Wir liegen hinter einem Felsenvorsprung der Schluchtwand; ich glaube, der Platz ist gut gewählt, eigentlich kommt weit und breit kein anderer in Betracht. Die Russen möchten uns gerne herausschießen und sparen keine Munition; Raab, als alter Artillerist, weiß uns aber zu überzeugen, daß es nicht gelingen kann, sie mögen zielen wie sie wollen. Ich hätte bei einem Haar den Augenblick verpaßt. Raab wird nicht müde zu schildern, wie sehr eindringlich er mir vorgestellt habe, daß es an der Zeit sei, den Platz aufzugeben, ich habe ihm, sagt er, auch beigestimmt, ihnen vorauszugehen befohlen und unverzüglich zu folgen versprochen, dann aber muß mich wohl Glavinas dunkle Rede länger festgehalten haben, als mir bewußt war. Draußen fuhr eine Granate nieder, die blind im Boden stecken blieb. Das Gebäudchen schwankte krachend; Staub und Schutt fielen auf das Papier. Ich sah mich um und war allein, hörte aber fernher meine Leute nach mir rufen. Sie konnten sich übrigens des Lachens nicht erwehren, als ich, in der linken Hand meine Blätter, in der rechten das halbvolle Weinglas, durch die Sulta zu ihnen hinüberstieg. Bald kamen weitere Schläge, und wie ein Kartenhaus flog die Bretterbude auseinander.

Zwei Uhr

Rehm ist heil zurückgekehrt. Der Major befiehlt, in der nächsten Feuerpause den Verbandplatz nach Sóstelek zu verlegen. Dort, meint er, könnten wir mehr nützen als anderswo, Beschäftigung werde nicht lange fehlen. Rehm sagt, er habe sich mit einer Herzlichkeit, die man bisher an ihm nie wahrgenommen, nach mir und meinen Leuten erkundigt und sich über unsere Erhaltung sichtlich gefreut, im übrigen leider sehr gealtert und bekümmert ausgesehen. Auch Leutnant H. sendet Grüße; von seiner Stellung aus hat er die Talbeschießung verfolgt, freilich nur mit einem einfachen Fernglas, und uns alle tot oder verwundet geglaubt. Noch ist kein Gefecht im Gang, die Lage aber unerträglich; falls der Tscherkesse nicht angreift, muß er angegriffen werden. Nächste Nacht sollen schwere Minenwerfer hinaufgeschafft werden, um den Gipfelsitz zu zerstören. Bei uns ist es ruhiger geworden; selten fällt noch ein Geschoß. Verzeichnen muß ich ein Gerücht, als habe der deutsche Kaiser den Feinden Frieden angeboten. Wir bereiten uns zum Gang nach Sóstelek.

Drei Uhr

In künftigen Kriegen, zu Wasser, zu Land und in der Luft, werden sich gewiß absonderliche Lagen genug ergeben. Ob aber eine wie die unsrige schon dagewesen ist? Seit halb drei Uhr hatten die Russen ihr Schießen eingestellt; bei tiefer Stille waren wir, in gehörigen Abständen, zurückmarschiert und etwa fünfhundert Schritt bis an das große Sägewerk herangelangt, als eine der preußischen Batterien, die nahe vor Sóstelek stehen, zu schießen begann. Sie muß dem Gegner etwas Arges angetan haben; denn auf dem Fuße, Schlag um Schlag, erfolgte maßlose Gegenwirkung, und bald konnten wir uns nicht mehr darüber täuschen, daß auch unser kleiner Zug aufs Korn genommen wurde. Ich erwog die Umkehr, doch schien sie fast bedenklicher als der Weitermarsch, und so liefen wir denn fort, auf das Gebäude zu. Viele Geschosse schon waren uns nachgerasselt, das letzte gerade noch fehlend, da kam eines, dem gleich nach dem Abschuß anzuhören war, daß es auf uns zuhielt. Funken flogen auf, und während ich mir mit beiden Händen den Hinterkopf zu schützen suchte, war ich niedergeworfen und von Erdklötzen halb eingegraben, dann trat Stille ein. Glieder und Gelenke prüfend, erkannte ich mich als unverwundet, stand auf und sah nach den übrigen. Rehm, behangen mit Erde und Eis, die Wangen leicht blutend, richtete sich eben empor und lächelte mich etwas betreten an; die andern standen seitlich, wie Statuen an die Felsen gestellt, und starrten auf den tiefen schwarzen Trichter, der nun in ganzer Breite die Straße unterbricht. Ernstlich verwundet war niemand. Jetzt schien sich die russische Wut von uns abzuwenden, und froh des glimpflichen Ausgangs wollten wir unsern Weg fortsetzen, da geschah etwas Neues. Eine Granate fuhr mitten in die Säge hinein, die wir nahezu erreicht hatten; eine Explosion erfolgte, dann eine zweite, dann fünf, dann unzählbare, und überall aus Dächern und Wänden zwängten sich die Flammen. Wären wir in diesem Augenblick mit aller Kraft weitergerannt, wir wären gewiß noch durchgekommen und säßen vielleicht beim Bärenschmaus in Sóstelek. Aber ohnedies noch leicht betäubt, sahen wir uns nur mit schauderndem Vergnügen das Ereignis an und versäumten die günstige Minute. Die Gegner ihrerseits begriffen schnell, was sie angerichtet hatten; übermütigen Knaben gleich, schossen sie wie rasend in den Brand hinein, und noch immer, in schrecklich langsamer Steigerung, entladen sich unaufhörlich die massenhaft aufgeschichteten Patronen, Handgranaten, Schrapnelle, Granaten und Minen. Wir brauchen uns nicht an die Wände der Schlucht zu schmiegen; die starken Luftwellen pressen uns an. In uns und um uns ist ein Summen und Beben, als würden Luft, Gestein und wir selber gleichmäßig elektrisiert. Die Sprengstücke fliegen weit. Dem Gefreiten Junker hat ein Splitterchen die Ohrspeicheldrüse durchschlagen; das Blut spritzt in langem dünnem Strahl in den Schnee, ist aber leicht zu stillen. Mir ist die linke Hand geritzt; es blutet wenig. An der Säge selbst, besonders nach der offenen Seite hin, mag es dichte Streuungen geben. So hat uns der Feind gewissermaßen eine Festung in den Weg gesetzt, an der wir nicht vorbeigelangen können. Immer noch zürnt er gewaltig; unsere fernversteckten Batterien fahren fort, ihn zu reizen, er findet sie nicht und rächt sich an den paar Leuten, die er sieht. Der kleine Lüttich, vielleicht von einer Art Platzangst erfaßt, kam auf den Einfall, aus der Schlucht herauszuklettern und das offene Gelände zu erkunden; er ist mit zerschmetterter Schulter zurückgekehrt. Die schlecht verwaltete Festung drüben fährt fort, zu verschwenden; bald wird sie sich ausgegeben haben. Schließt man die Augen, so hat man das Gesicht einer fürchterlichen, auf kleinsten Raum zusammengeballten Schlacht, von der nichts bleiben wird als Asche und Gebein. Wie langsam rückt die Sonne! Aber auch durch böse Stunden läuft der Zeiger. Um fünf Uhr muß es dunkeln. Um sieben Uhr können wir in Sóstelek sein.

