Die feiertägliche Elektrische fuhr durch die staubige Vorstadt. Ihr Läuten und das Pfeifen und das Tönen der Trompete und »ja, ja, steigens nur ein, wir fahren nach Dornbach« — alles schlängelte sich die nicht angestrichene Wand des verklebten, blinzelnden Zinshauses hinauf. Denn es war eine Haltestelle knapp vor dem Tore . . . Oft fluchte darüber Ludwig Hunner und sah von seinen Pandekten in die Gulyasduft und Staub tragende Viertestockluft. Die Knaben nannten ihn Hunzer. Er hatte ein Gesicht wie ein lyrischer Lustmörder oder wie ein Revolutionär aus Traurigkeit. Er war irgendwie mit reichen, mächtigen Leuten wie Hornische und so verwandt. Der Reichtum war wie ein süßriechender Kelch an ihm vorüber gegangen. Er war in seiner Jugend ein Aufwühler und etwas verrückt und also am Wege liegen geblieben. Jetzt loderte sein Fanatismus in Büchern aus Schweinsleder mit Bücherskorpionen und zusammengebraunten Seiten auf. In seinem Hirn glühten und verfielen noch immer Welten. Doch die Hand schrieb »nicht genügend« und über seine gigantische Nase war das Gefängnis einer Brille gelegt. Die Augen waren erloschen. Er hatte eine Gattin, welche nicht abließ, ihn »Luschi« zu rufen und ihm Kinder zu gebären. Sie liebte ihn, und er hatte sie aus Wut einmal gegen wen Andern geheiratet. Jetzt war ihr Leib reizlos, und Ludwig Hunner ging an ihr bröckelnd und fluchend zugrunde. Siehe, auch jetzt rief sie es wieder herein: den Schlachtruf ihres Lebens: »Luschi, der Kaffee wird kalt.« Und inzwischen schoß der achtjährige Sohn Jonas mit einer Luftpistole an die Wand. Ludwig Hunner aber exzerpierte gerade mit seiner kleinen zerschmetterten Schrift etwas über den dreißigjährigen Krieg und brüllte hinein wie zehn Löwen und seine Stimme kam noch immer aus einem feurigen Krater: »Ich komme sofffort!« Da läutete es draußen . . .

»Ja natürlich ist das eine unglaubliche Keckheit — Aber ich hab mir gedacht, wir sind eigentlich verwandt. Und wissen Sie — ich langweil mich sooo — und ich hab Sie bei den Büchern sitzen gesehen und ich hab mir gedacht, Sie langweilen sich auch. Nicht? . . .« Sie schwieg und ihre Augen blieben an den waldigen Augenbrauen Ludwig Hunners haften.

Dieser brachte kein Wort hervor. Seine klobigen Hände zerknitterten irgend ein Papier. Er war eigentlich in dem »Dem-Herrn-Direktor-Vortrittlassen-ins-Konferenzzimmer« ein feiger Philister geworden. Aus dem Nebenzimmer kam der Kaffee gekrochen; eindringlich und braun.

»Wissen Sie . . . also man tut oft etwas Plötzliches mit siebzehn. So ganz etwas Plötzliches.« Sie . . . stand auf und in ihrem Innern dachte sie schon »So ein Blödsinn.«

