Granattrichter, verschwand und tauchte nach einer Weile wieder auf, eine schimmernde, mit roten Zeichen bemalte Granate im Maul, die es herantrug und in demütiger Haltung vor mich hinlegte. Wie froh war ich! Die Granate ist schwer, sagte ich mir, – wenn ich sie in der Hand halte, kann mich der stärkste Wind nicht mehr mitnehmen. Als ich sie aber ergriff, war es kein Geschoß mehr, sondern ein zappelnder, goldgrauer Fisch mit rötlichen Punkten. „Der muß gebraten werden!“ rief eine wohlbekannte Stimme hinter mir. Ich sah mich um, da stand Vally vor einem Herdfeuer, neben ihr Wilhelm, und auch dieser schrie: „Der muß gebraten werden!“ Sonderbar lächelnd nahm Vally den Fisch und übergab ihn dem Söhnchen, das ihn zum Herde trug. Dann legte sie sich zu mir nieder; wir umarmten uns und drängten uns innig aneinander, wobei mir ein wenig auffiel, daß sie wohl Vally war, zugleich aber auch Regina, dann wieder die Ungarin, die hier in der fremden Stube schlief. Aber wie liebte ich die drei Frauen in der einen Gestalt! Wie waren sie wirklich ein Wesen, mächtig seiend eine in der andern! Freilich, irgendwo in der Tiefe, wo der Traum selber zu träumen schien, war etwas Dunkles, ein stiller Einwand, der uns nicht ganz zur Freude kommen ließ; aber auch das ging vorüber. Sie versteht kein Deutsch, ich kein Madjarisch, fuhr es mir durch den Sinn, und dieser Gedanke gab mir unendliche Freiheit; selig fühlte ich meine Schwere in mich zurückkehren. Dabei löste sich eine blaue, aus innen leuchtende Wolke von uns ab, stieg empor und entfernte sich bis zum Horizont hinaus. Wir standen auf und betrachteten aufmerksam dieses Gewölk, an dessen Rande sich lange Reihen winziger blinkender Wesen, Insekten ähnlich, entwickelten. Sie näherten sich und wurden dabei groß und kriegerisch. Am Ende waren es wirkliche Soldaten mit silberblauen Stahlhelmen, von rotgeflügelten Generalen geführt; in schräger glänzender Flucht zogen sie zahllos über uns hin und durch uns hindurch wie durch Rauch. Auf einmal stand Wilhelm neben mir, zur Reise gegürtet, einen Stab in der rechten Hand, in der linken einen Teller mit dem Fisch. Ich stand auf, gab dem Knaben zu essen und aß dann selber. Kaum hatte ich einen Bissen hinuntergeschluckt, da begann ich zu begreifen, daß es doch eigentlich drei verschiedene Frauen gewesen waren, die ich umarmt hatte, und das bekümmerte mich sehr. Wilhelm aber ließ mir keine Zeit zu grübeln, – „Vater, es ist Zeit!“ rief er und stieß ungeduldig den Stab auf den Boden. Wir gingen einer Ferne entgegen, die ganz in Flammen stand, da machte ich die Augen auf und sah in ein helles Ofenfeuer hinein. Die junge Frau setzte gerade einen großen Kessel auf die zischende Platte.
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Alle sind nun aufgestanden; bloß die zwei Mädchen schlafen noch. Der Adjutant wünschte guten Morgen und fragte, ob es mich nicht sehr ermüde, immer so viel in mein Heftchen zu kritzeln; er zerbreche sich den Kopf darüber, was ich denn so Merkwürdiges zu verzeichnen habe, im Grunde sei der ganze Feldzug doch ein gräßlich langweiliges Einerlei. Übrigens möge ich doch vorsichtig sein und keinerlei militärische Tatsachen erwähnen, wir kämen in ein schwieriges, unübersichtliches Gelände, da seien die größten Überraschungen denkbar, und falls ich das Unglück hätte, in Gefangenschaft zu geraten, könnte wohl Schaden entstehen. Es gelang mir, ihn zu beruhigen. – Die junge Frau hantiert noch immer am Herde. Von allen Gesichtern, die mir bisher in diesem Grenzgebiet begegneten, hat sie das feinste, klarste, entschiedenste; nichts Verschwommenes, nichts Liegengebliebenes findet sich darin; es verhält sich zu vielen anderen wie die Ausführung zu den Skizzen. Meine Müdigkeit von gestern ist verflogen, die ziemlich wunden Sohlen beinah geheilt. Gewiß ist es die gesunde Urnähe des Weibes, die den Schlaf so erquickend gemacht hat. Die Winterluft schmeckt, als wäre ein säuerliches Mineral darin aufgelöst. Die Sonne saugt am bläulich morschen Mond. Im Osten schimmert himmelgelb das Eis der Sulta. Auf einmal beginnen die Kanonen zu schlagen, da werden die Kinder wach.