Bis die Kinder kamen. Max Mittermüller war jetzt 37 und Hauptmann. Seine Ehe dauerte schon fast zehn Jahre. Seine Frau hatte ihm fünf Kinder geboren. Das jüngste war erst vier, das älteste neun. Alle waren Buben; alle dem Vater vollkommen unähnlich. Sie waren von dem ersten Tage an ungebändigt, wild, laut und hatten einen Zug um den Mund, der Bösartigkeit verriet. Dabei waren sie alle sehr groß und stark für ihr Alter, aufgeweckt und rechthaberisch. Alle schienen den Vater, der sie nur mit einer bärenmäßigen Strenge kuranzen zu können glaubte, zu übersehen. Sie waren um ihre Mutter, zupften sie an den Haaren, tollten um sie, küßten sie ab. Doch waren sie nie zärtlich zu ihr. Zärtlich waren sie nur zu Annina . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Annina hätte einen Stationsvorstand aus Sterzing heiraten können. Sie hatte gelacht. Und als dieser — ein braver Mann und Bürger — sie sinnlos vor Leidenschaft verfolgt und belästigt hatte, war sie ihm bei der Gartentür in Wilten ins Gesicht gesprungen, hatte ihn gekratzt, hatte über die blutende Stirn des geilenden Männchens ihre schwarze Mähne geschüttelt. Dann war sie hinaufgelaufen, im Speisezimmer Margot um den Hals gefallen und hatte gerufen: »Ich bleibe bei dir, cara, carissima!« — — — Sie war auch die einzige, die durch ein Nicken die Kinder an ihren Platz stellen konnte, die aber auch durch einen nicht ausgesprochenen Gedanken sie die größten Dummheiten tun ließ. Max, der nur den erzieherischen Einfluß Anninas bemerkte, mußte seiner Frau wohl oder übel recht geben, wenn diese ihm auf seine Vorstellungen, die italienische Bestie doch hinauszuhauen, immer nur antwortete: »Was machst du dann mit den Kindern?« Ja, es war gräßlich, und jedem in der Stadt fiel es auf, was für eine Wirtschaft die Mittermüllers zu Hause hatten. Wenn man zusammen ausging, da fingen gewöhnlich die beiden Ältesten, Karl und Moritz, auf kolossal raffinierte Weise einen der vorbeikommenden, kleinen Hunde, rannten mit ihm weg und erschienen nach einigen Minuten mit einer plattgedrückten Leiche, die sie mit Hilfe eines Feldsteins oder einer elektrischen Straßenbahn hervorgebracht. Hauptmann Mittermüller hatte schon manche Strafe zahlen müssen; aber es half da wirklich nichts. Man konnte prügeln so viel man wollte, vierzehn Tage waren die Kinder dann wie die Engerln, gaben bei der Ecke dem armen, blinden Mann aus ihrem Taschengeld je einen Kreuzer, um ihm nach weiteren acht Tagen den Hut beim Vorbeigehen mit allem, was drin war, hämisch hinabzuschleudern. Max Mittermüller wollte für die ältesten eine Korrektionsanstalt, ein sehr strenges Institut heranziehen. Margot beschwor ihn davon abzustehn. Sie würden dort verdummen und ganz schlecht werden. »Sie sind doch so hübsch und gescheit!« Die beiden Eltern blickten in den Garten hinaus, der in summender Augustsonne dalag. Hinter ihnen im Speisezimmer verstreute Ludwig, der Sechsjährige, von dem noch nicht abgeräumten Esstisch sinnreich Kirschkerne über den Boden. Die Eltern aber beobachteten unten beim Springbrunnen Fritz und Robert, deren helle Lockenköpfe interessiert über ein Ding im Gras gebeugt waren. Es war eine kleine Eidechse, die sie mit Hilfe eines Brennglases in Brand versetzten. Margot meinte: »Fritz — bitte, er ist erst vier gewesen — kann schon ganz gut buchstabieren! Es ist unglaublich. Nicht, Liebling?« Hauptmann Max hatte sich umgedreht und die Tätigkeit seines Sprößlings im Zimmer entdeckt. »Schau, um Gottes willen, schau! Wie komme ich zu diesen Kindern?« Seine wasserblauen Augen wollten sich mit Tränen füllen wie immer in solchen Momenten. Da wurde dann aber Margot zornig. »Kümmere dich um sie! Du bist der Mann!« Der Hauptmann begann zu prügeln . . . . . . . . . . . . .
