Im Sturm und mit Gewalt kam sie über das Land. Und der den Sturm antrieb und die Gewalt hetzte, war der moskowitische Zar.
Nur zwei Winter waren vorbeigegangen, seit die Russen bei Narwa die raschen und festen Schläge des schwedischen Karl zu spüren bekommen hatten. Wie Spreu war ihr übermächtiges Heer vor dem Siegbewußten in alle Winde verflogen. Doch der schnelle Triumph gedieh Schweden nicht zum Heile. Vom Kampfeseifer verblendet, hastete Karl von Schlacht zu Schlacht. Dänemark hatte er im Frieden zu Travendal gebändigt, den Moskowiter in Livland erledigt, nun ging es gegen den polnischen König. Verklungene Wasaträume wachten in seinem Blute auf. Begehrte er auch nicht die polnische Krone, so wollte er doch der Schirmherr dieses vielbegehrten und hoch mit Gold, Blut und Falschheiten aller Art bezahlten Kleinods sein. Ein Herrscher von seinen Gnaden sollte den polnischen Thron an Stelle Augusts von Sachsen einnehmen. Tiefer und tiefer verstrickte er sich in das Netz der polnischen Wirren. Er, der gewohnt war, gerade seines Wegs zu gehen, fand sich plötzlich inmitten des Hin und Wider der Parteiungen der polnischen Großen. Und über diesem Treiben wurde er der Gefahr nicht gewahr, die sich in seinem Rücken regte und reckte. Die Lehre von Narwa hatte sich Peter eingebrannt. Er war nicht der Mann, der eine üble Erfahrung vergaß. In aller Stille arbeitete er daran, die Scharte auszuwetzen. Während Karl sich die Hände immer fester mit Verpflichtungen gegenüber seinen polnischen Anhängern band, lernte Peter, die seinen von Tag zu Tag freier bewegen. Was seinen Russen gefehlt hatte, wurde ihnen beigebracht. Hessen und Schweizer, Westfalen und Sachsen bildeten ihm seine Soldaten. An den Grenzen Livlands sammelte sich Trupp bei Trupp. Ein neues Heer, ein anderes als vor Narwa lag, eines, das nicht nur Ergebenheit für den Zaren, das Zucht und Zug in sich hatte. Und es wuchs. An Schlagfertigkeit und Masse. Es schwoll an, gleich einem Strom vor einem Stauwehr. Unversehens brach es über die Dämme. Weithin jagte die Springflut. Und der dem Schwalle hätte gebieten können, war fern, handelte und stritt für eine fremde Krone und hatte des Griffes nicht acht, der seine eigene ihrer köstlichsten Juwelen beraubte.
Angstvoll lauschte das sich selbst überlassene Land auf den dumpfpochenden Tritt der heranmarschierenden Bataillone. Wohin der Russe trat, gingen Scheuern und Speicher in Flammen auf. Kein Haus war sicher, daß ihm nicht der rote Hahn aufs Dach gesetzt wurde. Wer laufen konnte, lief und suchte Schutz in den nächsten festen Städten. Zitternd und bangend hockten die Flüchtigen dort zwischen den Bürgern, scheuchten sie auf aus ihrem gelassenen Behagen und steckten sie an mit der Unruhe, die ihr aufgetriebenes Blut erfüllte. Niemand hatte mehr Lust zur Arbeit. Die Weiber liefen von der Backschüssel und den Waschtrögen vor die Türen, die Männer ließen Hammer und Hobel liegen und sammelten sich an den Straßenecken. Wozu werkeln und sich schinden, wenn am Ende vor Abend noch der Russe da war. Mochten die Kinder schreien. Staken sie erst auf den Spießen der Kosaken, würden sie schon stille werden. Die tollsten Gerüchte durchschwirrten die Luft und wurden hastig weitergegeben mit verzerrten, aufgelösten Mienen. Eine jähe Gier nach dem Gräßlichen befiel diese aus dem gewohnten Geleise geworfenen Menschen. Fiebrig, mit witternden Nasenflügeln sogen sie die grauenvollen Kunden ein, peitschten sich immer tiefer hinein in den Schrecken, um der lähmenden Ungewißheit ihres nächsten Schicksals zu entfliehen. Jede Stunde warteten sie, daß das Furchtbare sich erfülle und Greuel und Gemetzel die friedliche Arbeit langer Jahre verschlänge.
