»Ich habe dir doch oft von der Nacht erzählt, wo unsere Inga starb. Ich bin nicht mehr der dumme Prinz . . . ich bin . . .« Sein Mund wurde gelangweilt und er zog die Vorhänge herunter. »Noch eine Stunde bis zur Haupt- und Residenzstadt.« Das Schwesterlein öffnete den Pelz, unter dem sie nackt war, und gab ihrem Körper die hingebende Linie. Sie legte sich sanft zu dem Bruder, dessen Augen für Momente unfiebrig und ein wenig glücklich wurden. Eine Zwerg-Angorakatze, die sich schläfrig-schnurrend erhob, vervollständigte die Familienszene . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Der Prinz überfuhr drei Personen, bevor er zum Hotel Adlon gelangte. Nichtsdestoweniger wurden noch drei Leute im Gedränge »Unter den Linden« erdrückt und die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Aufregung in der ganzen Stadt stieg noch, als man erfuhr, der Kaiser habe sich entschlossen, seine Hoheit den Prinzen Alvio di Santa Rocco noch heute zu empfangen. Der Prinz selbst war heute nichts weniger als erregt, er ging oben im Salon des Hotel Adlon, eine Zigarette nach der andern rauchend, etwas träumerisch auf und ab, streichelte bald Claire, die kandierte Früchte essend am Sofa lag, bald das Katerchen, er pfiff den Gassenhauer der Saison und schüttelte mit kindlicher Gebärde seine schwarzen Haare. Dann fuhr er fabelhaft elegant und liebenswürdig durch die Menschenmenge zum königlichen Schloß. Hinter ihm ritt ein livrierter Affe, der 10-Markstücke in das heulende Gedränge warf. Im königlichen Schloß blieb Alvio nicht lange. Er war direkt in die Privatgemächer geführt worden und niemand hatte gehört, was dort verhandelt wurde. Nach zehn Minuten verließ er zu Fuß das Schloß. Der Kammerdiener fand über dem Schreibtisch den alten Kaiser mit Tränen in den Augen, noch die Feder in der Hand, verstört und doch wieder begeistert wie von einem ganz unbegreiflichen Ding. Dies erfuhr aber niemand. Ganz Berlin, ganz Deutschland, die ganze Welt wurden aber nach einer halben Stunde von der Kunde in Erstaunen und Bestürzung versetzt, daß die Stadt Köln samt Gebiet mit Bonn und Gladbach um eine Milliarde Dollar in den Besitz und die Herrschaft des Prinzen Alvio di Santa Rocco gelangt sei. Da hatte damals kein Parlament drein zu reden, denn das war seit den Junikämpfen 1925 endgültig abgeschafft. Nur den Zeitungen konnte man es nicht verbieten, über den Stammbaum der Santa Roccas zu schreiben, ihre Beziehungen zu den europäischen Höfen. »Wie die Santa Roccas zu ihrem Gelde kamen,« von Ignotus, »Alvio der einzige Erbe?« usw. Und Rechtsgelehrte schossen vereint mit gewöhnlichen Historikern wie Pilze aus der Erde, um die staatliche Stellung von »Libertia« von vornherein festzunageln . . . . . . .

