Am Abend des 26. Juni sagte Gretel ihm an der Gartentür in Hietzing adieu und, daß sie morgen wahrscheinlich nicht kommen könne, denn ihr Vater liege in Agonie. Ludwig sagte: »Gute Nacht, mein Liebling!« und war ganz weich. Wolken zogen über seinen Weg, als er heimging . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
(Seine Frau kränkte sich schon lange und hatte auch Szenen gemacht. Ludwig sagte immer: »Aber laß doch!« und »gardez les enfants!« Tante Frieda ihrerseits schüttelte nur den Kopf und in Hietzing lächelte man) . . .
Da kam der 27. Juni. Es war schon am Morgen heiß und man ahnte, dies sei ein Tag der Züchtigung und der Glut. Doktor Schwalbenschwanz hatte sich um ½9 in der Ottakringerstraße eingestellt, hatte »Hm, hm« gesagt und die gnädige Frau werde gegen Abend niederkommen und die Hebamm’, ja, ja, er werde schon alles ordnen. (Die Kinder waren schon seit drei Tagen bei den Großeltern mütterlicherseits.) Ludwig ging mit großen, idiotischen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Er schlug bald die Geschichte der Kolonial-Entwicklung auf, bald die Chronika der Stadt Nürnberg. Dann setzte er sich, strich sich über die Haare, lächelte befriedigt. Wurde unruhig, zerspitzte einen roten Bleistift und band sich einen neuen Schlips um. Zu Mittag warf er mit einem gewaltigen Aufbrüllen die Köchin, die ihm einen »falschen Hasen« hereinbrachte, zur Türe hinaus und aß überhaupt nur ein Stück Semmel und ein wenig Kirschen. Um ½3 Uhr ging er dann zu seiner Frau hinein, streichelte sie und sagte, er sei gleich wieder zurück, er müsse sich nur ein Buch besorgen. Hierauf ging er zum Thermometer im Hof, konstatierte, daß es 26 Grad im Schatten habe, nickte mit dem Kopf und nahm aus einer Lade den Browning. Dann bestieg er die Tramway, nahm sich eine 20-Umsteigen und fuhr über den Gürtel gegen den Parkring. Ja, ihr Vater war heute dort gestorben und er mußte sie sehen, heute sehen, gerade heute. Er fuhr im hintern Beiwagen. Neben ihm troff ein bläulicher Mann von Fusel und Schweiß. Die Fenster waren offen. Man sah die grünen Kastanienbäume und das aufgerissene Pflaster unserer Stadt. Die Blätter waren hie und da gegelbt von der Hitze, und die Arbeiter hatten das Hemd offen und zeigten die zottige Brust. Dort sprachen zwei mit Rackets von einem Tennistournier. Um die Ecke der Märzstraße zog ein Knabenhort und die Trompete klang schrill. Am Getreidemarkt hatte ein Roß gescheut. Leute liefen hin und her, Wache war da. Ludwig richtete sich auf und, als er einen umgestürzten Streifwagen sah, dachte er nur: »Ah, ja — ganz klar.« Im Palais Hornische sagte man ihm dann, da er sich für einen Abgesandten des Tennisturniers ausgab — er hatte etwas von Gretel gehört und benützte diese unwahrscheinliche Ausrede — »Ach, ja, gewiß« — und der Portier blickte von oben herab — ja, der gnädige Herr sei gestorben — das gnädige Fräulein könne natürlich nicht zum Tennisspielen kommen — sie sei aber zu Verwandten nach Dornbach oder so, um ihnen die Nachricht mitzuteilen. Ludwig lachte ihm ins Gesicht und klopfte ihm mit seiner gewaltigen Hand auf die Schulter und floh dann fort. Rannte zur nächsten Elektrischen und dachte — »Ah — ah — sie mußte mich auch sehen — nun ja, 26 Grad — morgen sind Wahlen.« Einer sprach von Schuhmeier und Lueger selig . . . . . Gretel war vom Sterbebett — es sah unordentlich und gar nicht wie ein Paradetod aus — es war zu sommerlich, um im Bett zu sein — sie war also unter irgend einem Vorwand weggestürzt. Sie rannte zu Fuß über den Gürtel, sie wußte nicht, was sie wollte, sie mußte ihm etwas sagen, sie zitterte, es flimmerte ihr vor den Augen. Nur heraus aus dieser Dumpfheit, dieser Krebsluft. Sie wollte mit ihm einen Ausflug nach Rodaun machen. »Das geht aber nicht, man darf sich nicht kompromittieren.« Sie seufzte. Keine Wolke war am Himmel. Sie kaufte sich Gefrorenes und verzehrte es trällernd. »Herrgott — die Sonne ist was Schönes!« Auf der Stiege trafen sie sich dann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
»Warum packst du mich so roh an der Hand?« Er zog sie in sein Zimmer. »Du — ah — du!« Die Rouleaux waren herabgelassen; es war bräunlich im Zimmer. »Küß’, ja, küß’ mich!« Sie waren ans Bett getaumelt. Er zerrte an ihrem Haar, an ihrem Kleid. In seinem Gesicht stand mit großen Zeichen die Sommerwut der Hunde zu lesen. »Nein — du laß — schau — es geht doch nicht s« Jetzt war etwas Schwärzliches da. Sie schlug ihm den Revolver aus der Hand. »Bist du wahnsinnig? — aah — mit Gewalt?!« Sie rüttelte an der Türe, die versperrt war. »Du — Du« Ihre beiden Schultern bebten vor Erregung. Er stand breit da wie ein brunftendes Tier. Sie sprang ihm mit den Händen ins Gesicht. »Du Prolet — du Kot-Mensch!« Sie kratzte. Er packte sie bei den zarten Handfesseln und schleuderte sie zu Boden. Einen Augenblick wimmerte sie, dann ein Schrei — doch er sprang an ihre Gurgel und schleuderte sie hin und her. Jetzt war nur mehr Lachen, ihr Lachen, ihr triumphierendes Lachen da. Es sprang von den Büchern herab, von der Wand herab in sein Hirn . . . . . . . . . . . . . . . . .