»Ich könnte auch gehn.«

»Aber nein« — er wurde lebhaft. Er nahm sie bei der Hand. »Eigentlich ist das ein großes Glück . . . habe immer auf so etwas Plötzliches gewartet als ich jung war.« Seine Stimme versank. Er führte Gretel ins Speisezimmer. — — »Also, Emmy, das Fräulein war so lieb und hat sich uns anvertraut. Sie ist ohne nähere Verwandte« — er log aus Angst — Gretel zuckte spöttisch mit den Mundwinkeln — »ohne Verwandte und hat sich gedacht, wir werden uns ihrer annehmen. Wir werden ihr in Zukunft immer unser bescheidenes Heim zur Verfügung stellen.« Noch nie hatte er so lang und so weltmännisch mit seiner Frau geredet. Diese zwinkerte Gretel prüfend an, rief dann kreischend etwas von einer neuen Tasse in die Küche, verwies der kleinen Inga das Nasenbohren und der Anfang war gemacht . . . Ludwigs Glut war schon längst Zucht und Beherrschung geworden. Er war dabei allerdings ein wenig um die Theatralik und das Gepränge der gesprochenen und gehandelten Tat gekommen. Doch nun entzündete er sich, wie er mit einem so fremden, andern, neugierigen und selber angestaunten Individuum über den siebenjährigen Krieg sprach und Alt-Ägypten und Napoleon. Er fuhr sich mit der Hand einige Male über die Haare, die ungekämmt waren, und schob das kleine Mizzerl ganz aufgeregt beiseite, als sie sich auf seinen Schoß setzte und voll starren Staunens auf die weißen Mädchenhände Gretels blickte . . . Es war sieben Uhr geworden. Die Bücherdeckel erglänzten im letzten Sonnenstrahl. Gretel unterhielt sich geradezu. Sie dachte immer »Komisch — sehr komisch . . .« Es kam über das Staubmeer ein Duft. Dann zündete Emmy die Petroleumlampe an. Gretel ging. Sie ging über die Stiege und lachte über das ganze Gesicht. Sie dachte . . . »Komisch . . . sehr unterhaltend — also Napoleon hätte nicht mit Metternich sprechen sollen in Dresden und Amenhotep war der erste, der . . .« Sie lachte laut heraus und stieg fast in einen H2-Wagen ein, der sie nie nach Hietzing gebracht hätte. Oben trank Ludwig Hunner ein Glas Wasser in einem Zug aus, richtete seine aus der Fassung gebrachte Krawatte und rief dann ins Nebenzimmer »Emmy, unser Abendspaziergang!« Worauf er mit Kind, Kegel und Gattin in irgend einen Dr. Karl Lueger-Jubiläumspark ging, der rhachitische Kinder und staubige Reifen ahnen ließ — — — — — —

Es gefiel Gretel von Hornische in der Ungewaschenheit und Stilwidrigkeit des staubigen Kleinbürgertums herumzurühren. Sie ahnte auch irgendwo einen Brand, etwas Außerordentliches unter diesen Abzahlungsmöbeln. Sie kam öfter im Mai in die Ottakringerstraße. Sie sagte ganz offen zu Tante Frieda: »Ich gehe zu armen Verwandten. Aber laß mich mit deiner blöden Tennispartie aus.« Sie starrte die Hände Ludwig Hunners an, die die Hände eines Bergarbeiters waren. Ihre Neugierde wuchs; sie drehte sich im Nachmittagsschein vor dem Fenster und legte ihren Kopf auf die Hände. Und es erwachte die kleine Bestie in ihr. Ludwig Hunner aber sprach laut und deutlich. Er sprach jetzt von seinen Wünschen und Ambitionen. Gretel blinzelte. In muffigen Ehegebührsumarmungen, bei Kind und Nachttopf und hängenden Brüsten war in Ludwig jeglicher erotische Sinn abgestorben. Nur manchmal nahm er ein Stück Monatsgehalt und lebte sich aus. Trotz allem sah sein ästhetisches Auge, wie unglaublich gut diese Linie war, wenn sie sich bog, und die Hüften waren schlank und aufreizend. Er mußte auch lächeln; »Warum lachen Sie?« »Ich dachte, daß es eigentlich sehr komisch und sehr nett von Ihnen ist.« »Was denn?« »Daß Sie zu uns kommen.« Seine Stimme bebte. Später sah er ihr nach, gelehnt an seine älteste Tochter Karla, die dreizehn Jahre war, und zittrige Haarsträhnen krochen über ihr Gesicht. Gretel kehrte sich um und winkte herauf. Ihr Kleid leuchtet wie roter Mohn. Ein Gewitter-Windstoß fuhr Ludwig in die Haare, die er sich am nächsten Tage schneiden ließ . . . Er ließ sich auch den Schnurrbart abnehmen . . . Vater von Hornische rang noch immer. Tante Frieda meinte, die Besuche müßten aufhören. Gretel ging jetzt justament hin und fast jeden Tag. Gretel kam einmal unvermutet gegen Abend noch einmal. Sie hatte ihr Tascherl vergessen. Sie sah Ludwig nicht am Arbeitstisch. Aber über seiner Schreibmappe thronten, unten angeschwärzt und umgekehrt, zwei Röllchen. Dies wirkte furchtbar komisch. Sie mußte auch sehr lachen. Als Ludwig hereinkam und die Szene erkannte, bekam er einen guten Zorn, einen Bubenzorn, und warf die Röllchen mitsamt den 40 Heller-Imitations-Knöpfen in die Ottakringerstraße hinab und schrie ein ordinäres deutsches Schimpfwort. Gretel staunte. Aber Emmy mußte vier Tage hindurch Manschetten annähen, trotz ihrer Schwangerschaft — — — — — — — — —