In Köln wollte man, als die ersten Nachrichten eintrafen, das Domhotel anzünden. Die ganze Stadt drehte sich wie ein blödsinniger Gärungsstoff um und um, strömte auf die Gassen. Die Studentenschaft von Bonn zog, Fackeln in den Händen, vor das Bürgermeisteramt, Aufklärung heischend. »Die Wacht am Rhein«, »Deutschland, Deutschland über alles« scholl aus allen Straßenecken zum blutigen Abendhimmel, der Dom ließ seine Glocken erklingen, von dem Gürzenichbalkon sprach ein roter Fleischhauer und Patriot schnarrend auf den Rathausplatz hinunter. Nur das Militär und die Polizei waren nirgends zu sehen. Es wurde langsam Nacht. Um zehn Uhr versuchten fanatische Arbeiter, Studenten, Bürger, schwarz-rot-gold im Herzen und Antlitz ins Domhotel einzudringen. Die Pforten waren verschlossen, man begann dagegen zu rennen, die Fenster einzuhauen — da donnerte plötzlich eine Salve in die Reihen der Massen — man wußte nicht, woher — niemand war zu sehen — sie schien aus den Wänden des schloßähnlichen Hotels zu kommen, die ganz eigentümlich porös aussahen. Dann noch eine und wieder und wieder. Ein hundertstimmiges Gebrüll warf sich über den Platz. Beine, Arme, Köpfe wirbelten sich zum Knäuel, entballten sich in Blut und Geschrei und dann waren nur mehr Leichen am Domplatz, darüber der Mond hinter gotischem Zierrat schwermütig und deutsch aufstieg. Eine Arbeiterhand ballte sich, sank zurück, es ward so still, daß man aus dem Hause ein Schluchzen hörte, das klang, als wäre es nicht von dieser Welt. In den andern Stadtteilen wurde man noch aufgeregter auf die Nachricht von dem Sturm und seiner eigenartigen Abwehr. Man schrie nach Waffen, klopfte an Kasernen, die noch immer verschlossen blieben. Es wurde elf, zwölf — da, dreizehn Minuten nach Mitternacht verstummte auf einmal das Gebrüll der Bürgerkehlen — vor dem Firmament, das ganz weiß wurde, erschien ein schwarzes Kreuz, das bald verschwand. Die stahlglühende Weiße blieb und ließ vor den Augen der angstgebärenden Mütter und schlotternden Männer einen großen Vogel erscheinen, der sich als eine Etrich-Taube erwies und bis hundert Meter über die Stadt hinabschwebte. Darin saß der Prinz mit Claire und spielte mit den Scheinwerfern. Hierauf senkte sich ein Blütenregen von Gold, Silber und Banknoten in die Taschen der Zugreifenden. Es ging noch tiefer — kein Schuß fiel — kein Pfuiruf erscholl, als Alvio jetzt, nur für die Nahstehenden vernehmbar zu reden begann. Die ihn aber hörten, wurden ganz weich und gerührt. Sie gingen in ihre bürgerlichen Betten und in ihren geschlossenen Reihen schritten mitten unter ihnen, lebendig und nur etwas bleich, die am Domplatz gefallen waren . . . . . . . . . .

Vierzehn Tage hindurch blieb alles ruhig. Man sah den blassen Prinzen mit seiner Schwester häufig auf der Gasse, in Hospitälern, in Kinos, wie er zu den Leuten aus dem Volke redete, weich und mit fremden Akzent. Das Domhotel war geräumt worden, sie lebten privat in einer schönen Wohnung in der Kyffhäuserstraße. Die Gesellschaft riß sich um die beiden. Einladungen wurden zwar angenommen, jedoch kam der Prinz zu einem Ball oder zu einem Jour nur immer auf eine Viertelstunde, sprach wenig und gemessen — fast traurig. Nichts schien sich an der bestehenden Ordnung geändert zu haben, deutsches Militär, deutsche Briefmarken. Am 15. Tage lief durch die Zeitungen Europas ein Gerücht, man habe bei den Scilly-Inseln in der Luft riesige Ballons von kastenartiger Gestalt in großer Menge von Südwesten daherkommen gesehen. Bald meldeten London, Ostende, Brüssel ähnliches. Am selben Tage wurde die gesamte Garnison von Köln und Gebiet auf dem großen Exerzierplatz zusammengerufen. Um ½4 Uhr fuhr der kleine Prinz im scharlachroten Auto vor. Er nahm seinem Diener ein kleines Sprachrohr aus der Hand, bestieg einen Schimmel und ritt die Reihen ab. Er trug einen gewöhnlichen Reiteranzug und schaute jedem ins Herz. Am Ende angelangt nahm er sein Sprachrohr aus der Tasche und redete leise und weich hinein — es hörte es aber jede brave, niederdeutsche Soldatenseele — »Soldaten, der Krieg ist Sünde. Mein Reich ist ein Reich des Friedens und der Zufriedenheit. Geht zu euren Frauen, die auf euch warten, und lebt euer Leben dem Glück, das auf euch harrt. Lebt wohl. Und jeder bekommt für Säbel und Uniform, die er am Gürzenich abgibt, 1000 Mark.« Wie Alvio »Frauen« sagte, wurde seine Hand beweglich und fuhr zitternd durch die Luft, das Wort wurde in den Hirnen der Uniformierten ganz lebendig und sie fühlten etwas Weiches, das ihnen ums Herz ging. Dann stoben sie auseinander. Nur einer holte sich die 1000 Mark nicht: Friedrich Bachmann, der fünfzigjährige, geschlechtslose Feind dieser Welt. Am selben Abend gingen bei Deutz 800 Kastenballons nieder, deren jedem 800 schwarze Männer entstiegen. Sie hatten riesige Hände und kleine Köpfe. Der Prinz fuhr sofort zur Landungsstelle, Claire war mit ihm. Er lachte über das ganze Gesicht, ließ sich von den 800 Führern Rechenschaftsberichte ablegen, die er zerknüllt zu Boden fallen ließ, drückte jedem vertraulich und selbstverständlich die Hand. Am Schalter aller Bahnhöfe von Köln und Umgebung wurden jedoch an diesem Abend die letzten Fahrkarten nach dem »Auslande« ausgegeben. Denn am nächsten Morgen prangte in handgroßen Lettern ein Manifest an allen Straßenecken, jeder Mensch hielt es in Händen, lachte darob, weinte ein wenig, schlug sich die Schenkel. In jedem Restaurant lag es auf jedem Tisch, jedes Lebewesen wurde von einem erdrückenden Gemisch aus Geilheit und Traurigkeit befallen, die zum Ausbruch drängten. Das Manifest lautete also:

»Bürger, Menschen, Männer und Frauen!