Da erwürgte er sie.
DIE KINDER DES HERRN HAUPTMANNS
WENN Josef Mittermüller ins Gymnasium ging, um bei den Professoren Auskünfte über seinen vierzehnjährigen Sohn Max einzuholen, so sagte man ihm gewöhnlich: »Ja, gewiß, ganz brav ist der Bub. Aber, aber, ich glaube, er hat nicht viel Talente. Wissen Sie, lassen Sie ihn Offizier werden.« Das war noch so in der guten, alten Zeit, da noch Bismarck lebte und es noch keine Aeroplane gab. Josef Mittermüller folgte dem Rat der Behörden und so wurde sein Sohn Offizier. Da nicht viel Geld vorhanden war, wurde auch noch dazu die Infanterie ausgewählt, den blonden Maxl in ihre Reihen aufzunehmen. Der machte seinen Weg geradeaus und ohne viel Beschwerden und Neuigkeiten. Er war seine Jahre in Galizien, er erbte, als sein Vater starb, ein kleines, aber immerhin vorliegendes Kapital und blickte aus wasserblauen Augen noch immer nicht sehr intelligent in eine Welt, die ihm bis jetzt wohl neue Oberste und hie und da ein neues Dienstreglement, aber sonst nichts beschert. Sein Kopf saß steif auf dem nicht sehr jugendlichen Nacken, um den Mund lag jene Gutmütigkeit, die in den verzweifeltsten Situationen die Mistviecher zum Mitleid reizt, und die Hände waren gut bürgerlich. Als Max Mittermüller nach Innsbruck transferiert wurde, war er 27 Jahre und ein wohlbeschriebener Oberleutnant. In der lieblichen Bergstadt lernte er Margot Osten kennen. Sie lebte, abgeschnitten von jedem gesellschaftlichen Verkehr, bei einer alten Tante. Maxl war nur durch einen Zufall in das Haus gelangt. Margot Osten war damals noch sehr jung. Sie hatte schweres goldenes Haar, einen sanften Mund und Augen, die in gewissen Augenblicken ihre meergrüne Farbe zu nicht geahnten Effekten steigern konnten. Außerdem fast gar kein Geld. Die Achtzehnjährige las viel Bücher, gab italienische Stunden und war zu ernst für ihr Alter. Sie hatte so jung ihre Eltern verloren, die alte Tante hielt sie stramm und konnte gut schimpfen. Maxl Mittermüller war fast der erste Mann, den sie kennen lernte. Es hatte da einmal — — wie sie noch in Wien gelebt — — einen Cousin gegeben; sie war noch nicht sechzehn gewesen; einen Cousin verbunden mit Waldspaziergängen und Küssen. Max Mittermüller verliebte sich in die Schlanke mit der Goldkrone. Nicht gerade mit einer Leidenschaft, wie sie oft stille Seelen bis zum Irrsinn stachelt; aber doch immerhin, er war ziemlich aus dem Geleise und in der Zeit der Unentschiedenheit schmeckte ihm sein Morgenkaffee gar nicht. Die Unentschiedenheit konnte nicht lange dauern. Margot sah jemanden vor sich, der ihr körperlich und geistig nicht ekelhaft war, im Gegenteil, den sie sogar in Gespräch und Blick und Lebensführung mehr als achten gelernt; jemanden, der ihr andere Existenzmöglichkeiten bot. Die alte Tante mußte notgedrungen einwilligen; erstens wußte sie wirklich nichts Besseres, als »ja« zu sagen, und zweitens, wenn Margot etwas wollte, dann vermochten ihre Augen ihren Leib zu einem Trotz zu verhalten, ihm eine Linie des Aufstands zu geben, vor der die bissigsten Worte in Rauch und Asche zerfielen. An einem windigen Märztage also hatte sich Max die Zusage geholt. Er saß jetzt zu Hause, in seiner Junggesellenwohnung — hoffentlich nicht mehr lange! — vergönnte sich eine Zigarette und wiegte sich in Zukunftsträumen. »Ich liebe dich!« hatte sie sogar ganz weich gestammelt und hatte die Arme um den Waffenrock geschlungen, was jenem Braven alles sehr schön vorkam. Das war das Glück, jawohl. Das Glück, das Gott den Menschen geschickt, damit sie schön brav das liebe Leben loben. Und Kindlein würden aufwachsen, sie würden nützliche Mitglieder der . . . wir wissen schon. Der Oberleutnant summte eine Melodie und war ganz alltagserhoben. Er hätte fast ein Gedicht gemacht. Im richtigen Augenblick erinnerte sich sein Hirn einer Wohnung, die er jüngst draußen in Wilten — sehr hübsch gelegen, 3 Zimmer, ich glaube, ein kleines Haus ganz für sich, Garten — angeschlagen gesehen hatte. Und so ließ er die Reimerei und machte sich auf, eine Bestallung für die Zukunft zu mieten . . .