In dem Hause und der Wohnung Ottakringerstraße 157 gab es viele Dinge und es war eine bewegte, kreischende Symphonie des Mittelstandes und der Arbeit. Es gab enge, verschrumpfte Drehstiegen mit unheimlichen, offenen Gasflammen, die zischten und pfauchten. Und einen Hof, in dem plötzlich in der Mittagsglut der Mehlspeisendüfte wandernde Sänger auftauchten und ihr Lied aufsteigen ließen, das da gewöhnlich ging: »Hupf mein Mäderl!« Vorn spielten Rotznäschen und schwarze Finger am Trottoir, das Risse hatte, mit undefinierbaren Kugerln. Und Klopfbalkons und Gerüche sämtlicher Kuchen Wiens. Da war eine Köchin mit stets aufgesprungenen, roten Armen, die jeden Dienst bei Hunners verrichtete. Sie roch aus dem Mund. Stühle waren vorhanden, die wackelten, und halbtrockene Windeln im Gangerl und fünf Kinder und der Knabe war gewalttätig und schlug Lärm. Ferner Nachttöpfe, die sehr begehrt waren, und ein Bett, das nie gemacht war, und Flüche und Häuptelsalat, worin eine Raupe umherkroch, und Mizzerl kreischte dann: »Schau, Máma, ein Vieeech!« und Zinnsoldaten am Boden zerstreut und ein Kübel mitten im Zimmer und an den Wänden Stiche aus der »Gartenlaube« und die gelbe, häßliche Uhr ging um eine Viertelstunde zurück und Berge, Berge von Büchern und Scripten und Heften, beklexten und halbvoll geschriebenen. Und »Pápa, darf ich heut in den Zirkas gehn?« und »Emmy, heute ist Konferenz, gib den Schlußrock heraus!« und der Ehrenteller bei Tisch war auch schon gesprungen und die Lotti hat sich einen Schiefer eingezogen. Über allem aber thronte, frisch und herrlich, Gretel von Hornische . . . . . . . . .

