Franzosen in langen dunklen Mänteln, die Schultern fröstelnd hochgezogen, marschieren in Gefangenschaft. Einige von unseren jungen Tapsen nähern sich ihnen, scharren ihre paar Vokabeln zusammen, möchten gerne wissen, wieviel sie drüben Löhnung, was für Essen sie haben, wann Friede werde und dergleichen. Die Fremden scheinen nicht recht zu verstehen; ihre bleichen Gesichter starren undurchdringlich im Mondlicht, und in ihrer Lage, mitten in ihrem zerstörten Lande, ist es ihnen kaum zu verdenken, wenn sie der naturhaften süddeutschen Zutraulichkeit wenig entgegenkommen.

Endlich kam bayrische Artillerie auf dem Weg in Ruhequartiere. Infanterist Wimmer von der 6. Kompagnie tritt mich kräftig auf den Fuß, rennt mit flüchtigster Entschuldigung weiter, leuchtet jedem Artilleristen mit der Taschenlampe ins Gesicht. „Licht aus!“ ruft man ihm zornig zu. „Es sind ja die Achter!“ schreit er verzweifelt; „bei denen ist mein Vater Kanonier“, dreht aber das Lämpchen doch ab. Zum Glück wird bei den Batterien Halt befohlen, und bald gelingt es durch eifriges Fragen wirklich, den Kanonier Wimmer zu finden. Er ist ein hagerer, schon ergrauender Mann mit hartem, rasiertem Gesicht voll kleiner Falten, die Mundwinkel eingekniffen; der Mondschein fiel gerade auf ihn, so daß ich sah, wie seine Augen vor Staunen und Freude groß wurden. Die beiden schauten sich an, hielten sich bei den Händen, kamen lange in kein Gespräch. Die Kunde von dem ungewöhnlichen Zusammentreffen läuft schnell herum, und man zieht sich zurück, um die zwei nicht zu stören. Schließlich nimmt der Vater ein Päckchen aus der Tasche und gibt es dem Sohn. Die Kompagnieführer verzögern den Abmarsch; endlich aber ertönt der Ruf: An die Gewehre! Der lange, schon eingereiht, gibt im Augenblick des Abmarsches seiner Ergriffenheit unwillkürlich den einzigen Ausdruck, der ihm innerhalb der soldatischen Form zur Verfügung sieht: er macht vor dem zurückbleibenden Vater eine regelrechte Ehrenbezeigung, obgleich dieser keinerlei Charge bekleidet, eine rührende Gebärde, die unter den anderen ein leises gutmütiges Lachen hervorruft.

Nach Mitternacht erreichten wir Pronville. Ich wurde in ein schloßartiges, parkumgebenes Gebäude verwiesen. Auf dem Flur erschien ein Offiziersdiener, der mir vertraulich riet, lieber in die Nachbarschaft zu ziehen, dort wären saubere Räume frei, hier dagegen wimmele es von Läusen. Ich vermutete gleich, was bald herauskam, daß der Bursche auf einen Zweck hinredete. Sein Herr hatte bis jetzt in zwei Zimmern recht bequem gewohnt; nun sollte er eins davon mir einräumen, und diese Pein suchte der treue Diener von ihm abzuwenden. Auch Rehm durchschaute den Schlauen und überhob mich der Antwort, indem er freundlich erklärte, wir fürchteten uns nicht vor Läusen, es könnte sogar sein, daß wir etliche mitbrächten, worauf jener wie ein mit Weihwasser besprengtes Gespenst verschwand.