¾4 Uhr

Die Sonne verläßt schon die unteren Felsen. Man friert nicht; der Brand wirkt herüber, Schnee tropft vom Gestein. Auch die rings aufgeschichteten Bretter stehen in Flammen. Die Entladungen dauern an. Oben am Gipfel ist man noch wachsam. Rehm glaubte nicht mehr an die Gefahr, ging versuchsweise eine Strecke der Front entgegen, erhielt Feuer, kehrte zurück, unverwundet. Über uns ist starre Klarheit; das Föhnige hat sich wieder aus der Luft verloren. Auf naher Birke wippt ein winziger grauer weißbauchiger Vogel; Schnee naschend von jedem Zweige, hüpft er unermüdlich auf und ab. Keiner der Genossen ist niedergedrückt. Ja, die gepreßte Stunde, wo Tod und Leben dicht beisammen sind, es ist, als festige und läutere sie den Grundstoff der Naturen, und wie eine schlechte Bleiglocke, getaucht in reinen Sauerstoff, auf einmal klingt wie eine silberne, so beginnt jeder in seinem eigensten Wesen zu tönen. Mancher erzählt von seiner Kindheit, und fast jeder will einen anderen beschenken. Von Kristl befürchtete ich sehr einen Rückfall in die Verstörung; aber er ist ganz gelassen. Den Lüttich hat er aufs beste verbunden, dann aus Brot einen drolligen kleinen Bären geknetet und ihm eine von seinen Goldmünzen ins Maul gesteckt. Wie eine Weihgabe stellt er das Figürchen in einer Felsennische auf, die will er mit Hölzern und Kieseln zubauen, einmal werde schon jemand das Bärlein finden, und es solle ihm gehören samt dem Goldstück, auch wenns ein Rußki wäre. Lüttich, unter Morphium gehalten, schläft. Mir aber vertreiben die Sprüche des Toten die Zeit. Um einigen Überblick zu bekommen, las ich sie einmal alle nacheinander herunter, zuerst leise für mich, bis ich merkte, daß die Kameraden zuhorchten, dann sagte ich ihnen, daß es ein Gedicht sei, das man bei dem gefallenen Glavina gefunden habe, und wiederholte mit lauter Stimme:

„Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf der bereiften Felsen- und Wacholderflur!

Dem Gesetze treu, ohne Klage, unbemerkt, bluten sie hin auf den fremden Steinen, wo kein Eichbaum grünt.

Wie das endet, wer schaut? Finster brüten Völker. Habet acht, o Freunde! Seht ihr einen Sterbenden, demütig bittet ihn, daß er heilsam sterbe, keine Flüche denke! Bald ist alles Vorspiel nur. Alle gehn wir morschen Weg. Tote Hände, bedeckt sie mit Wacholderzweigen bläulich düster!