Der Priester wurde mißhandelt und hinausgestoßen. »Es gibt keinen Gott. Ich kenne keinen Gott.« Hochaufgerichtet stand er da, das Hemd an der Brust offen, die Arme wirbelnd in der Luft, ein heller Fleck in dunkler Zelle das Haar: Ein Prophet des Nichts . . .
Am nächsten Morgen wurde er hinausgeführt. Es ging durch Gänge, über Stiegen, vorn die graue Jacke des Aufsehers. Die Lippen Dorés waren mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Wut zusammengekniffen. Die Handfesseln drückten tief ins Fleisch, das sich immer und immer wieder blutig stieß. Auf einem der äußersten Höfe wurde Halt gemacht. Staatsanwälte und andere Funktionäre standen feierlich umher, eine knarrende Stimme las noch einmal das Urteil. Gebete flossen gemurmelt von fleischlosen Mündern. Die Handlanger der Justiz traten auseinander, durch die Gasse, die sie bildeten, kam der Scharfrichter, ein mittelgroßer Herr im Frack. Er legte dem Verbrecher die Hand auf die Schulter. Die Geste war einladend und gar nicht unliebenswürdig. Mit diesem war in den letzten Sekunden eine Veränderung vor sich gegangen. Die Augen waren klar aufgeschlagen, der geplante Fluch schien in die Brust zurückgesunken. Der blonde Doré sah über die Menschen und die Maschine des Todes hinweg, in eine Ecke des Hofes. Dort stand ein breitstirniger Schubkarren und auf dem tanzte ein Sonnenkringel, der durch Mauerspalten hereingeschlichen war, auf und ab. Denn die Wolken hatten sich verzogen und über dem Haupte der Hinrichtung lag klares Firmament, über das langsam und feurig die Sonne heraufrollte.
»Haben Sie noch etwas zu sagen? Nein?«
Schweigen. Die Pupillen des Mörders hatten sich weit gemacht, um eine Welt in ihnen ertrinken zu lassen. Der Mund lächelte.
»Dann treten Sie dorthin.« Der mittelgroße Mann im Frack stieß ihn vorwärts. »Pax tibi semper — pax aeterna . . .« Ein Kreuz trat vor das Gesicht, der Mund spitzte sich zum Kuß.
»Auf jenen Polster, ja . . .« »Ich danke Euch, Herr.«
Und schon fiel — ritsch-ratsch — das Fallbeil herab. Das Lächeln war geblieben. Blutiger Stumpf starrte ins Gemäuer. Das herb vom Leib geschiedene Haupt trug seinen Segenswunsch, die Sonne aber hatte sich in dem blonden Haare verfangen und war mit in den schwarzen Sack gerutscht, der den Abfall empfing. Im Hofe des Gerichtsgebäudes von Marseille war Christus gestorben.
Die Welt ward dunkel wie das Antlitz von Pestkranken. Vom Zenit donnerte eine schreckliche Stimme über die Städte und Felder der Erde: »Weil einer von euch das Leben geliebt, aus wahrem Herzen und wie die Kinder, und der ein Mörder war, so sollt ihr fürder dies Getränk, den Leib und seine Lüste nicht mehr freundlich schlürfen, sondern hassen . . .«
Die Wolke verzog sich. Am Himmel hing ein rötlich leuchtender Kopf und gab Licht. Die Erde ließ Stachelkräuter wachsen, zackige Kakteen. Selbstmörder bevölkerten die Metropolen, die Verbrecher waren Herren der Scholle, Mörder, die gekreuzte Beile bläulich über der Stirn trugen. Die Tiere sind ausgestorben, die Maschinen streiken. Blut floß und fließt in riesigen Strömen, bis in letzter Barmherzigkeit ein Satan die Wagschale zur Hölle stößt. Dort dürfen wir schmoren und wimmern und heulen mit offenen, schwärenden Wunden in alle Ewigkeit. Amen.