»Hörst du?« sagt Marie.
Sie sind bisher immer, wenn die große Glocke geläutet wurde, zum Schloß hinunter gelaufen und haben hinauf nach der grünen Turmspitze gesehen, die von der Wucht der Glockenschläge langsam, aber deutlich hin und her schwankte; oder sie haben das Ohr an die alte Turmmauer gehalten, und das Dröhnen ist ihnen schauervoll durch den Körper gezittert; oder die Kameraden nahmen sie bis hinauf in den Glockenstuhl, und sie haben da, schwankend und schwindelnd und ganz betäubt von den ungeheuren Schlägen, die den Turm zu zersprengen drohten, sich aneinander geklammert und an den riesigen Balken festgehalten.
Heute schauen sie aber, wie gesagt, nur gedankenvoll zum Fenster hinaus.
Es ist, als läge irgend etwas auf ihnen.
Röse hat auf das »Hörst du?« von Marie nicht einmal geantwortet.
Sie stecken beide feierlich in weißen Kleidern und tragen grüne Schärpen.
Grüne Schärpen sind für sie noch immer der Inbegriff von aller Schönheit und Eleganz.
»Röse! Marie! Schließt das Fenster! Gleich! – Was fällt euch ein! – Der Wind!« So ruft Frau Rat, die Mutter der Ratsmädchen, die eben ins Zimmer tritt.
Eine rührende Zartheit liegt über der schlanken Gestalt. Der Haushalt mit den wilden Mädchen und Buben, die Kriegsjahre, der überernste Gatte, die Geldsorgen, – das alles ist der fein organisierten Frau zu viel geworden.