Schon hob sich die ringgeschmückte Hand des Schöpfers, um abzuwinken. Riesige Männer mit Stangen waren in den Thronsaal getreten und erwarteten den Befehl, einen kleinen, kosmischen Zusammenstoß zu veranlassen. Im Erdbebenbüro und in der Seuchenverschickungszentralstelle herrschte fiebrige Geschäftigkeit. Architekt Baron Julius Stil, Baumeister der Erde des Mars, beeideter Sachverständiger in Pflanzen-, Tier- und Menschenleibern, legte schon neue Pläne vor, von achtzehnbeinigen Wesen mit durchwegs blauen Augen — vielleicht probeweise 200-300 Stück — gehirnlos, nicht? — einen enormen Geruchssinn für das Ganze als Ersatz? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ja, im Himmel ging alles schnell. Doch war es noch der Überredungskunst des schlanken Petrus gelungen, Gott vor der endgültigen Entscheidung zu bewegen, wieder einmal zuzusehen. Sie traten in das Beobachtungszimmer (4. Himmel, 3117. Stiege, Tür 933) und begaben sich vor die sinnreichen Apparate. Nichts aber schien hier geeignet, den Willen des Herrn umzustimmen. Der bedienende Geist — früher einmal Newton aus England, Erde — mußte oft die Platten wechseln, Schrauben drehen und immer neue Projektionsflächen einschalten. Es war auch wirklich zu langweilig und gewöhnlich, was man zu sehen bekam. Die Blicke konnten in Paläste, Kaschemmen und Boudoirs aller Erdteile dringen, konnten Lebensläufe zusammenfassend erschauen, wenn man die 344. Linse etwas mit Natriumchlorür bestrich und die M-Strahlen entstanden, konnten Gehirndeckel abheben, die Gedanken sich bilden und den Geist bei der Arbeit sehn. Nichts entging dem Schöpfer. Nach Ingangtretung der Menschheit hatte ihm zwar der Satan den Einfluß immer mehr und mehr abgekauft. Doch konnte er nicht gehindert werden, »Ja« und »Schluß« zu sagen. Oder mit Syphilis und Kriegsgreuel reinigend dreinzufahren und sich schließlich sein Werk zu betrachten, als den hohlen Rasierspiegel seiner Größe. Doch diesmal sah er nicht sich. Was er sah, war die Banalitat der tausend Teufel, die ihrem Berufe nachkamen.
Siehe, dort wurde ein Kindlein geboren, wuchs auf, Gymnasium, Sport, erste Frühlinge, Universität, Nachtleben, Ball, Verlobung, Dirnen, Ehrgeiz, Reisen, Beziehungen, Zeitung, Bücher — der liebe Gott ließ sich eine andere Platte einstellen (das waren ich und du . . .)
»Vielleicht das wäre etwas? Ein kleines Verbrecherleben. So was hält frisch und warm.« Da sah man einen Akrobaten Frauen vergiften.
