Immer ungezügelter kam ihm der Durst. Als die Strelitzen sich für seine Schwester erhoben, erstickte er ihre Zweifel an seiner Herrschaft durch Strang und Schwert. Zu Hunderten grinsten die schauerlichen Masken ihrer Köpfe von den Toren des Kreml, und ihre Leichname verwitterten in den rostigen Ketten der Galgen, die die Märkte einringten. In Moskau baumelte der Tod auf jedem freien Platze, den ein paar sich kreuzende Gassen ließen. Jahre waren seitdem vergangen, und noch hatte das Morden kein Ende. Wieder und wieder reckten sich aus der Vergangenheit Hände, die den neuen flügelschlagenden Geist dämpfen wollten in die alte Enge und das dumpfe Beharren. Und der entbunden in die Weite Stürmende hatte in sich keine Fessel. Er besaß nicht die Möglichkeit, mit Geduld und Güte zu überwinden, er vermochte nur rasch und eifernd zu vergelten. Wie ihm geschehen sollte, tat er den andern. Moskovien mußte sterben, damit er und sein Rußland lebten.

Hart tönten die Schritte des Zaren durch die schmalen muffigen Gassen, in denen der Kot schuhhoch sich häufte und Feuchtigkeit und Schimmel mannshoch an den Häusern hinauffraßen. Hastig eilte er vorwärts. Der Trupp der Gefangenen war längst außer Hörweite. Das beirrte ihn nicht. Er kannte ihn und sein Ziel: den Hof des Fürsten Romodanowski, des andern Zaren.

Dazu hatte er ihn gemacht. Im Scherz. Damals in Preobraschenskoje, als er noch kein Herrscher war, ihn nur spielte. Einen König von Preßburg hatte es da gegeben und einen Metropoliten. Preßburg war die Festung, die sich der Bombardier Peter Michailoff um sein Obdach mit seinen Genossen geschanzt hatte, vorahnend, daß sie ihm nützlich sein konnte gegen überraschende Gelüste seiner Schwester-Regentin. Eine Burg muß einen König haben. Peter bestimmte Feodor Romodanowski dazu. Zum Metropoliten setzte er seinen ehemaligen Erzieher Sotof ein. Während der verlumpte und dem Trunke verfallene Sotof in seiner ständigen Bezechtheit so viel Klarheit hatte, die Satire zu erkennen, nahm Romodanowski die Sache gewaltig ernst und ließ von ihr auch nicht ab, als die Tage des Jugendübermutes weit hinter dem Schöpfer seines Königtums lagen. Eine Schrulle mehr zu den vielen, die er hatte. Peter wehrte sie ihm nicht. Sie war ihm gelegen. Dieser König von seinen Gnaden wachte eifrig über seine Würde, aber nicht minder bedacht war er auf die Wahrung der seines Herrn. Wehe dem, der sich dawider verging. Der Zar mochte verzeihen, sein Stellvertreter kannte kein Erbarmen.

Tag und Nacht war er bereit, sein furchtbares Amt zu üben. Wie ein Luchs in seinem Bau saß er finster und verschlossen in seinem Hause und lauerte auf die Opfer, die des Zaren Zorn ihm zuschickte.

Dieses Haus, plump, ungefüge, aus mächtigen, klobigen Stämmen, das Dach weit heruntergezogen, von dicken Balken getragen, die in grellbemalte gräuliche Fratzen ausliefen.

In dem Düster dieses Daches war dicht neben dem Eingang ein erhöhter Sitz. Dort thronte der Vizezar. Gleich einem Götzenbilde. Hoch, hager, eisig und eisgrau. Unbewegt. Kaum, daß der Kopf sich wendete, die Lippen zu einem harten Befehl sich öffneten. Nur die dürren Finger zuckten auf den knochigen Knien, zogen und zerrten an dem langen Rock, knitterten dessen zobelverbrämten Saum, zupften rastlos kleine Flocken aus Pelz und Samt, wirbelten sie ruhelos zwischen den zitternden Spitzen und ließen sie achtlos entrollen, um gleich darauf dasselbe Treiben mit erneuter Hast zu beginnen.

Die eingebrachten Strelitzen waren in einer Ecke des Hofes zusammengedrängt, umringt von den Knechten des Fürsten, die für das Henkergeschäft ebensogut geschult waren wie für die Wolfs- und Bärenjagden ihres barbarischen Herrn. Für sie gab es in Ausübung ihres Amtes kaum eine Überraschung. Sie waren das Schreien und Lamentieren nicht minder gewohnt als das Fluchen und wütende Aufbegehren.

Mit Griffen, die die jahrelange Übung verrieten, lösten sie den Verurteilten die Fesseln, teilten sie in Haufen, trieben die einen hier, die andern dahin, je nachdem ein Wink des Fürsten sie anwies.

Kein Widerstand wurde rege. Dumpf und stumpf ließen die Gefangenen mit sich geschehen, was über sie beschlossen war. Nur zwei von den Strelitzen wollten sich durchaus nicht voneinander trennen.

»Zusammen sterben!« forderte der ältere wild.