Besonders gründlich wurden Haus und Garten hergerichtet, wenn der Vater in der Kaserne war. Kein Mensch wollte mehr bei Mittermüllers verkehren. Wie Horden wilder Tiere durchstürmte die Schar der fünf die Zimmer, erfüllte sie mit Geschrei, warf Teller gegeneinander, riß Blumen aus, ließ Stinkbomben platzen, schlug sich blutende Wunden. Im Garten wurde ein Graben aufgeworfen, listige Fallen gelegt. Obwohl sie immer in Kampf miteinander lebten, schlossen sie sich sofort gegen den Erwachsenen solidarisch zusammen und nur vor Annina entbrannte Eifersucht. Wen sie streichelte, der wurde halbtot gehauen. Da konnte die Mutter Margot nicht konkurrieren, und je älter sie wurden, desto mehr haßten sie ihren Vater. Im Hin- und Herstreiten um das Schicksal der Kinder war auch das Einvernehmen der beiden Gatten sichtbar schlechter geworden. Streit, Rauheit und dunkle Sünden hatten sich um das weinlaubumrankte Haus gelegt und versuchten heimlich das Glück, das sich bereits zum Mittagstisch gesetzt, zu fesseln und zu würgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Im Winter des zehnten Jahres der Ehe mußte Margot zu ihrer Tante reisen, die schon lange nach München übersiedelt war. Während der Zeit ihrer Abwesenheit kam Hauptmann Max einmal gegen 12 Uhr nachts angeheitert von einer geselligen Zusammenkunft. Er dachte, daß er im Februar transferiert werde. Die Nacht war ganz in Schnee und Schnee stieg bis zum Himmel auf. Hauptmann Max stapfte durch die nicht gekehrten Vorstadtstraßen und sein Hirn funktionierte weiter: »Da werde ich wenigstens mit einer guten Ausrede diese — diese Annina los!« Jene Gedankenassoziation riß ihn plötzlich wach. In das dunkle Gefühl der allgemeinen Rauschseligkeit sprang böse Lust. Das Bürgerliche wurde pervers und erinnerte sich der festen Brüste des Mädchens, das ihm sonst höchst zuwider war. Max Mittermüller sperrte das Haustor leise auf, um die Kinder nicht zu wecken, die auf der rechten Seite des Vorzimmers in zwei Räumen schliefen. Dann schlich er, nachdem er den Säbel abgelegt, durch die Küche in das Dienstbotenzimmer und vergewaltigte die Schlafende. Mit männlichster Faust hielt er ihr den schreienden Mund zu und seine Betrunkenheit ließ ihn dann zu Bett taumeln, ohne den Blick erkannt zu haben, der den Augen Anninas Wut und Qual entriß . . . .
Föhn sprang um das Dach. Eine Kerze schwankte im Vorzimmer hin und her. Dort stand in einem weißen Mantel die Dienerin. Jetzt öffnete sie die Türe in das Kinderzimmer, trat ein. Das war noch nie vorgekommen, daß sie ihre Lieblinge zur Nacht besuchte; alle waren darum aus ihren Betten aufgefahren, fiebrig-erregt im Nachtkleid zu ihren Füßen gehuscht. Die Kerze tropfte in der zitternden Hand. »Was hast du? Du kommst zu uns?« Annina beugte sich zum Ältesten und flüsterte. Das Flüstern ging weiter. »Sie ist unser Vater?! Hast du das gewußt? Sie hat es gesagt! Der dort drüben aber . . .« Die kleine Faust ballte sich. Die Diele knackte. Das Flüstern erfüllte das Haus, stieg in den Kamin. Drüben schlief der Hauptmann den Schlaf der Gerechten und Sünder. Die Kinder schlichen durch den Gang; wie Tiere an sein Bett. Weiße Mäuse des Irrsinns. Dort stand eine und hielt das Licht. Es fiel dem Hauptmann flackernd vor die Stirn, doch der schlief fest. So fest, daß sein Ältester ihm mit dem Rasiermesser die Kehle durchschneiden mußte, um ihn zu besserem Leben zu erwecken. Der kleine Fritz, der schon lesen konnte, riß an des Vaters Füßen, bis sie locker wurden und einer schnitt an der Nase herum. Der Föhn sprang ums Dach. Annina hatte den Mantel fallen gelassen und war nackt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Am grauen Morgen fuhr ein Einspänner vor dem Hause vor. Freudig bewegt eilte Margot durch den Vorgartern auf die Türe zu. Sie hatte einen früheren Zug benützt und war schon da. Der Jüngste kam ihr im Hemd entgegengelaufen, trug ein Ding in der hohlen Hand und schrie: »Schau, das A-uge, das A-uge!« Durch ein Fenster sprang Annina, schwang sich in die Lüfte, hinter ihr die Kinder, jedes blutig und höhnisch. Im winterlichen Land lagen die Trümmer eines explodierten Lebens verstreut. Mitten im Zimmer ein großes, blutiges Herz. Im Garten die liebliche Gattin.