Die Stunden vergingen. Die Tage. Die Drohung verlor an Wucht über die Gemüter. Langsam lenkte das Leben in seine alten Bahnen. Vielleicht ging das Ungemach noch einmal vorüber oder wendete sich zum Nachbar hin, nach Karelien, nach Kurland. Mochte der Blitz in das fremde Haus schlagen, wenn nur das eigene verschont blieb. Die Männer schafften wieder in ihren Werkstätten, die Frauen am Herd und im Hause, aber sie waren nicht mehr dieselben wie vordem. Es gab Augenblicke, wo die Hände von dem gewohnten Geschäft fahrig abirrten, die Augen plötzlich wie bei einem aus tiefem Traum Erwachenden sich weiteten und starr eine unbekannte Welt zu enträtseln suchten. Die Menschen waren unsicher geworden an ihrem Dasein. Mit Grauen wendeten die Alten den Blick von der Zukunft. Aber die jungen Herzen jauchzten. Sie spürten: unter Blut und Tränen kam ein neuer Tag herauf, ihr Tag.
Um den großen Mund Katharina Skawronskas zuckte ein Lächeln: sie fürchtete sich vor dem Neuen nicht, mochte es immerhin in Gestalt der Russen erscheinen. Ihre schmalen Lippen verzogen sich spöttisch: es waren auch nur Männer! Tiefer drückte sie den von dichtem, rotem Haar umbauschten Kopf wider das dunkle Grün des Gaisblattes. Ah! Sie dehnte die Arme. Das enge Miederkleid spannte sich über den vollen Brüsten. Ihre grünlichen Augen bekamen einen hellen Glanz. Eine Erinnerung war ihr in den Sinn gefallen, von einem Abend, einem düstren, regenfeuchten Novemberabend, da Schnee und Sturm ums Haus tobten. Da stand er vor ihr, der Russe. In ihrem Blick blitzte es auf: nein, vor den Russen hatte sie keine Angst. Lässig rückte sie die Glieder, streckte und schob sich zurecht auf der Weidenbank. Der Mittag glutete. Langsam sanken ihr die Lider. Noch einmal hob sie sie:
»Halte gut Wache.«
Der dreizehnjährige Knabe, der in dem Eingang zur Laube an der Erde hockte, nickte ernsthaft. Die Gerte, die seine hageren, verzehrten Finger schwangen, klatschte aufgeregt gegen die Pfosten. Zischend stieß er zwischen den Zähnen hervor:
»Keiner darf dir was tun!«
Unbeweglich saß der kindliche Hüter. Verwandte das Auge nicht von der Schläferin, nur die Gerte in seiner Linken wippte leise.
Ein grünlich schillernder, großer Brummer summte in die Laube und zog seine Kreise. Mit flirrenden Flügeln verhielt er über dem prallen, festen Fuß, der rosig unter dem kurzen, derben Rock sich vorschob. Doch nur einen Augenblick. Eilig surrte er weiter, nistete eine kurze Weile auf dem weißen Busentuch, das unter dem sachten Wellen des Atmens sanft sich hob und senkte, und richtete dann seine Fahrt gegen das leuchtende Gekräusel über der weiß schimmernden Stirn. Dort verweilte er, tastete mit den haarigen Zangen seiner Füße über die klare, samtene Haut. Ein leichtes Zittern rüttelte die Schlafende, der Kopf kehrte sich zur Seite. Erschreckt flog der Brummer auf.