Vor diesem circulus vitiosus aller Menschlichkeiten, die sich in die müden Schwänze beißen, ist es billig und noch immer das Einfachste, gar nicht mitzutun.

Der Unhold der Hebamme hat mich hereingeschleudert, Dienerinnen haben mich genährt, Schwäche mich umzwitschert, Schmöcke und Dirnen mein Jugendlied mir vorgesummt: Da fand ich dich.

Liebe Karin, ich widme dir dies Buch.

DER SATAN

DER kleine Prinz war immer schon blaß, hemmungslos und manchmal direkt verrückt gewesen. Er — vielmehr seine hochgeborene Frau Mama — hatte ein recht stattliches Vermögen von rund vier Milliarden Dollar, als sie herüberkamen mitgebracht. Die Kindheit sollte er wo in Florida verbracht haben, als er aber knapp sechzehn war, da wäre es nicht mehr mit ihm auszuhalten gewesen. Jede Woche schlug er mindestens einen Sklaven mit seiner eigens konstruierten Peitsche zu Tode. Jede Woche brüllte er, er wolle ein Land haben, er wolle herrschen, König sein. Er wolle Menschen kneten, auf Städte seine Hand legen. Da hätte man sich gegen Europa eingeschifft — natürlich auf der eigenen Jacht — und jetzt auf einmal sauste ein scharlachrotes Auto durch die Straßen Kölns.

Also sprachen die bauchigen Stadtväter und manche munkelten noch anderes: »Ja, gewiß, die ganze Überfahrt habe er Fieber gehabt — er sei überhaupt blind — wie er in Antwerpen ans Land stieg — er habe noch nie den Namen Köln gehört — habe er plötzlich geschrien ‚Köln! Köln!‘ — er sei allein vorausgejagt — in 1½ Stunden bis Lüttich, dann mit dem Aeroplan hierher — die Mutter weint immer — er hat das ganze Domhotel nur für sich gemietet — — siebenmal war er schon beim Bürgermeister gewesen — —«. Die Uhrketten wackelten bedenklich und fast jeder strich sich unruhig-blinzelnd über das Haar, bis sich ein behaglicher Schnalzer im Munde formte: ». . . nun, und die kleine Schwester — sie ist vierzehn-einhalb — na, dort im Süden — ich bitte, man sagt . . .« Wie jetzt Adjunkt Keppel dazutrat, machte man fast eine Gasse (Der Mann konnte Two-step tanzen wie ein junger Gott): »Ich habe eben das Scharlachene über die Rheinbrücke sausen gesehen . . .« »Oh, wohin, glauben Herr Adjunkt . . .« Dieser strich sich den englischen Schnurrbart — es ist wahr, er war schon zweimal verheiratet, erst 30, ein Verhältnis soll er auch haben — der Kerl — na, der Kerl sprach jetzt: »Man redet von ganz eigenartigen Dingen. Ich mit meinen Beziehungen zum Magistrat kann aber bestimmt sagen, er hat sich nach Berlin direkt an S. M. gewandt. Deutschland braucht Geld wie ganz Europa. Die Sozial- und Militärrevolution zehrt noch immer an unserm Gebein. Nun man hat ja — Gott sei Dank — diesen blutigen Scherzen ein entsprechendes Ende bereitet . . .«

(Finanzrat Müller, »der rote Müller«, räusperte sich scharf) . . . »aber Sie wissen, unser Handel und Wandel liegen noch arg danieder. Also kurz und gut, der kleine Prinz will unsere Stadt mit Gebiet bis zum Siebengebirge und bis Elshausen samt Bonn und Gladbach als eigenes Gebiet käuflich erwerben.«

Die Münder der Großstadtvertretung blieben weit offen, daß die Rachenmandeln sichtbar wurden und nur ein kleines, scharf gepfauchtes »Unmöglich« zur Luft konnte . . . . . . . .

Das scharlachene Auto sauste unterdessen quer durch das verwüstete Deutschland mit 200 km Stundengeschwindigkeit. Der Prinz und Claire schauten etwas höhnisch über die Schlachtfelder des alten Europa. Der Prinz hatte seine mädchenhaften, dünnen Beine zu sich auf den Sitz gezogen und die rechte Hand spielte mit dem Haar seiner wundervollen Schwester, himmelblaue Augen brannten wie traurige Sterne aus dem durchsichtigen Gesicht, hinter dem noch immer das Fieber wohnte, in die Gegend, in der der Frieden mit dem Grausen rang. »Ich werde es bekommen . . . Ich muß.«

»Bedenke, eine Großstadt . . . du bist krank . . . wie kamst du auf Deutschland? Denke, Paris, London, dort ist Leben . . .«