Weiten, hohen Zielen, dem Glücke und der Mehrung Rußlands zu! – priesen die einen. – –
Ins Verderben! – weissagten die andern und fluchten seinen Freunden und nannten sie falsch. Wer waren seine Freunde? Fremde waren es. Schweizer, Schotten, Holländer, Litauer, Polen, Deutsche. Nicht einer ein Russe vom alten Schlage. Nur junges Volk, dem er den Kopf verdreht hatte und das gleich ihm die alte Zucht und Sitte, die Moskoviens Schutz und Stärke war, mit Füßen trat. Verächter des Glaubens wie er, Genossen von Ketzern, Ketzer gar selber. Das die Diener, die Berater, die Günstlinge des Sohnes des Mütterchens Moskau.
Ach, er war ihr Sohn nicht mehr. Losgesagt hatte er sich von ihr. Verleugnete sie, setzte ihr eine Nebenbuhlerin. Der Schändliche, der Verräter!
In den Sümpfen des Nordens, am Finnischen Meer, wo kein Christenmensch hausen mochte, wo Zauberer und Heiden in Nebel und Wasser ihr Unwesen trieben, in der wüsten Einöde, die er den gottverdammten Schweden abgejagt hatte, da hatte er eine Stadt begründet. Eine Stadt, die an Moskaus Stelle treten sollte.
Aus allen Teilen des Landes holte der Arge sich die frömmsten und bravsten Menschenkinder, zwang sie, ihre angestammten Sitze zu verlassen und sich inmitten von Luch und Moor anzusiedeln. Häuser mußten sie bauen, auf Pfählen im Morast, und anstatt, wie sie es gewohnt waren, auf einer Straße von einem Hause zum andern zu gehen, mußten sie zu Wasser fahren. Sie waren es nicht gewohnt und viele ertranken. Ohne in ihrer letzten Stunde für das Heil ihrer Seele sorgen zu können. O, er war ein schlimmer Verderber. Wen er nicht im Wasser um den rechten Glauben brachte, den brachte er mit neumodischen Bräuchen darum. Ohne Schleier gingen die Frauen in der neuen Stadt – Sankt Petersburg hatte er sie genannt, als ob er ein Niemicz war – und kamen mit den Männern zusammen, aßen und tranken und tanzten mit ihnen, tanzten, wie die schamlosen Ausländerinnen in der Sloboda. Die Sloboda. Da war das Ärgernis ausgekommen, da hatte er das Gift eingesogen, und nun war er ganz in den Krallen des Gottseibeiuns.
Wehe! Wehe! Wehe!
Die weichen Züge des Thronfolgers, dem die dicken, fettigen Weihrauchwolken die Klagen der heiligen Väter in sein Kremlgemach trugen, verzogen sich schmerzlich. Die blassen Hände, auf denen die blauen Adern in hohen Strängen standen, schoben die buntseidene Decke dichter um die schon im Hochsommer frierenden Füße und faßten den schweren Folianten, der auf seinen Knien lag, fester. Tiefer neigte sich das bleiche Gesicht über das Buch.
Er las, langsam und mit gestautem Atem.
Seite um Seite wandten die hageren, langen Finger mit andächtiger, ehrfürchtiger Bewegung um. Auf seinen Wangen bildeten sich harte, rote Flecken, in seine Augen trat ein grelles, verzücktes Glänzen. Raum und Zeit versanken um ihn. Eine andere vollkommenere Welt als die der körperlichen Wirklichkeit nahm ihn auf.
Er hörte nicht das scharfe Öffnen der Tür, nicht den festen, bestimmten Schritt, der auf ihn zukam.