»Es wäre eine schöne Aufgabe, wenn es um den Mann lohnt.«

Diese überaus sachliche Erklärung verblüffte die Prinzessin einigermaßen, sie erwiderte darauf mit einem etwas gezwungenen Nicken. Zu der Angelegenheit sprach sie kein Wort mehr. Dennoch war sie in ihrem Plane nicht beirrt, eher noch bestärkt worden.

Schneller, als sie es dachte, reifte er der Verwirklichung entgegen.

Bereits seit Tagen hieß es, der Zar habe den Kriegsschauplatz im Norden verlassen und befinde sich auf der Rückkehr nach Moskau. Gleich allen, die Peter kannten, gab die Prinzessin auf dieses Gerede nichts. Sie wußte, ihr Bruder liebte es, dergleichen auszustreuen. Es sollte keiner sich vor ihm sicher wähnen. Nur diese beständige Bedrohung hielt seine lässige Beamtenschaft bei der Pflicht und beugte allzu großen Gesetzwidrigkeiten vor. Die Rücken der mancherlei Räte bis hinauf zu den höchsten Beamten mußten immer ein leises, ahnungsvolles Jucken verspüren, damit sie sich bemühten, der allzu nachdrücklichen Bekanntschaft mit seinem Stocke auszuweichen. Deshalb schreckte er sie gern durch eine scheinbare Allgegenwärtigkeit. Tauchte unvermutet auf und verschwand ebenso überraschend, kündigte sein Kommen an, blieb aus und erschien, wenn niemand mehr ihn erwartete. Diese Unberechenbarkeit bewirkte schließlich, daß seine Anmeldungen keinen Glauben fanden.

Prinzessin Natalie hatte noch einen besonderen Grund, der einlaufenden Nachricht zu mißtrauen: Peter lag vor Narwa, das Unbezwungene endlich zu bezwingen. Graf Horn war auch diesmal ein hartnäckiger Gegner. Obwohl er auf Ersatz nicht hoffen durfte und den Russen der Sieg sicher war. Mit dem Falle der Festung aber hatte es noch gute Weile. Peters letzter Brief an die Schwester klagte, daß er noch wochenlang den sehnsuchtsvollen Anbeter werde spielen müssen. – Nein, es war sicher wieder müßiges Geschwätz, das von seiner nahen Ankunft fabelte.

An ihrer Sänfte vorüber raste ein hochrädriger Jagdwagen. Des Zaren Gefährt.

Die Prinzessin befahl zu halten. Doch ehe die Träger die Sänfte abgesetzt hatten, war der Wagen vorüber. Einen Augenblick grüßte sie das zurückgewendete Gesicht des Bruders. Es war hell, freudig. Er winkte und rief ihr jubelnd ein Wort zu. Sie verstand es nicht, aber sie wußte: Sieg! Er hatte wieder einen Schritt vorwärts getan. – Eine kleine Schwäche befiel sie, ihre Knie zitterten: vorwärts, nur vorwärts peitschte er. Ihre Finger bogen sich ineinander. Zum Gebet. Demütig neigte sie die Stirn und flehte, daß seinem Streben Bestand werde. Und während sie betete, gingen ihre Gedanken zu dem Mädchen im Hause Menschikoffs, das ihr geschickt erschien, seine Unrast zu lindern, sein Ungestüm zu bannen.

Einstweilen tobte das noch unbehindert. Aufreizend pfiff die Peitsche über den Pferdeköpfen, trieb die Tiere zu rasendem Lauf. Der Wagen stieß und schleuderte auf der unebenen Straße.

Peter lachte, zeigte die Zähne und schrie zu Menschikoff, der hinter ihm saß: »Nun der Herr Graf am eigenen Leibe spüren, wie schlecht der Weg nach Eurem Palaste beschaffen ist, werdet Ihr ihn wohl aufbessern lassen.«

Der Herumgeschüttelte nickte mit verkniffenen Lippen und wünschte den Übermut des Zaren zum Teufel.