IDYLLE
BAUER zenterte und Fischera konnte unhaltbar einsenden, eine halbe Minute später pfiff der Schiedsrichter ab: der Länderwettkampf Österreich-Ungarn war für ersteres 4:2 siegreich entschieden. Ein ungeheures Gebrüll durchdrang die Maienlüfte, die Menge warf sich ins Spielfeld, um ihre besonderen Fußballlieblinge auf den Schultern hinauszutragen. Das Logenpublikum eilte zu seinen Autos. »Ja, Josef, fahren Sie direkt nach Haus.« Frank Merten half seiner kleinen Frau in den Wagen. Die beiden sprachen anfangs kein Wort. Frau Herma hatte ihre rechte Hand über ihre müden Augen gelegt, die andere aber lag sehr kindlich in der des großen, breitschultrigen Mannes, der ihre Finger einzeln und sorgfältig liebkoste. Auf den Gassen weiter draußen gegen Lainz und Mauer waren die obligaten roten Blusen, in denen die Mädchen unserer Stadt steckten, und die Wiesen sah man voll Sonntags und Papierln. Die Grünheit des Tiergartens schien freundlich herüber, Sonne war da. Frank Merten sagte: »Weißt du, Liebling, wir haben heute viele Menschen gesehen — bei Renskys war es eigentlich ganz nett — und jetzt das Match.« Herma dehnte die vom Sitzen steifen Glieder: »Ja — du — vier Besuche . . . aber beim Ländermatch das Geschrei hab ich so gern.« Er steckte ihr ein Schokoladebonbon in den Mund und sie machte die Augen wieder zu. »Du, Hermelein, ich habe heute wieder den blödsinnigen Liebes-Tag. Am Abend haben wir heute keinen Menschen draußen — zwar, die Randolfis warten schon lange auf eine Einladung — —« Als sie dann vor ihrer Rodauner Villa ausgestiegen waren und das Auto war fortgeschickt — sie gingen Hand in Hand zwischen Taxushecken dem Hause zu — lächelte sie ganz plötzlich und zeigte ihre Zähne: »Schick auch die Diener weg außer dem Karl. Heute haben wir Mond. Wir wollen allein sein im Garten, nicht Bubi?« Als sie in die Halle traten, kam der Diener Karl schon auf sie zu. »Etwas Neues?« »Nichts, Euer Gnaden. Das heißt ein Mann war da, ein Gartenbursche von Scaldonettis drüben, glaub’ ich. Er hat das gebracht.« Karl wies auf einige schmutzige Tücher, unter denen die Pfoten eines Bullys hervorschauten. »Hat man ihn endlich gefunden — ja, aber so — wer hat ihn denn?« Dr. Merten machte ganz bestürzte Kinderaugen. »Die Lausbuben, die Pülcher, mit Schrot — wann i die derwisch.« Frau Herma war über die Fetzen gebeugt und sprach einige Worte zu dem toten Hundekopf. Dann richtete sie sich auf: »Na, armes Vieh . . . Erinnerst du dich, Tante Blanca hat es zu Ostern vor einem Jahr — -« Ihr Mann aber war schon ins Schlafzimmer vorausgegangen. Sie sagte noch zum Karl: »Übrigens sagen Sie den Leuten, es kommt heute niemand her. Sie können alle weggehen, auch die Fanny. Es ist doch Kaltes da und Obst? — ja, also decken Sie auf der Veranda auf.« »Ich möcht schön bitten, Euer Gnaden, meine Tante hat heut ihren 60. Hochzeitstag gefeiert und wir sind alle beim »Schneider« unten — —« »Gut, gehn Sie halt auch. Aber machen Sie alles nett. Ein paar Blumen zu Tisch. Und wenn Sie weggehn, machen Sie beide Türen gut zu.«
Drinnen im Badezimmer hatte Frank schon das verschwitzte Hemd von sich geschleudert, den Kopf unter die Brause getan und pustete gewaltig. Herma fuhr auch recht schnell und gewandt aus ihrer Straßentoilette. »Hast du die Lisie schon weggeschickt?« schrie er ins Schlafzimmer hinein, »soll ich dir helfen?« Da flog auch schon die gnädige Frau mit der Schnelligkeit ihrer zweiundzwanzigjährigen Beine ins Badezimmer und küßte Frank oft und stürmisch ins nasse Gesicht. Sie lachte unausgesetzt über ein Haar, das ihm von seinem Scheitel so komisch wegstand, wofür er sie hinterrücks mit der Douche überraschte. Hierauf trockneten sie sich zusammen in einem schneeweißen Badetuch ab. »Du, Nunnerl, ich zieh mir den Smoking an. Du, geh, nimm auch dein hellblaues.« »So üppig? Aber du mußt einen niedern Kragen haben, wo du wie ein Gymnasiast ausschaust.« »Ich — Gymnasiast?« Er straffte seinen Oberarmmuskel. »Schon gut.« Sie fuhr ordnend über seine Augenbrauen . . . . . . . . . .
Beim »Hellblauen« mußte er allerdings hinten mithelfen, Sie sah hübsch aus vor dem offenen Fenster — weiter drüben war ein blühender Kirschbaum in letzter direkt kitschiger Abendröte. »Ich glaube das mit dem Bobby war der Aushilfskoch, der mit mir so — war — du warst auch etwas roh.« »Ach was, so ein frecher Hund — überhaupt brauchen wir keine Riesen im Haus.«