Mama spannte sie hie und da zu kleinen Dienstleistungen an. Trotzdem lächelte sie und kam weiter hin. Sie gingen auch manchmal zusammen nach Dornbach hinaus in den Wald — — — Es war ein warmer Mai — — — Einmal gingen Gretel und Ludwig mit der kleinen Marie. Plötzlich sagte diese: »Geh, Vater, geht’s voraus — ich hab da so viel schöne Veigerln gesehn!« Sie bückte sich und pflückte. Gretel lachte und sie gingen zu zweit weiter. Ludwig fuhr sich am Hemdkragen herum und etwas sagte in ihm: »Du bist verliebt.« Er aber erklärte, daß der Tag herrlich sei. Gretel lachte und war neugierig. Da sagte er: »Das Kind ist gescheit«, und küßte Gretel auf den Mund. Sie küßte ihn wieder und beide bluteten dann ein wenig. Am Rückweg fragte Gretel, ob sie wirklich verwandt seien, und sagte dann: »Da sind Sie ja mit Kinskys verwandt. Wir sind es nämlich.« Sie freute sich, daß sie doch nicht nur die glutvollen Lippen einer Feuerseele geküßt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Es war Juni. Es war bereits heiß. Wenn Gretel jetzt kam, ließ sie sich die Hand so von innen küssen und den Nacken und sie sagte möglichst kühl: »Gut, daß du rasiert bist!« Es war aber auch in ihr Juni . . . Ludwig Hunners Philisterherz zerschmolz zu dem heißen Steinkern seiner einstigen Jugendlichkeit. Wieder türmten sich die Gedanken und lauerten auf die Tat. Seine Seele hielt die Zügel und den Atem an . . . . . . . Arbeiter sangen, Elektrische und Automobile rasselten, es leuchtete drüben über dem Wienerwald. Die Luft war schwer. Im Speisezimmer flackerte das Petroleumlicht und der Aufschnitt stand auf dem Tisch. Gretel war heute auch zum Abendessen da; weswegen Mizzis neues Barterl vorhanden war und man es Jonas verbot Nägel zu beißen. Das ganz Kleine weinte, weil es Angst vor Gewittern hatte. Emmy stand nun auf; sie war gelb und, wie gesagt, wieder einmal in der Hoffnung. Ihr Leib war gedunsen und sie sah wie ein Traumbild Goyas aus. Sie stand auf und wankte hinein und man hörte sie erbrechen. Mizzerl lief ihr nach und die andern Kinder bekamen Angst und rannten aus dem Zimmer. Ein Bierglas war umgefallen und der Zylinder der Lampe knackte. Ludwig saß da, starr wie ein Stier. Gretel aber rief, flötete, sang: »Küß mich!« Er sprang auf, hob sie, trug sie aufs Sofa, riß ihr die Bluse auf und küßte sie auf die kleinen, zarten Brüste und den Lilienhals. Sie biß ihn und flüsterte sommerhaft und mädchenglutend: »Ich liebe dich!« Es weinte aber ein kleines Kind nebenan. Ein Donner schreckte die beiden auf und Emmy rief: »Also vorwärts, zu Tisch, Kinder!« Und man versetzte sich zurück in die Gefilde der Bürgerlichkeit und Gretel erklärte, sie sei beim Uhraufziehen an einem Nagel hängen geblieben und schade um die schöne Bluse. Die alte Uhr ging aber wirklich plötzlich. Unten sang man: »Trink ma no a Flascherl . . .« und Jonas gab fest und knabenhaft seiner Meinung Ausdruck, er esse keine Dürre nicht. — — — Obwohl es gegen Schulschluß ging, war Ludwigs starre und strenge Observanz doch so geschwunden, daß er sich um das Gymnasium gar nicht kümmerte. Er holte jetzt Gretel in Hietzing oft ab, sie gingen in einen Wald hinter der Einsiedelei. Es war vier Uhr und durch Blätter kam weiße Hitze und sie küßten sich. Das siebzehnjährige Mädchen war älter und wieder frischer als der Mann und ihre Leidenschaft sah Ziele. »Seltsam, daß ich mich in dich verliebt hab« und »wenn mein Vater stirbt, läßt du dich scheiden, wir heiraten. Oder ich ziehe in die große Wohnung und ich werfe Mutter hinaus und du wirst mein Geliebter. Übrigens habe ich da jetzt eine sehr nette Tennispartie gefunden, vielleicht lasse ich dich fallen . . .« Da wurde dann sein Gesicht zerrissen und gewaltig und sie bekam Angst. Manchmal dachte sie: »Ich liebe ihn wirklich, sicher, und es ist meine erste Liebe und seine Küsse sind Glut-Küsse, ah . . . Aber ich bin eine Jungfrau und muß klug sein.« Und: »Sollte ich nicht plötzlich verreisen?« Denn oft war es ihr, als wüchse seine Schwerheit und Trauer über sie hinaus, sie wollte sich verkriechen und, als er einmal brutal wurde — nur einmal — und sie auf einem Spaziergang in ein Stunden-Hotel zerren wollte, schrie sie so laut, daß Passanten stehen blieben und er ohne Gruß fortstürzte . . . Denn sein Inneres war ohne Weg und Form. Er torkelte zwischen Entschlüssen und Taten hin und her wie ein Betrunkener. Er kaufte sich einen Revolver; er wollte sich in die Donau werfen. Er wollte ganz schlicht und einfach eine Ehescheidung einleiten. Er wollte Gretel nicht mehr sehen. Er wollte mit ihr fliehen. Er wollte vieles . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .