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„Es gab wilde Zeiten, da riß der Sieger dem erlegten Feinde das Herz aus der Brust und aß es auf, weil er dadurch die Tugenden und Kräfte des Toten zu erben hoffte. Zugegeben, daß dies ein kindisch-grausames Verfahren war; aber so völlig sinn- und ehrfurchtslos, wie es dem ersten Blick erscheinen mag, ist es doch nicht. Haß, ist er mit Liebe nicht aus einer Wurzel? Der Meister der Menschen, ernährt er nicht seit zweitausend Jahren mit seinem Herzen unzählige Seelen? Mir ist, als sei keiner von uns zu langem Leben berufen, – erkennen wir es doch! Opfern wir uns bewußt und freudig dem unbekannten Geiste der Zukunft, bevor uns ein armseliger Zufall ereilt und sinnlos zerfleischt!“
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„Durchsichtig-dichte Jahre der Kindheit! Wo man sich wunderte, weil in der Welt nur immer gerade so viel Wichtiges und Gefährliches geschah, daß die Zeitung davon genau voll wurde, nie mehr und nie weniger! Meistens, wenn die Blätter ins Haus kamen, teilten sich Vater und Mutter darein; gespannt und sorgenvoll blickten sie auf die bedruckten Seiten, es mußte ruhig im Zimmer sein, und ich durfte meine Angelegenheiten nicht zur Sprache bringen. Aber wie Sonnenfinsternis ging der ängstliche Zustand vorüber; verächtlich wurden die Papiere weggelegt, und alles Fremde war damit unschädlich gemacht und abgetan. Heute nacht nun hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war wieder Kind und ging während eines Gewitters über steinige Berge. Ein weißes Blatt hielt ich in Händen und wandte keinen Blick davon. Frage ich mich jetzt, was auf der weißen Fläche stand, so muß ich bekennen, daß sie ganz leer war, ohne Schrift, ohne Zeichen; dennoch las ich mit Entzücken darin. Tiefziehende Wolken besprühten das Blatt, Blitze loderten darüber hin, Himmel und Felsen ertönten, und schaurig aus der Ferne riefen die Geister der Toten. Ich aber las auf dem leeren Weiß unsagbar selige Begebenheiten und kümmerte mich nicht um Gewitter und Rufe der Toten.“
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„O Freund, ich selber würbe gern ein Heer zu wunderbarem, nie gewagtem Feldzug; aber es ist noch zu früh, der Feind, den wir überall spüren, hütet sich zu erscheinen, in keiner Sprache noch läßt sich die Parole ausgeben, und die ich wecken soll, die schlafen noch zu tief. Ists da unklug, wenn ich so, wie früher Königssöhne taten, einstweilen in einer anderen Armee diene, damit ich mich schon jetzt an kriegerisches Treiben gewöhne? Ja, suchen wir Gefahr und Mühsal, wie sie sich gerade bieten, so bereiten wir uns für höhere Mühsal, wahrere Gefahr. Mir ist wie einem Täter, der seine Tat noch nicht kennt. ‚Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!‘ Was ist es für eine Stimme, die mir dies Wort manchmal zuruft aus tiefem Schlaf?“
17. Oktober erwachte ich zum ersten Male wieder mit gesundem Blick, doch gab es zunächst nichts zu sehen als unendlichen Nebel, der sogar die Namen der Bahnhöfe verdeckte. Der Kompaß zeigte Zugrichtung Südost. Als es nach zwölf Uhr sich lichtete, glaubten wir uns großen Schilfgebieten zu nähern, die sich später als abgeerntete Maisfelder erklärten. Der Dunst stieg auf und wurde Gewölk, das gegen Abend in unzählige spitze Hütchen auseinanderfiel, als wäre fern im Raum ein Lager weißer Zelte aufgeschlagen. In großflächiger Landschaft mit Gebirgshintergründen kam die Donau näher, geschmückt mit herbstlichen Inseln, deren eine von Pappelsilberlaub wie blühend schimmerte. Auf rundem Hügel steht ein griechisches Tempelchen, in dessen Kuppelmessing sich der letzte Abendglanz verfängt. Von Kisgöd aus, das unter den roten Gefiedern alter Akazien halb verborgen liegt, fuhren wir immer schneller der ungarischen Hauptstadt zu. Küchenordonnanz Klingensteiner, Kerzen bringend, verrät uns, stotternd vor Entzücken, daß wir in Budapest Stadtquartiere beziehen werden. Einige umarmen einander vor Freude, Koffer werden aufgesperrt, leichte Stiefel und Urlaubsmützen hervorgeholt. Leutnant H. und ich beschlossen, ein Kaffeehaus in der Andrássystraße zu besuchen, einer wünschte vor allem das Parlamentsgebäude zu sehen, ein anderer die Burg; alle drängten wir zum Fenster. Nahe den ersten Vororten bog aber der Zug nach Süden ab und trug uns mit gewaltiger Eile von der türmeschimmernden Stadt hinweg in die Nacht hinein. Mützen und Stiefel wurden wieder eingepackt, wie immer die Kerzen angezündet und in leere Konservenbüchsen gestellt, ein Kartenspiel auf ausgespannter Zeltbahn begonnen. Klingensteiner, Tee, Brot und Wurst auf dem Brettchen tragend, wagt sich kaum herein, böser Worte gewärtig; nahezu weinend entschuldigt er sich, er müsse eine Äußerung des Adjutanten falsch verstanden haben. Spät kam noch der Major herüber, verdrießlichen Gesichts; es war, als ob er einem das bißchen Licht wegnähme. Seine Natur ist mehr agil als aktiv; ruhende Menschen zu sehen, macht ihm Pein. Er sah von einem zum andern; endlich erkundigte er sich bei mir nach der Gesundheit der Mannschaft. Ich war unbedacht genug, ohne viel Erörterung das Günstigste zu berichten. Er meinte, darüber ließe sich doch nicht so leichthin urteilen, das beste wäre, wenn ich von morgen an täglich bei größerem Aufenthalt mit meinem Unteroffizier den Zug entlangginge und von Wagen zu Wagen ausdrücklich fragte, ob niemand erkrankt sei. Die suggestive Wirkung solcher Fragen bedenkend, ließ ich mir ein unziemliches Lächeln zu schulden kommen, was der alte Herr schlimm vermerkte; er spitzte seinen Rat zum Befehl und verließ uns ohne Gruß. Wir sprachen vor dem Einschlafen noch eine Weile von ihm. Leutnant H., der Götter- und Sagenkundige, erinnerte, daß nach altem nordischen Glauben die bösesten Mächte sich in gute verwandeln, wenn es ein einziges Mal gelingt, sie zum Lachen oder auch nur zum Lächeln zu bringen; es wäre an der Zeit, meinte er, dieses Mittel bei unserem finstern Gebieter zu versuchen.
18. Oktober
Im Uferwald verborgen
lag die Morgensonne.