12. Oktober

Ein Lager von Edamer Käsen ist im Keller unsers Quartiers entdeckt worden; der Jubel war ungeheuer. Der Major, der gerade dazukam, behandelte die Sache sehr dienstlich; vor aller Augen sollte der Schatz im Hof auf Zeltbahnen geschüttet, von Schutt und Schimmel gesäubert und unter die Kompagnien verteilt werden. Der Feldwebel, der die Käse zählte, bemerkte, daß sie beim Fallen recht hart aufklangen, und zog sein Messer, um einen anzuschneiden, was sich aber als unmöglich herausstellte; die Masse war wie verbeint. Schweigsam standen die Soldaten umher; hinter den etwas vergrauten radieschenroten Schalen mochte sich jeder ein fettes, weiches Gelb erträumt haben, und noch gab keiner seine Hoffnung auf. Manche hielten sich nicht mehr, zogen auch ihre Messer und stachen in die nächsten Rotköpfe, fanden aber den gleichen Widerstand. Viele entfernten sich jetzt, einige mit Hohnrufen, andere mit verzichtenden Mienen, als wüßten sie schon, daß ihnen nichts Gutes gegönnt sei. Dem häuslichen Sinn des Majors aber widerstrebte es, den froh begrüßten Fund preiszugeben; er befahl, die Käse auseinanderzusägen, indem er hoffte, sie würden sich wenigstens auf Parmesanart zerpulvern lassen. Aber das Innere zeigte sich nicht nur durchaus fest, sondern auch überall mit einem rötlichgrünen Zersetzungsnetz durchzogen, das freilich gleichfalls der Verhärtung anheimgefallen ist. Die Leute, die noch gewartet hatten, gingen jetzt ärgerlich lachend auseinander, ohne sich jedoch zu äußern; nur Infanterist Kristl mußte wieder einmal seinen immer arbeitenden Grimm entladen, indem er vorschlug, die Käse doch an des Kaisers Hoftafel nach Spa zu schicken. Er sprach so laut, daß der Major es hören mußte; der aber weiß ja längst, wie gerne Kristl in ein Strafverfahren verwickelt würde, um auf Gefängnisumwegen in die Heimat zu gelangen, und so nahm er von dem frechen Wort keine Kenntnis.

Zehn Minuten später ist ein Fußballspiel mit den roten Kugeln im Gang. Auch Kristl beruhigt sich. An einem Baum lehnend schnitzt er aus einem abgesägten Stück eine Tierfigur, durch kluge Verwertung der Schimmelstreifen schön getigert. Endlich aber ist die Masse doch zu brüchig, die halbfertige Form zerbröselt; heftig wirft er sie auf den Kies.

Der Abend wird kalt. Aus hochgestuften braungesäumten Wolken stehen schräge breite Strahlen wie Flügel einer Windmühle. Bei Bapaume entsteht eine neue Schlacht; viele glauben, daß man uns dort einsetzen wird. Eben hüpft aber ein Gerücht umher, als wären wir für die rumänische Front bestimmt. Feldpost kommt. Das Söhnchen ist wieder gesund und will immer zeichnen und bauen.

Am 13. Oktober gegen abend wurden wir in Aubigny-au-Bac mit unbekanntem Ziele verladen. Es vollzog sich langsam und umständlich. Der kleine Kommandeur hält noch immer nicht viel von schwäbisch-bayrischer Gewandtheit und Findigkeit und will wieder alles allein tun, jede Feldküche, jedes Maschinengewehr selbst verstauen. Alles lacht und schimpft über ihn wie über das Urböse, während er mit kummervoll verbissenem Gesicht und heftigen spastischen Gebärden Befehle bellt, welche niemand versteht, bis endlich der Bahnhofkommandant ungeduldig wird und ihm hochmütig droht, er werde den Zug in fünf Minuten unter allen Umständen abfahren lassen. Dies gerät nun unserem aufgeregten Gebieter zum Heile; mit einem Schlag regen sich alle Hände für ihn. Denn wenn er uns auch oft gar zu sehr in Atem hält und mancher ihm eine kleine Unannehmlichkeit wohl gönnte, er ist doch unser Kamerad, und sein dürftiges, fahlgraugrünes Umhängchen, stearinsteif von den Kerzenlichtern vieler Unterstände und verdreckt von allen Erden Frankreichs und Flanderns, ist uns wahrlich ehrwürdiger als der nagelneue Prunkmantel des Herrn Oberstleutnants vom Bahnhof. Ungeheißen greift jetzt jeder zu, ein Viertelstündchen, und der Zug steht bereit.

Es begann aus tiefen Wolken zu regnen; ich fand Platz bei zwei Kompagnieführern, aß noch einen Apfel und wickelte mich in die Decke. Etwas Fieber scheint mir im Blute zu spuken, – wie froh bin ich, daß Ruhetage kommen und hinter ihnen eine große Reise! Ich schlief bald ein und träumte mancherlei. Einmal sah ich Vally mit Wilhelm an einem Tischchen sitzen. Sie hatten Spielkarten zu Reihen gelegt und sahen, die Stirnen in die Hände gestützt, Schachspielern ähnlich, darauf nieder. Später kam auch die kleine Regina, setzte sich zu ihnen und tat wie sie. Plötzlich zog sie einen versiegelten Brief hervor, hielt ihn mir hin, ohne von den Karten aufzublicken und sagte: „Es ist nichts Eiliges. Nur eine Botschaft vom Heiligen Geist.“ Beim Erwachen war mein Rücken feucht; ich merkte, daß das Fieber geschwunden war.

14. Oktober