»Nein,« sagte die Kurfürstin bestimmt und völlig überwunden. Es gab für sie nichts Ruchloseres als unchristliches Tun. Dabei konnte sie es freilich nicht hindern, daß ihr zuweilen der ketzerische Gedanke aufstieg, es ginge jenen, die sich wie ihr Gemahl August über jede von Sitte und Gesetz gezogene Schranke hinwegsetzten, weit besser auf dieser Erde, als denen, die sich mühten, alle Gebote zu halten. Für sie hatte die Welt nur Demütigung über Demütigung, und die andern feierte und bewunderte sie als die Starken. Dennoch hätte die Kurfürstin nicht mit den prahlerischen Verächtern der Tugend tauschen mögen. Aus ihrem Leide wuchs ihr Stolz.
»Es ist unser Ruhm, getreu zu sein!«
Die Prinzessin Charlotte neigte den bräutlich geschmückten Scheitel vor der Kurfürstin, die ihr diesen Wahrspruch wie einen Segen mit auf den neuen Lebensweg gab. Das leise Rot der Erwartung auf ihren Wangen vertiefte sich, als sie erwiderte:
»Es wird mir nicht schwer fallen, getreu zu sein. Ich liebe ihn.«
»Liebe!« Die Kurfürstin drückte die schmale gelbliche Hand fest auf ihren gepreßt sich hebenden Busen. Der Seufzer, der ihr entfliehen wollte, durfte die Ohren der Prinzessin nicht erreichen. Doch sie konnte sich die Warnung nicht versagen:
»Liebe ist rasch verraten und schnell enttäuscht. Immer gehört uns der Geliebte nur in dem einen einzigen Augenblick seiner Liebe, und er ist unserer Liebe verloren, wenn unsere Treue nicht mit ihm geht, auf welchen Wegen er auch wandelt.«
Charlotte kannte, so jung sie war, die Schmerzen, aus denen der Kurfürstin diese Erkenntnis kam: ein Schicksal sprach. Sollte es auch das ihre sein? – Eiseskälte hauchte sie an. Die Fremde, in die ihre Straße führt, die ihr so wesensfern und ihm so nahe war. Würde sie ihn ihr lassen? – Die Knie wankten ihr, sie mußte sich setzen.
»Kind,« die Kurfürstin erschrak: nun hatte sie doch aufgerührt, was besser geschlafen hätte, »du fürchtest dich?«
In den Augen der Prinzessin standen Tränen, sie barg ihren Kopf an der Brust ihrer Patin: »Ich werde ganz allein dort sein, niemandem erwünscht, von vielen gehaßt und, ich fühle es, sie werden ihn mir abwendig machen.«