Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwölften Stunden! Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebäude! Ihr kündet keine neue Lehre; schon viel ist uns gelehrt. Auf schwebender Grenze von Licht und Urnacht naht ihr euch singend. Wen ihr grüßet, der ändert sein Leben. Euer himmlisches Lied geht über in jedes Gewissen.

Ihr wandelt harte Kette in leichten Zauberzügel. Der Gefesselte lenkt seinen Feßler, und beide erkennen die Freiheit.

Und wer, an Erbschaft gebunden, verwurzelt in Unterwelt, mit Milch und Korn sparsam genährt, sich als ein Bleibender wandelt, suchet am Sonntag ihn heim! Saget auch ihm Gefahr und Herrlichkeit unsers Lebens! Dann mag er dem Erdreich getrost vielfältige Frucht abgewinnen! Nur was ihm zukommt, behält er. Fromm wirft er den ersten Schnitt in die Säule des ewigen Brandes, die Nahrung der Geister zu mehren.

Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlasset ihr Zeichen einander, sogar in Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am Wege, vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwörung wilde Vögel vom Himmel, schreibt auf weißen Fittich pupurne Liebesrunen.

Wir aber bauen ein Grabmal am Berge Kishavas, ein Mal unsern Toten auf der bereiften Felsen- und Wacholderflur!

Noch wintern Rumäniens Gipfel, am Himmel aber ist Frühling. Die Haut der Birke wird bräunlich und blättert ab, darunter schimmert silbern schon die neue. Wir wirbeln hin wie Laub in fremde Felder, – was quillt aus unserm Tod?

Glauben, sternhaft gesammelt, laßt ihn glühn mit beständigem Licht! Vielleicht nach Monden und Jahren trifft es den reinen Kristall der göttlich erstarrten Seele. Die zwar bleibt Eis, die schmilzt nicht mehr; aber wie eine Linse, unwissend, biegt sie vielfarbige Strahlen zu fernem Brennpunkt hinüber, da schlägt neue Flamme aus uraltem Boden.

Vermorscht sind schon die Leichen am Berge Kishavas, verrostet unsre Schwerter, vergessen unser Kranz, da freuen Menschen sich wieder unschuldig des Brotes und Weines, die uns verbittert sind. Aus wildem Ahnendrang ist lockere Krume bereitet, die Seele frei zu nie gewagtem Opfer. Aus erschüttertem Blut steigen kühne Beginner, und die Satzungen sind Gesang.“

Elf Uhr abends

Das Ganze war mit Schweigen angehört worden. Endlich äußerte Raab, er habe nur Weniges recht verstanden, doch gefalle es ihm, er sei ganz fröhlich davon geworden. Die anderen schauten zu dem niederbrennenden Gebäude hinüber und sagten nichts. Leider geschah noch etwas höchst Unerwartetes. Der kleine Lüttich erhob sich auf einmal und ging stark taumelnd auf die Säge zu. Einer schrie Halt, ein anderer lief ihm nach; er aber, vielleicht im Fieber, vielleicht in Morphiumbenommenheit, schwankte weiter und fiel plötzlich, weich einbrechend, zusammen. Wir holten ihn heran, er war tot. Ein schmaler Eisensplitter stak in der linken Schläfe. Um dreiviertel fünf Uhr feuerten die Russen noch einmal aus allen Rohren, doch nur eine halbe Minute lang. Um fünf Uhr, wie auf Befehl, hörten die Explosionen im Sägewerk auf. Dämmerung und Nacht bezogen das Tal. Kristl fertigte für Lüttich ein Kreuz und schrieb Namen und Datum darauf. Uhr und Erkennungsmarke wurden abgenommen und verwahrt, hierauf begruben wir ihn. Der Boden ist bis tief hinab gefroren, wir brauchten über zwei Stunden. Schnee und Sterne gaben schwaches Licht. Um zehn Uhr erreichten wir Sóstelek.