Ihr werdet leicht einsehen, daß die bisherige Staats- und Lebensform, die diese Welt in ihrer Gänze beherrschte, der größte und schrecklichste Irrtum war, den ein Teufel ersinnen konnte. Ihr werdet es um so leichter können, da ihr ja in vorhergegangener Revolution, in Kriegsgreuel an Blut, Mord und Unbehagen, die noch in euren Hirnen haften, Beispiele und Belege, letzte Konsequenzen dieser Raison vor euch habt. Weniger leicht werdet ihr wissen können, wie aus diesem Wust, dieser Maschine hinaus. Nun, der Angelpunkt des Leidens ist die Unter- und Überordnung, die Pflicht, das Muß. Ich sehe gar nicht ein, warum nicht jeder tun soll, was er will. Ich stelle euch in meinen fast hirnlosen, aber gutmütigen Sklaven die Arbeitsmaschine vor, die euch schneller und besser Luxus und Lebensunterhalt verschaffen wird, als ihr es könnt. In eurem Herzen werden aber Jahrtausende lang an das Rad gebundene Energien frei. Mein Vermögen, mein Geld ist imstande, euch zu dem zu führen, das euch dienenden, schwitzenden Menschen unerreichbar und darum Sünde schien: zur Schrankenlosigkeit. Ihr habt Jahrtausende hindurch, seit ihr zu eurem Schaden den Tierleib verlassen, an unerfüllten Wünschen laboriert. Seht, ich bringe euch Erfüllung aller eurer Wünsche. Laßt euren Trieb Gesetz werden, es wird euch nicht gereuen. Denn daß ihr nicht hungert, dürstet oder friert, dafür sorge ich. Umarmt eure Frauen und die eurer Nächsten, mordet, brennt, stehlt, zerstört — aber bitte, nur nicht diese jahrhundertalte Langeweile und Lüge. Ehrlichkeit ist die Tugend der neuen Religion, die ich euch bringe. Sucht sie in Bibliotheken, Betten, Gotteshäusern, Turnsälen, jeder als sein, aber nur sein Herr. Ihr Frauen aber, denen die größte Lust zu schenken gegeben wurde, öffnet weit eure Arme, denn eine ganze Welt will darin vergessen, wie dumm sie war.« Dann kamen noch einige technische Anordnungen, daß man folgerichtig sich von der andern Welt abtrennen müsse, daß jedem so und so viel Arbeitsmaschinen zur Verfügung stünden, daß Alvio der Nachfolger Christi sei. Am Schlusse hieß es dann: ». . . und jeder hat sich wie in besserer Urzeit in gleicher Weise sein Leben selbst zu machen, Frauen selbst zu holen und nur die Arbeitslosigkeit trennt ihn von Königen und Göttern. Sie müssen herrschen und führen. Ihr sollt nur leben. Lebt!«

Da lief, wie gesagt, manche Brille an, manche Züge verfinsterten sich unwillig: so ein Wahnsinn . . . Doch es bohrte sich auch bei Mann und Frau hie und da die Hand fester in eine gepolsterte Fauteuillehne: ». . . wenn, ja wenn — —.«

Am selben Nachmittag — es war Juni und schrecklich heiß — stellten sich die Arbeitsmaschinen — Neger von dem Gute auf Florida — bei arm und reich in gleicher Weise ein — am selben Nachmittag ging der Prinz mit Claire durch die Straßen und forschte in den Herzen. Am nächsten Tage starben in Köln und Umgebung dreitausend Personen am Schlagfluß. Zu tief war in ihnen der Wurm der Pflicht gesessen und hatte das schöne Gebäude benagen wollen, das ihnen der Satan gebaut.