»Ah so, Giftmörder Hopf. Den kenne ich schon aus Feuilletons. Danke.«
»Oder ein verlottertes Genie. Hungert. Ohne Namen. Niemand kennt ihn. Und steht doch dir nahe. Du kennst ihn. Und dann . . .«
»Dann kommt alles, wie es kommen muß. Schau nur hin. Anerkennung auf dem Totenbett. Er ist lungenkrank. Man bringt ihm Telegramme an das Lager. Das Auge leuchtet. Der Freund sinkt ins Knie. Weiß schon . . . Nein, ich möchte in meiner Allwissenheit einmal ein wenig erstaunt sein.«
»Vielleicht jenes Bild . . .«
Sonne schien stark auf eine penninische Alpenwiese. Viel Sonne kam über die Gletscher her und wurde durch den harten Geruch der Gebirgsblumen noch lebendiger. Dort wuchs bei Ziegen und Abgründen ein blonder Knabe. Die Augen leuchtend wie die guter Tiere. Die Muskel und der Bau der Knochen, der Schädel mit den langen, hellen Haaren an Riesen erinnernd. Der hatte nicht Vater und Mutter, der konnte nicht schreiben und lesen, der kannte nicht Mensch noch Gott, nur seine Sonne. Im Winter kroch er in Dörfer und lebte bei seinen Zieheltern, Uhrmacher und Gattin, in niedern Stuben. Im Sommer sprang er über Felsen. Sang mit gewaltiger Stimme Lieder und schleuderte Blöcke gegeneinander. Holte aus Schründen seine Zicklein. Als er zwanzig war und seine Hände erwachsen und göttergleich, da gefielen ihm die glänzenden Deckel der Uhren und der süße Leib seiner Stiefschwester. Um beides zu haben, erschlug er den Alten, den er Vater genannt. Stand über dem Blut und erstarrte, als er den Tod aus verdrehtem Auge springen sah. Abend war’s. An die Fensterscheiben drückten sich ängstliche Gesichter, das Dorf murrte und Kinder liefen schreiend durch die Gassen. Drinnen ging einer auf und ab, und begann zu begreifen. Gendarmen ritten durch die Nacht mit ihm fort. Die Schwester weinte. Im Mondschein lagen Instrumente und Gläser und Ketten umher und weißes Haar klagte an. Der Wind blies Wolken herab.
Der blonde Doré — wie man ihn nannte — wurde zum Tode verurteilt. Der Gerichtshof von Marseille hatte nach den vielen Mordtaten, die in den letzten Jahren die französischen Behörden beschäftigten, beschlossen, ein Exempel zu statuieren. Ein Verbrechen, das so tierisch war, so kalten Bluts ausgeführt und zugestanden, mußte die gehörige Bestrafung finden. »Zum Tode durch das Beil verurteilt.« Die Worte des Protokollführers blieben im überfüllten Raum in der Luft schweben und lösten das aus, was man in Berichten so schön als »Bewegung« verzeichnet findet. Der Kopf des Angeklagten, der während der Urteilsbegründung neugierig und stolz zu den Männern im schwarzen Rock aufgeschaut, sank schwer wie ein goldener Apfel auf die breite Brust nieder. Die Lippen bewegten sich, doch den Gesichtsausdruck konnte niemand erkennen, da ein schwerer Regenschauer Gassen, Höfe und Zimmer verdunkelte. Das Gaslicht wurde aufgedreht und der Mörder in völlig apathischem Zustande von den Soldaten der Justiz hinausgeleitet. Dem Verteidiger stand nur mehr die Berufung offen. Denn der Geisteszustand war von den Gerichtsärzten zwar als etwas unter dem Gewöhnlichen stehend, woran wohl die mangelhafte Erziehung schuld sei, aber keineswegs als anormal bezeichnet worden. Doch auch dem Gnadengesuch wurde nicht Folge geleistet. Am 25. August sollte der blonde Bauer seinen Tod finden. Der war aus dem Zustand der Apathie bald erwacht. Hatte in seiner Zelle zu toben und zu schrein begonnen. Sein Hirn, das offene Weiden und Blicke in den Himmel gewohnt gewesen, war durch die Untersuchungshaft betäubt worden und ermannte sich jetzt erst zur Revolte des gesunden Fleisches. Der blonde Doré biß in die Eisenstangen der vergitterten Luke, kratzte mit den Nägeln an den steinernen Wänden, verweigerte die Nahrungsaufnahme. Ein dunkler Sinn für die ewige Gerechtigkeit war in ihm aufgegangen. Immerfort rief eine Stimme: »Wie, wenn es Unrecht war von mir, zu töten, was dürft ihr mich, — mich, den Starken, Starken, Starken in den Tod stoßen? Weil ihr mehr seid? Oh . . .« Dann griff er mit den Händen in die Gitterstäbe, um das ewige Gewölk fortzuschieben, das jetzt Regenmassen in grauer, ruhiger Reihe niedertropfen ließ. Dort mußte seine Sonne sein. Dort vielleicht Freiheit . . . . . . . . . . . . .