IN der Wohnung des Sektionschefs von Hornische standen die Möbel schwer und altbraun herum und es roch nach Schmerzen. Die Doktoren sagten: »Man hat alles getan — man muß lindern«. Frau Alwine von Hornische zeigte sich gefaßt. Sie linderte und ging herum wie eine böhmische Krankenschwester. Oft richtete sich noch Sektionschef Otto von Hornische mit dem Kaiserbart im Bett auf, fluchte laut und warf seine Spuckschale mitten ins Zimmer und schrie und ward rot: »Die Alte hinaus . . . mein Mädel . . .« und der Rest wurde von einem quälenden dumpfen Schmerzenslaut unterdrückt. Dann hieß es »Das Mädel muß heraus — Krankenatmosphäre — Tante Frieda . . .«

Das Mädel war die siebzehnjährige Tochter. Sie hieß Gretel und hatte Augen, grau, jungfräulich und zum Weinen unschuldig. Auch sonst war sie hübsch und schlank. Es ist eigentlich von ihr nur zu sagen, daß sie siebzehn Jahre und ein Mädchen war. Sie hatte noch nie geküßt.

In Tante Friedas Wohnung hatte der Dämon der Zeit die Makart-Buketts mitzunehmen vergessen, und man ahnte von ferne Reifrockzeit und Familienblätter. Gretel langweilte sich hier äußerst. Jeden Tag kam Mama herüber und erzählte. Gretel wandte sich roh ab und dachte: »Wenn nur der Alte schon . . .« Und Tante Frieda erzählte viel von Bismarcks Frau, die sie einmal gekannt zu haben vorgab. Es war ihr alles zuzutrauen. Gretel war ein Sportsmädel, wie es sie trotz versichernder Feuilletons der Presse und trotz Semmeringtouren doch wirklich gibt. Sie riß die Fenster auf und sah sich nach einer Tennispartie um. Tante Friedas Villa lag in Hietzing . . . . . .

Es war ein gesegnetes warmes Frühjahr. Gretel fragte plötzlich: »Du Tante, was für einem Herrn gehört denn die Villa dort drüben?«

»Hoflieferanten Schneider Striberny. Mein seliger Mann hat immer . . .«

»Ja und der sitzt immer am Fenster dort bei den Büchern . . .«

»Ah nein — das — das ist nur ein Gast von ihm. Ich glaube Geschichtsprofessor — — krank gewesen — eigentlich verwandt mit euch — — — wohnt sonst in Ottakring so — Ja Gymnasialprofessor . . .«

Gretel lachte: »Sitzt immer bei die Bücher; bei so einem schönen Wetter.« Der Mensch dort drüben schaute auf. Gretel nickte: »Ja Sie mein’ ich.« Dann spitzte sie den Mund und wollte pfeifen. Tante Frieda verwies es ihr. — — — — — — Gretel war seit einiger Zeit müd, abgespannt. Sie ging nicht mehr zu den Tennispartien. Beim Essen blickte sie auf, und ein Knödel hing gedankenvoll an ihrer Gabel . . .

»Der erste Mai ist heute. Und schon so warm. Man sollte etwas anstellen heute.« Sie streckte sich, daß man die weiche Biegung ihres Körpers sah. »Ich werde wieder hinein zu den Eltern fahren . . .« Tante Frieda putzte die schwere Brille. Sie murmelte etwas von: ». . . armer Vater . . . ringt . . . sowieso nicht lange . . .« Plötzlich fragte Gretel: »Was ist denn mit meinem interessanten Geschichtsprofessor?« »Wieder zu Hause . . . Ottakringerstraße.« Dann kamen Wiener Tascherln herein und das Obst. Gretel steckte sechs Kirschen auf einmal in den Mund und dachte sich etwas . . . . . . .

Um halb Drei setzte sie ihren schicken Hut auf. »Ich geh spazieren . . .« Draußen war alles grün in der Allee und Vögel sangen. »Warum nicht?«, dachte das Mädchen und »es is a Hetz . . .« Von der Hausmeisterin drüben bekam sie gewünschten Bescheid: »Ja, also jetzten, gnä’ Fräul’n, bei saner Familie, Ottakringerstraße 157 im vierten Stock« . . . . . . . . . . . . .