Die ganze Welt blickte nun auf die Rheinlande — ein Gemurmel der Mißbilligung durchzog die Presse, man sprach von »Irrsinn«, »Bubenstreichen«. Auf einmal konnte man sich nicht mehr in Verbindung erhalten, da es hieß, der Verkehr mit dem Lande »Libertia« sei technisch unmöglich. Viele Leute verlangten jetzt bewaffnete Intervention.

In der Stadt Köln ereignete sich aber in den nächsten 16 Tagen noch immer nichts Erwähnenswertes. Allerdings auffallend erschien ein gewisses zwangloseres Benehmen der Einwohner. Tanzunterhaltungen, Sommerfeste, die gegen zwei Uhr in ein wüstes Getümmel verliefen, dem am nächsten Tage Duellforderungen, Selbstmorde folgten, gehörten nicht mehr zu den Seltenheiten. Dabei war die Laune der Bevölkerung eine übertolle zu nennen, die Sterblichkeit ging zurück, die Neger funktionierten tadellos. Es standen jetzt häufig Gewitter am Himmel, die sich oft in Hagelschauer entluden, wobei rötlich-weiße Körner niedergingen. In der Nacht dann, wenn die keuschen Sterne sich wieder verdutzt blicken ließen, schlichen kleine Gestalten, wie Kaulquappen, an den Häusern hin, hinauf die Treppen, schlüpften durch das Schlüsselloch, setzten sich in die armen Hirne der Schläfer. Sie schienen dem Prinzen ganz ferne zu stehen und auf eigene Faust zu operieren. Der war schon am 17. Juli mit seinem Palaste bei Brühl fertig geworden. Er wurde bei allen Redouten und Maskenfesten gesehen, als rosaroter Page verkleidet reizte er durch sein sinnloses Trinken und Küssen die Gesellschaft zu einer ungewollten Ausschweifung, die in der Gestalt von Alkoholvergiftungen in den besten Familien unpassende Blüten trieb. Die Frucht schien reif. Vielleicht durch den Widerspruch der Geistlichkeit, die noch immer gegen die Arbeitslosigkeit wetterte, angeregt, erschien eines schönen Julisonntags nach dem Hochamt im Dom Alvio auf der Kanzel und sprach zum Volk. Er begann: »Jedem seine Meinung in Ehren . . .« Aber jetzt wäre es Zeit. Er lüde sie alle zu sich aufs Schloß. Dann stieg er hinunter und ging geradeswegs in der Menschenmenge auf Dr. Halb zu, den schönsten Mann der ganzen Rheinprovinz. Der Prinz lächelte und klopfte dem gewesenen Ministerialbeamten auf die Schulter. Die Leute wurden schon aufgeregt und drängten sich warm und fest aneinander — in ihren Mienen standen Angst und Würdelosigkeit. Hände tasteten und griffen, Füße wollten zueinander, durch den gewaltigen Raum schlich auf einmal nur mehr ein dummes, armseliges »Dominus vobiscum . . .« — dann sprangen die großen Türflügel auf. Die Orgel begann einen Two-step zu spielen, die Priester am Altar erstarrten, die Menge drängte gegen das Tor. Der Platz draußen war rosengeschmückt und durch die Sonnenglut gingen zwei Herren im Jackett auf ein bildschönes Mädchen zu, das ihrer augenscheinlich harrte. Der eine Herr machte eine einladende Geste mit der rechten Hand. Hierauf flammte in der schwarzen Masse der Gläubigen ein Schuß auf, der ziemlich gewaltsam von den gotischen Hochsäulen zurückgeworfen wurde, man sah, wie einer eine Frau aufhob und forttragen wollte, die Altäre zitterten. Das Chaos der Gemeinsamkeiten brach los. Scham war tot und die lebendigen Rosen waren Brautbett der Fürsten und Gemüsemädchen. Inzwischen fuhr Claire mit dem schönen Dr. Halb in himmlischer Nacktheit in das Schloß der Lüste. Der blasse Prinz ging aber am Domplatz auf und ab, auf und ab und seine Haare hingen feucht in die Stirn. Er konnte das Begattungsgebrüll nicht vertragen und hatte sich Wattestöpseln in die Ohren gesteckt. Als die Gräfin Balthes auf ihn zurannte — der Rock zerrissen und um den Mund Blut — ließ er sich in ihr Haus zerren. »Mich hat noch keiner gehabt — du — du —.