Ein schweres Stöhnen unterdrückend, deckte der Propst die Hand über die wie in verhehltem Fieber brennenden Augen. Er fühlte den Grund seiner Seele wanken. Wie war es möglich, daß in ihm, der hoch im Dasein stand, der sich längst jenseits jeder Anfechtung vermeint hatte, plötzlich ein wilder Brand entflammte, nach einem Weibe, dessen Vater er hätte sein können? Seine Fäuste ballten sich schmerzhaft: verfluchter Tag, da ihm der langaufgeschossene Balg im Hause des Ringener Kantors entgegengetreten war, ihn angelacht und ihm erklärt hatte: ich gehe mit dir. Einfach: ich gehe mit dir! Weil der Kantor nicht wußte, wie er den zugelaufenen Nachlaß der Gutsmagd des Herrn auf Rosen neben seinen eigenen acht Göhren durchbringen sollte. Hätte er nur damals auf seine Frau gehört, die sich mit Händen und Füßen sträubte, den Wechselbalg eines adligen Taugenichts und einer hörigen Dirne aufzunehmen. Er aber war erzürnt gewesen ob ihrer unchristlichen Härte. Tagelang hatte er kein Wort mit ihr gesprochen. Nie war das bis dahin in ihrer langen Ehe vorgekommen. Die Frau hatte getrotzt, geweint und sich schließlich seinem Wunsche gefügt. Es war alles gut gegangen. Das Mädel hatte es verstanden, im Handumdrehen auch das Herz sich zu gewinnen, das ihm nicht sehr zugetan gewesen war. Es dauerte noch keine paar Wochen, da sang die Pröpstin das Lob des Fremdlings. Mit allen ging es so. Im ganzen Kirchspiel war keiner, der dem Mädel eine böse Miene gezeigt hätte. Wo es hinkam, leuchteten die Blicke der Männer, und die Frauensleute rissen sich um seine Freundschaft. Es hatte zuweilen wahrhaftig so ausgesehen, als könne das Ding hexen.

Der Propst blieb neben dem Fenster stehen, die Stirn, hinter der es zuckte und arbeitete, gegen den offenstehenden Flügel gepreßt:

War es nicht fast Hexerei, wie sie seinen Jungen, dieses Häufchen Elend, nach sich gezogen hatte? Sie brauchte ihn nur anzurühren, und im ärgsten Toben wurde er ruhig. Wie ein Wunder Gottes war es ihm erst erschienen. Jetzt wußte er, woher das Wunder kam. Das Zucken seines eigenen Herzens hatte es ihm offenbart. Ihm, dem Vorbilde der Gemeinde.

Ein kurzes, gequältes Lachen brach aus dem zusammengepreßten Munde:

»Ein Vorbild!«

Seine Nägel bohrten sich in das Holz des Fensterrahmens.

Er durfte sich nicht an sich beirren. Wohl pochte sein Herz stärker, aber noch hatte er es in der Gewalt. Und er würde dafür sorgen, daß er es in der Gewalt behielt. Das Versprechen, das er seinem Gärtner gegeben hatte, mußte erfüllt werden. Bald mußte es erfüllt werden.

Leise fiel ein rasches, helles Pochen in seine Gedanken und leicht und sacht ging die Tür auf. Ein milder, warmer Schein drang in das Zimmer und scheuchte die abendliche Dunkelheit vor die Fenster, hinaus unter Büsche und Bäume. Katharina, den grünbeschirmten Leuchter in der Hand, trat über die Schwelle. Weich und behende glitt sie durch den Raum.

Die Blicke des Propstes hingen an ihren Bewegungen. Ihm war, als sähe er sie zum ersten Male.