Dieser Ruf Anisias riß sie aus ihren Gedanken. Sie beugte sich vor.

Vom Gewächshaus her kam Katharina. An ihrem Arm hing leicht und lässig ein kleines, glänzendes Körbchen aus buntem Strohgeflecht, aus dem über dem dunklen Grün der Weinblätter die roten Samtbacken der Pfirsiche schimmerten. Sie ging schlendernd ohne jede Hast, mit weichen, ein wenig wiegenden Tritten, ganz wie eine Dame, und einem unbefangenen Beobachter wäre es schwer gewesen, einen Unterschied zwischen dem livländischen Bauernmädchen und ihrer Begleiterin, der Prinzessin Natalie, der Lieblingsschwester Peters, herauszufinden.

Die Prinzessin, eine große Blumenliebhaberin, war ein häufiger Gast in den Treibhäusern des Fürsten, die sie, dem Beispiel ihres Bruders folgend, fast zu ihren eigenen rechnete. Gut einen Kopf größer als Katharina, war sie gezwungen, auf diese herabzusehen, aber weder in ihren Mienen, noch in ihrer Haltung kam irgendwelcher Hochmut zum Ausdruck. Angelegentlich sprach sie auf die Jüngere ein. Langsam, wiederholt stehenbleibend, näherten sie sich dem Gartensaal.

Barbara Arsenieffs Brauen zogen sich zu einem dunklen, geraden Strich zusammen:

»Es ist geradezu, als ob sie etwas an sich hat. Alles läuft ihr zu.«

Hätte sie hören können, was die Prinzessin mit der Nebenbuhlerin ihrer Schwester so dringlich zu besprechen hatte, sie würde in ihrer Meinung von der Gefährlichkeit der Livländerin erheblich bestärkt worden sein.

Dabei gingen die nächsten Absichten der Prinzessin in bezug auf Katharina mit denen Barbara Arsenieffs gleich, nur im Ziele entfernten sie sich voneinander. Auch die Prinzessin fand es an der Zeit, daß ihr Bruder dem wüsten, ausschweifenden Treiben, dem er sich in Gemeinschaft mit seinen holländischen Kapitänen und mit schnapsdurstigen Dienern und Soldaten seiner Garde ergab, entrückt würde. Das Vielerlei und noch mehr die Wahllosigkeit seines Liebebedürfnisses waren ihr ein Dorn im Auge. Ermahnungen fruchteten nichts. Er war ihnen nicht unzugänglich. Doch seine Willigkeit bedurfte zu ihrer Unterstützung eines Ersatzes für die Vergnügungen, auf die er verzichten sollte. Dieser Ersatz hatte bisher gefehlt. In Katharina schien er der Prinzessin gegeben. Sie war wie geschaffen für Peter. Reizvoll und dabei von einer Sicherheit und Derbheit, die ihm Schach zu bieten und ihn in Schach zu halten verstehen würde, ohne von jedem groben Wort und festen Griff ein Aufhebens zu machen. Keine Gemahlin zwar für einen Zaren, aber eine Kameradin für einen Reformer, die nicht von ihrer Vergangenheit gebunden, mit ihm durch dick und dünn ging. Eine aufrechte und starke Gefährtin, die ohne Schüchternheit seine rauhen Freuden teilte und ihn damit von allen ärgerlichen und ihn zerreibenden Zerstreuungen zurückhielt. Eine Genossin, die ihm ein Heim bereitete, wo er zur Ruhe kam von seiner Umgetriebenheit und Kraft sammeln konnte zu neuen Werken. Alle diese Aufgaben konnte Katharina, wenn sie wollte, leicht lösen. Daran zweifelte die Prinzessin nicht. Es kam jetzt nur darauf an, ihr dieses Wollen nahezulegen und schmackhaft zu machen. Die Besorgnis, daß das Bauernmädchen über solcher Erhöhung jede Zurückhaltung verlieren und die selbstverständlichen Grenzen ihrer Stellung zum Zaren überschreiten könnte, kam der Prinzessin nicht. – Musternd glitt ihr Blick zur Seite: da war in Schreiten und Gebärde ein unwillkürliches Maß. Sie stellte es mit Erstaunen fest: woher das Mädchen nur diese kühle, bestimmte Art hatte? Von ihrem Aufenthalte in dem Hause des Propstes wohl kaum und erst recht nicht von ihrem Eintagsgatten. Gleichviel: sie war recht, wie sie war. Und würde sie auftrumpfen, nun, wenn sie es gegen den übermütigen Alexaschka und gegen die überhebliche Arsenieff tat, es konnte bloß von Nutzen sein. Denen war eine Dämpfung not. Die Prinzessin durchschaute deren Machenschaften. Peter durfte säen, die Ernte sollte Alexander Menschikoff einheimsen. So hatte der Ehrgeiz der schnurrbärtigen Barbara es ausgesonnen, und ihr heimlich angebeteter Held sagte nicht nein zu diesem Plänchen.

Das alles war in ihren Gedanken, während sie der anteilsvollen Hörerin die guten Eigenschaften ihres Bruders rühmte, seine Fehler beklagte und mit Schmerz seiner Verlassenheit gedachte, in der die Untugenden üppig ins Kraut schossen.

»Freundinnen,« sie seufzte, »und Freunde, die sich so nennen, hat er mehr als ihm gut sind, aber ein wahrhaft liebevolles Herz ist nicht sein eigen. Und doch, ich meine, das wäre eine schöne Aufgabe für eine Frau.«

Katharina, obwohl sie die Frage verstand, die mit alledem an sie gerichtet wurde, antwortete nicht sogleich. Ihre Lider sanken, ein wägendes Prüfen trat in den kühlen Blick der grünen Augen. Ganz langsam, mit Bedacht, hob sie ihn und richtete ihn ruhig auf die Prinzessin: