»Wir wollen ihnen das Evangelium des Lebens bringen«, sagte der schlanke Keppel, Privatsekretär des Prinzen und Two-steptänzer.

»Noch ist es nicht an der Zeit. Nach dem Fest.« »Wo willst du übrigens so viel Tausende in diesem Schloß bewirten?« »Warte . . .«

Ja, im Schloß herrschte eine fieberhafte Erregung. Alles wurde mit Blumen, Düften und Tieren geschmückt. Der blasse Prinz ging oft tagelang nicht aus seinen Zimmern. Eines Tages hörte seine Mutter, die jetzt heiterer geworden war, ihn seufzen. Sie selbst durfte nicht eindringen, darum schickte sie Claire hinein. Claire — ja, kennt ihr Claire? — manchmal ist sie euch sicher schon begegnet, Claire, die Schlanke, Claire mit den verschleierten Augen, Claire, die Schlange — nun, Claire bog sich, als sie bei der Tür stand, ein wenig rückwärts und der Prinz lächelte wieder und nahm sie fröhlich hin. »Ach, wär’ ich geblieben doch in meinem Garten« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

In dem Lande der Wollust rüstete sich unterdessen alles zum großen Fest. Kinder, die damals zur Welt kamen, wuchsen in Stunden so groß, wie sonst in Jahren. Und nur einer ging seines Wegs: Bachmann, der die Welt haßte. Vor dessen Haus fuhr aber zwölf Stunden vor Beginn des Gelages Prinz Alvio vor und erwürgte ihn höchsteigenhändig . . . . . . . . . .

Der Palast war in drei Trakten erbaut. Die beiden Seitentrakte waren für die Privatgemächer bestimmt, in der Mitte erhob sich das goldene Haus des Festes. Sein Grundriß war ein Dreieck, aus sich verjüngenden, viereckigen Sälen gebildet. Der Rest bestand aus unregelmäßigen Gängen und Gemächern, die stets verschlossen blieben. Am Vorabend des großen Tages erschien ein feuriges Transparent am Nachthimmel, auf dem stand: »Alle, die ihr gesund seid, kommt!« Am nächsten Tage startete man nach Brühl hinaus. Im Aeroplan, im Auto, zu Fuß, im Marathonlauf. Die Frauen von den Männern getragen, geführt, geschleppt. Ihre Lippen höhnisch und siegessicher. Die Negermaschinen waren zurückgeblieben, um die Städte und Kranken zu bewachen. Als man um ½6 vor Brühl anlangte, fuhr der Menge schon Alvio und Claire entgegen. Der Palast würde erst um 2 Uhr nachts geöffnet. Dann bekam man ein Fußballmatch zu sehen, die siegreiche Mannschaft wurde bei 2:1 von der Menge zertrampelt. Um 8 Uhr kam von einem der benachbarten Hügel Musik, vorher noch nie gehörte, unfaßbare, den Begierden zu sanft — man schrie, warum hat man uns hierher gebracht? — einen Rechnungsrat traf vor Ärger der Schlag. Doch mußte man sich notgedrungen beruhigen, da um 9 Uhr alle, wo sie saßen und lagen, friedlich einschliefen. Der Prinz — im Frack, die Orchidee im Knopfloch, — stieg mit Claire zwischen den Körpern umher und kitzelte dicke Beamtensgattinnen. Um 2 Uhr erwachte man, sah die Türen offen und fühlte sich merkwürdig rein. Man betrat den Palast. Der erste Saal war wie ein Garten — große, gelbe Sonnenblumen, eine Märchenmusik — Katzen, Papageien, Löwen, Tiger und Schlangen, alles furchtbar friedlich und harmlos. Ein kleines Mädchen, das erst vor sechs Stunden zur Welt gekommen war, rief: »schau, wie das Paradies.« Die Menschen benahmen sich auch etwas ungeschickt, zertraten Blumenbeete, flirteten blöd herum und wollten schließlich tanzen. »Tanzen, ja, tanzen bitte!« Die Mäderln drängten sich um den Arrangeur, der grün und zwerghaft war. »Wo ist der Prinz?« »Der Prinz und seine Schwester warten auf Sie im letzten Saal. Kommen Sie nur.« Der nächste war schon etwas salonhafter. Einige waren allerdings zurückgeblieben und sprachen mit kindlichen Zwergantilopen, aber die andern — ich bitte, das war ein flottes Gehüpfe. Es wurde da gleich etwas heißer. Der feurige Cymbalwalzer — bald war die frühere Temperatur erreicht. Und dann weiter und weiter von Saal zu Saal. Hinter den Vorwärtsstürmenden wurde es dunkel und ging der blaßmachende Tod. Verwandlung auf Verwandlung um sie, in ihnen. Da waren sie nackt und nur ein mattes Holzfeuer vom Kamin schien über stöhnende, verschlungene Glieder, aus der Luft kamen flüsternde Stimmen. Dort rasten sie zwischen überhellen Spiegeln dahin, fingen sich — in Tierfelle gehüllt — Lichtkaskaden, schrille Schreie — und dann sahen sie sich plötzlich auf dem Parkett des letzten Saales.

Die Mauern waren von Muscheln, und es brannte ein einziger Luster voll Kerzen. Sie sahen sich als Nonnen, und dort die Herren hatten einen Frack an, statt der Blume aber eine riesige Kreuzspinne im Knopfloch. Gemessen die Bewegungen und fast steif. Still. Still. Die Musik schwieg, man starrte sich an. Still. Es waren hier nur mehr wenige. Repräsentanten, schöne, kraftvolle Männer, süße, schlanke Frauen. Ein aschblondes Mädchen rief: »Wo sind die andern?« Still. Ganz leise gingen die Tore hinter ihnen auf. Alles lag hellblau in der Reihe der Säle da. Still. Sie drehten sich wieder. Die Kreuzspinne begann zu kriechen und kroch, wenn sie sich faßten, den Frauen unter das schwarze Nonnengewand. Von oben tropfte Blut, das vom Himmel kam, denn das Dach war auf einmal fort und alles war leer. Still. Der Prinz trat unter sie. Er hielt eine kurze Ansprache. Um seinen Mund ringelte sich eine Schlange. Er war sehr schrecklich anzuschauen, denn seine Augen waren nur weiße Lichter. Hinter ihm kam es jetzt schwarz und unermeßlich durch die Säle des Todes, mit großen Händen. Ein klirrendes Orchester aus Blech und Furchtbarkeit wurde vernehmbar. Die Hände wollten zupacken, der Prinz grinste. Der Schrecken trieb die Menschen durcheinander — jagte sie wieder zusammen. »Hier — du —« Die Nonnengewänder flogen, die Spinnen hatten sich auf die Frauenbrüste gesetzt und sogen Blut, die Köpfe wuchsen ineinander. Die Neger warfen sich unter sie wie mähende Sicheln. »Du — nein — ich will dich — dich — nimm mich — trag mich fort —« Die gelben Augen der Schwarzen waren schon nah. . . . da rief eine große und traurige Stimme: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und . . .« Der Tod trat in den Saal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Das Weltbewußtsein rüttelte sich nach einiger Zeit schweißbedeckt aus seinem Fiebertraum und suchte den Satan weiter in Erdbeben, Eisenbahnunglücken und Gehirnkrankheiten, nur nicht in der Liebe.

DAS LÄCHELN DES GEKÖPFTEN

IM Jahre des Heils 1914 schienen die Angelegenheiten dieser Welt zu einem Punkte gediehen, der sie für den Henker reif machte. So ging es nicht mehr weiter. Unbedingt nicht. Man glaube nicht, daß etwas Besonderes geschehen sei. Nein, im Jahre des Heils 1914 war alles so, wie es eben gewöhnlich war. Hört: Gesellschaften drehten sich im Kreisel dummer Walzerhymnen, Flirt verwirrte sich tief in das Innerste des Fleisches, dazwischen flogen Revolverkugeln der Revolutionäre und Selbstmörder, Dirnen mit offenen Haaren. Über Apparaten und dicken Büchern saß bärtige Wissenschaft, über jungfernweiße Bergrücken rodelten Sport und rote Wangen, Wahnsinnige nagten an Stäben, Audienzen wurden erteilt, in hohen Sälen flossen Orden hernieder und stiegen Reden. Kaffeehäuser in Bukarest, Lissabon und San Francisco und allem, was dazwischen liegt, rollten Billardkugeln gegeneinander, ließen Meinungen in Zigarettenrauch verwehen, kuppelten Bürger und Boheme. Einer schrieb Bücher, ein anderer stand mit fleischigen Armen vor der Backstube des Lebens, im Kimono wurden galante Besuche erwartet. Akten und Geschreibsel, dicke Bäuche und Brillen lenkten das Getriebe. Ein Genie war besoffen, Tausende Arbeiter erstickten im Bergwerk. Kirchen, Schulen, Bordelle, Institute, Gefängnisse, Ballokale, Haus und Wiese und Wald und Feld: alles war überfüllt. Zu den Schaltern des Schicksals drängten sich Milliarden, um den neuesten Film zu besehen. Doch auch die Seelen aller waren voll wie Säcke, Ursache und Wirkung lösten sich in dümmster Selbstverständlichkeit ab, was man nicht gleich erklären konnte, wurde psychologisch ausgeschöpft, und je komplizierter die Untiefen erschienen, desto lächerlicher war der Rätsel Lösung. In den Herzen der Wesen, die zwischen längst aufgedeckten Nord- und Südpolen herumkrochen, war jegliches Gefühl religiöser Scheu abgestorben, und der Kampf ums Dasein war zum Geraufe zwischen Hemmungen und Frechheit geworden. Bettler hatten ein Innenleben und dachten nach, Tiere und Landschaften waren Ornamente einer Stimmung, Erotik auf Flaschen gezogen und für Kunstwerke verwendet. Kurz, das Gefüge der Maschinen war so kompliziert geworden, daß der Irrgarten der Geschehnisse im Wahnsinn der verschlungenen Linien sich wieder zum höchst simpeln Kreis schloß, der ohne Anfang und Ende war. Das Schmieröl roch stark, die Achsen knackten, Gott, der Herr, beschloß, dem ewigen Treiben ein Ende zu bereiten.

Engelchöre sangen den abgedroschenen Schöpfungshymnus, in himmelblauen Seligkeiten schwammen Düfte und gebrauchte Lustgefühle. Bei der Himmelstür spielten die beiden wachthabenden Engel ihr Schach. Zu Petrus aber sprach der Herr und strich sich über das glatt rasierte Kinn: »Nein, so war dies nicht geplant. Als ich mit dem Chaos um die Zukunft würfelte und gewann, da wollte ich doch nicht Übles durch Übleres ersetzen. Unordnung, die sich als solche bekannte, durch Heuchelei, in der alles doch verschmiert und planlos hingeht. Nein — fort — ein anderes Bild.«