« Ihre Lenden boten sich ihm schamlos dar. Er ging zum Erker und schaute zum Domplatz hinunter. Er grinste: »Ich habe Fieber.« Und dann: »Liebst du mich?« Die Gräfin sprang ihm an den Hals. Er wurde ganz sanft. Eine Wolke war vor die Sonne gezogen. Aus dem Nebenzimmer — oder war es über ihnen? — klang Gepolter umfallender Sessel, Klirren von Gläsern, Ächzen. Am Domplatz floß Blut. Ein Haus in Deutz hatte zu brennen begonnen, und schwarze Maschinen trugen Verwundete, Bewußtlose ins Spital. Der Himmel war gelb vor Weh und Geilheit. Der drinnen streichelte höflich und erlöserhaft der Gräfin Haar und beugte sich zu ihr. Er flüsterte ihr ins Ohr: ». . . und hätten der Liebe nicht.« Er unterließ es auch nicht, sie dabei im Nacken zu krauen. »Du — weißt du, meine Schwester ist die Schlange.« Worauf die Gräfin aufheulte und schwarz im Gesicht ward. Sie krümmte ein wenig ihre aristokratischen Fingerspitzen und war tot . . . Der Prinz bedeckte sie mit einem Tuch und fuhr mit seinem Auto nach Brühl. Dort erschoß er den schönen Dr. Halb, wie er gerade aus Claires Schlafzimmer kam. Er selbst legte sich zu ihren Füßen hin und schlief bald ein. Sie aß kandierte Früchte und lächelte lieblich wie ein von Gott besoldeter Engel . . . Alle Hirne hatten sich anders eingestellt, die Temperatur in aller Adern stieg auf 39,6°. Das Banner der Zügellosigkeit flatterte über die Dächer. Daß Handel und Industrie nicht lahmlagen, hatte man nur den trefflich funktionierenden Negern zu verdanken, die stets an ihrem Platz waren. Sie waren unentbehrlich. Fast wie Alvio, der mit dem scharlachroten Lieblingsauto von Ort zu Ort, von Gasse zu Gasse fuhr. Er stieg aus, sprach da und dort ein Wort, legte den Frauen die Hand auf die Augen, daß sie weinten. »Also übermorgen«, sagte er jedem, »das Fest. Ihr kommt doch?« Und die verwirrt schlagenden Herzen, die Hirne, in denen der Wahnsinn saß, schnappten ein »Ja.« Denn der Bann, der von ihm ausging, hielt sie alle. Manche — besonders Professoren, ehemalige Offiziere und andere Ehrenmänner — begannen zu zittern, und aus allen ihren Poren brach Schweiß. Die Geistlichkeit hatte sich scharf gegen ihn gewehrt. Er aber versprach Messen, ließ goldene Kruzifixe, Meßgewänder in die Pfarreien tragen, daß sie schwiegen. Im niedern Volke hatte die Syphilis scharf um sich gegriffen. Der Prinz ging zu jedem Kranken hin und siehe — man wurde gesünder, fast gesund, wurde weiter gepeitscht. Tag und Nacht. Haus und Gasse und Herd und Kirche und Bett waren eins. Wo man müde war, schlief man ein. Das Pflaster war weich und gab nach, die Luft zart und schwül. In der Nacht hing ein Gestirn am Himmel, hell wie die Sonne, nur viel röter. Am 38. Juli fand unter Massenbeteiligung das Hochamt der Lust im Kölner Dom statt. Claire vereinigte sich mit dem Prinzen, die Erde dröhnte. Sonst schien der Kosmos keinen entsprechenden Anteil zu nehmen. Da war das Ausland schon bedeutend lästiger, das telegraphisch sich erkundigte, anklopfte an die Türen von »Libertia.«