Frühstück in Charleroi. Vor einem Jahr, um die nämliche Stunde, bin ich auf dem Wege zur Front hier durchgefahren. Den spitzen Schlackenbergen ist seither noch etwas mehr Grün angeflogen; bald werden sich Rasenflächen ausbreiten, dort und da steht schon ein Bäumchen. Ich freute mich wieder der nahen Kanäle mit den Pappelreihen, die der Meerwind seltsam zugeformt hat, der alten Männer und Frauen, die an Seilen ihre behäbigen Barken dahinziehen, der lieben blonden Kinder, die zutraulich heranspringen und um Brot bitten. Am Fuß der schwarzen Berge steht ein Wasser mit fettig schillernder Haut, aus der wie Speere einer versunkenen Phalanx lange dürre Schilfrohre schräg aufstarren. Schafe liegen kauend im Gras; der Himmel ist niedrig und grau, voll silberheller narbiger Einziehungen.

15. Oktober

Noch schlafen alle; mich allein haben Licht und Kälte geweckt. Der Zug fährt auf hohem Viadukt über einem Tale voll Nebelrauch; spitztürmig steht ein Schattendörfchen vor dunkelblau durchscheinendem Hügel, darüber die Sonne als überströmender Glanz in zerhöhltem Gewölk. Essen veratmen graugelben Dampf, der am Rand ins Purpurne spielt. Ich sah in die rote Glut eines Hochofens hinein, schwarze Männer gingen hin und her, so hab ich mir als Kind Salamander im Feuer geträumt. Nach diesem Anblick schlief ich noch einmal ein.

*

Immer schneller gegen Osten. Diesen Tag will ich keine Bezeichnungen der Bahnhöfe, keine Plakate, keine Dorfnamen lesen, auch nicht hinhören, wenn sich die andern darüber unterhalten. Auf die namenlose Landschaft will ich achten, wie sie sich leise ändert und die Tönung des Himmels über ihr.

½3 Uhr nachmittag

Überall braunrotes Ackerland, mit Wintersaat lichtgrün bestäubt, die Bäume schon viel mehr vergilbt als in Pronville und Libermont. Eine rötliche Straße führt zu kleinen Ortschaften und darüber hinaus zu Höhen mit Gehölz und Gestrüpp. Langsam fahren wir durch einen kleinen Bahnhof; eine alte Bäuerin steht allein an der Sperre. Ihr schwarzes Kopftuch bildet über der Stirne ein spitzbogiges Vordächlein, und auch die vielen tiefen Furchen des Gesichtes streben gotisch zueinander auf. Die Bahnhofuhr zeigt eine falsche Stunde; darunter liegen, aneinandergefesselt, Kirchenglocken, die Klöppel ausgerissen, die Sprüche und verzierenden Figuren mit nassen Blättern beklebt. Sie müssen zum Einschmelzen für neue Geschütze bestimmt sein. So bin ich diesmal schlafend über den Rhein gefahren. Wir sind in Deutschland.

16. Oktober

Es regnet, und man bringt das Frösteln nicht los. Als ich eben zu mir kam, lachten die Kameraden und sagten, ich habe zwölf Stunden geschlafen und schon zweimal das Essen versäumt. Einmal aber muß ich doch wach gewesen sein, vielleicht gestern abend. Wir fuhren gerade an Leipzig vorbei, und ich erstaunte, daß die Stadt so unversehrt unter dem Gewitterhimmel ruhte, daß nicht jedes Haus, jeder Turm zertrümmert war, eine sonderbare Täuschung des Fiebers.

Die Stunden werden lang; die andern spielen Karten und rauchen; ich habe einen Aufsatz über Atome und Elektronen nahezu auswendig gelernt, sodann im Notizbuch abgerissene Sätze gefunden, die ich in Briefen Glavinas gelesen und nie ganz vergessen hatte, so daß ich sie später leidlich getreu nachschreiben konnte. Nun suche ich den einen oder andern in meiner Sprache zu entwickeln, fürchte nur, daß dann etwas anderes daraus wird, daß der ursprüngliche Jugendklang verloren geht.