Eben so behutsam, wie sie gekommen, wollte sie sich zurückziehen, da gewahrte sie, wie der Propst die Hand hob, als müsse er sie halten. Unwillkürlich verweilte sie.

Jetzt erst wurde sich der Propst dieser Bewegung bewußt. Er fühlte: er mußte eine Erklärung geben. Was, was nur? Ah, Kruses Werbung, die nahe Hochzeit.

Seine Zunge mühte sich schwer um die Worte. Mit jedem einzelnen türmte er den wehrenden Wall zwischen sich und der gefährlichen Lockung. Jedes einzelne mußte er sich abringen.

Katharina hatte verwundert aufgehorcht: woher auf einmal dieses Drängen auf Erfüllung eines Wunsches, den zu gewähren sie nicht eilig hatte. Bisher hatte der Propst ihr beigestanden, den Ungeduldigen zu zügeln, wenn er allzu heftig in seinem Anliegen wurde. Jetzt redete er ihm das Wort? Was hatte sich ereignet?

Der stillschweigende Widerstand verwirrte den Propst. Seine Rede stockte, brach ab und verstummte endlich ganz. Eine peinvolle Stille entstand. Der Propst glaubte, sein Herz klopfen zu hören. Immer lauter erhob sich der pochende Schwall, wuchs zu einem Klingen und Dröhnen. Keuchend jagte die Brust des Propstes, ihm war, als müsse er in seinem eigenen Blute ersticken. Krallend zerrte seine Rechte an der Halsbinde.

Die dünnen, durchsichtigen Lider Katharinas glitten langsam zu einem kühlen, erstaunten Blick auf. Doch rasch wandelte blitzschnelles Begreifen den fragenden Schimmer der grünlichen Augen in flackerndes Glimmen: es galt, den Vorteil der Stunde zu nützen! Ihr Gesicht nahm einen kindlich-bänglichen Ausdruck an:

»Ich bin dem Geschick dankbar, das mich auch in dem neuen Stande der fürsorgenden Huld des väterlichen Freundes nicht entzieht.«

Die Schmeichelrede tat vor dem Propste einen Abgrund auf. Was Schranke hatte werden sollen, drohte Brücke zu werden. Seine Blicke hingen brennend an der biegsamen, geschmeidigen Gestalt vor ihm: wahrlich, sie war schön, schön wie Bathseba. Die Finger des Propstes bogen sich ineinander: er durfte, er wollte nicht schwach werden gleich David. Als suche er Halt und Stütze, drängte er den mächtigen Rücken gegen den hochlehnigen Stuhl vor dem Schreibtisch. Hastig, fast heftig antwortete er Katharina, ängstlich bemüht, mit jedem Vorschlag weiteren Raum zwischen ihr und sich zu bringen. Die Enge der Marienburger Verhältnisse, die Notwendigkeit voranzustreben, ein größerer Wirkungskreis, Empfehlungen an Freunde in Riga, ein Gütchen bei der Stadt, eine angesehene Stellung und reiches Auskommen. – Erschöpft schwieg er.

Nicht eine Miene hatte sich in Katharinas Gesicht verzogen, nur das Gleißen in ihren Blicken funkelte herrischer. Um das verräterische Glühen zu verbergen, haschte sie nach der Hand des Propstes, um sich mit einem leichten Dank über sie zu beugen.

Doch wie von Klammern wurde sie emporgerissen. Er hatte sie gepackt und hielt sie mit eisernen Fäusten. Armeslänge zwischen seinem Munde und dem andern, dessen Süße zu kosten es ihn hinriß. Langsam neigte sich seine Stirn. Der Zoll, den er der Schwachheit menschlicher Natur entrichtete. Aber seine Hände rückten die gefährliche Bezauberung unerbittlich von ihm ab. –