Die Zeit der Verlobung dauerte nicht lange. Die Wohnung in Wilten war eingerichtet worden und grüßte wirklich sehr nett aus dem kleinen Garten, den Habicht und den Weg nach dem Süden. Margot hatte es sich ausbedungen, außer ihren Büchern und den sehr bescheidenen Mädchenzimmermöbeln auch noch die Dienerin Annina mitzunehmen. In letzterem Falle wäre sie fast bei ihrem sonst sanften Bräutigam auf Widerstand gestoßen. Ja, das war so eine Sache mit Annina. Sie war nicht eigentlich eine Dienerin; es hieß, ihre Eltern wären mit Margots Eltern gut bekannt gewesen, hätten ihnen einmal vor Jahren einen großen, sehr großen Dienst erwiesen. Dafür sprach auch die Art und Weise, mit der sie Margot behandelte. Sie sagte ihr »Du« wie einer Freundin und schien sie fast zu lieben, sicherlich zu bewundern. Annina war erst siebzehn und sehr schön. Obwohl man auf den ersten Blick nicht wußte, worin ihre Schönheit lag. Sie ging auch immer so einfach; einfacher als alle Dienstboten der Erde. Sie hatte einen Gang wie eine Katze und sprach sehr wenig; und wenn, dann klangen in ihr Deutsch italienische Worte und Betonung. Oberleutnant Mittermüller hatte sie vom ersten Tage an nicht leiden können. Er war zwar nicht grob zu ihr; ignorierte sie aber vollkommen und konnte das Benehmen — sogar der alten Tante — ihr gegenüber nicht verstehn. Schließlich mußte er doch einwilligen, sie mit seiner Frau ins Haus zu nehmen, da diese sehr böse wurde, als er fragte: »Warum hängst du gerade an diesem Dienstmädel so?« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Ehe Maxl Mittermüllers ließ sich anfangs sehr günstig an. Leute, die an dem kleinen Hause vorbeigingen, sahen in den ersten Monaten die Beiden entrückt und Hand in Hand in die untergehende Sonne schaun; andere wieder fingen bei Jours und Sport und gemeinsamen Bergtouren Blicke voll Liebe auf, die sogar einmal Hofratin Erzner zu dem Ausspruch bewogen: »Wie nett, so junge, glückliche Eheleute!« Margot hatte es auch wirklich gut; ein eigenes Heim, einen Mann, der sie vergötterte und außerdem jetzt Verkehr mit den ärarischen und nicht ärarischen Familien Innsbrucks.
Und doch entdeckte sie in sich Untiefen, für die niemand verantwortlich schien, die aber auch ihr Mann nicht verschütten und unsichtbar machen konnte. Ihre verzehrende Sinnlichkeit wuchs in um so abenteuerlichere Dimensionen, je menschlich sanfter die Liebe des Gatten in Küssen verebbte. Da glaubte sie auch ihrem Leibe nur die Gefährtin gewachsen. Annina, deren Macht schon, als sie selbst noch Mädchen war, bis in ihr tiefstes Blut gereicht, nahm sie für sich. Margot fand viel mehr Gleiches und viel mehr, das in ihrer Sprache zu ihr kam, in dem Herzen der Katze. Und wenn ihr Mann im schweren Bauernbett sie in den Armen hielt und über dem Garten lagen mitten in Blumen die Sterne, da glaubte sie ein Lachen ins Hirn rinnen zu spüren und wie ein weiches Tier legte es sich ihr um die Schultern. In das Stöhnen der Wollust traten Gesichte, die sie immer weiter lockten; das Zimmer ward voll schlangensüßer Leiber, die sich bis zur Decke reckten und ihr Früchte versprachen, goldene Äpfel, ungeheure, endlose Lust. Einmal auch war in solcher Liebesstunde Maxl Mittermüller aufgefahren. Der Vorhang des Bettes hatte sich bewegt, eine Maske, die von dort herstarrte, verschwand, eine Türangel knirschte. »Was war das?« Das Herz des Offiziers ging hart und hämmernd. »Nichts . . . du . . . nichts« Am nächsten Morgen schlug es wieder den Trott der Gezeiten und war beruhigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .