Dr. Hans Hoppeler.
Am Gartenzaune eines freundlichen Hauses an der Freien Straße in Zürich stand ein blonder etwa 40jähriger Herr in dunklem Überzieher, und blickte durch das kleine Vorgärtchen hinein in die geöffneten Fenster des Erdgeschosses. Er trug ein braunes Reisetäschlein in der Hand und kam offenbar vom Bahnhofe. Vielleicht hatte er eine weite Reise hinter sich, war hungrig und müde. Trotzdem schien er es nicht sehr eilig zu haben, an sein Ziel zu kommen; denn schon einige Minuten hatte er nun hier vor dem Hause gestanden, und noch immer machte er keine Anstalten, weiter zu gehen. Es war aber auch wirklich unterhaltsam und lustig, was er da drinnen sah. Eine große Zahl Kinder, wohl fünfzig mochten es sein, saßen da auf langen Bänken, alle mäuschenstill. Die Hände hielten sie alle auf dem Rücken verschränkt, und gespannt blickten sie nach vorn, um die prächtige Geschichte vom Zigeunerfriedel zu hören, die ihnen soeben Tante Emma erzählte. Und wie konnte diese herrliche Tante des Kindergartens erzählen! Grad' zu hören meinte man all' die Glocken, Pfeifen, Orgeln und Ausrufer, wenn sie den Jahrmarkt von Goßlingen schilderte, und Tränen des Mitleids liefen da und dort einem Kinde über die Wangen, wenn sie vom langen Balthasar berichtete, dem Zigeunerhauptmann mit dem furchtbar großen Schlapphut, der den Friedel plagte bei Tag und bei Nacht, bis er seine Seiltänzervorstellungen gelernt hatte. Auf der zweitvordersten Bank saß Hannchen. Ihre dunklen Augen funkelten und ihre kleinen Fäustchen waren fest geballt, sodaß die Fingernägelchen sich tief in die Handballen eingruben. Mit diesen Fingernägelchen hatte sie vorgestern den Armin gekratzt, als er in grober Weise ihr Brüderchen die Treppe hinuntergestoßen, und mit diesen Nägelchen hätte sie jetzt des Balthasars Gesicht furchtbar zugerichtet, wenn er zur Stelle gewesen wäre. Glühend rot waren ihre Wangen, und der Atem ging keuchend. Suchend wanderten ihre Augen umher, als ob sie den bösen Zigeuner irgendwo finden müßten. Da blieb ihr Blick haften an dem Mann auf der Straße, dem Mann mit dem dunklen Überzieher und dem Reisetäschchen. Wie gebannt schaute sie ihm einen Moment ins Angesicht. Da plötzlich fährt sie in die Höhe mit gellendem, jubelndem Schrei. »Onkel Theophil!« hallte es in mächtigen Tönen durchs Zimmer. Mit zwei Sprüngen ist Hannchen am Fenster, mit dem dritten steht sie oben auf dem Gesims, und jetzt — Tante Emma, die eilends herzurannte, kam längst zu spät — jetzt ist sie schon flink wie ein Eichhörnchen herunter geklettert und dem Onkel in die Arme geflogen. Droben an den Fenstern standen die Kinder Kopf an Kopf. Vergessen waren Karussel und Jahrmarktbuden, vergessen Balthasar und Zigeunerfriedel, vergessen ob dem einen großen Wort: Onkel Theophil! Hatte nicht Hannchen schon oft und erst gestern wieder von ihm erzählt? Erzählt von ihren prächtigen Ferien in Basel bei Onkel und Tante? Hatte es nicht einst die Photographie in die Schule bringen und ihn allen zeigen dürfen, den prächtigen Onkel? Hatten sie nicht alle einen ganz besonderen Respekt vor Hannchen und ihren zwei Brüdern, weil sie diesen Onkel besaßen, den Onkel Theophil? Und jetzt war er da! Und wie bestürzt er aussah, ganz verlegen und erschrocken. Er hatte ja gar nicht daran gedacht, daß die Kinder ihn sehen würden, und nun war eine so furchtbare Revolution im Kindergarten ausgebrochen, alles war außer Rand und Band gekommen nur wegen ihm. Das hatte er nicht beabsichtigt. Aber das große Durcheinander währte nicht lange. Tante Emma klatschte in die Hände, und im Nu gab es Ruhe. »Kinder, nun singen wir dem Onkel ein hübsches Liedchen, ja?« Begeistert stimmten die Kleinen zu, Tantes Stimmgabel gab den Ton an, und: »Mir sind chlini Musikante« tönte es alsbald lustig und fröhlich aus fünfzig kleinen Mäulchen, während hundert flinke Händchen dazu trompeteten, geigten und aus Leibeskräften trommelten. Kaum war der letzte Ton verklungen, so verkündete die Kreuzkirche mit vier lauten Schlägen, daß es Zeit sei, zu schließen. Wohl hätten die Kinder gar zu gerne noch die Geschichte vom Zigeunerfriedel gehört, aber doch mochten sie es kaum erwarten, den Onkel ganz aus der Nähe zu sehen. Darum waren sie alle zufrieden, als ihnen die Tante den Schluß der Geschichte für morgen in Aussicht stellte und sie nach kurzem entließ. Wie ein fröhlicher Bergbach stürmten sie zum Tore hinaus, und jedes wollte des freundlichen Mannes Hand drücken. Hannchen aber sorgte dafür, daß keines an derselben zu lange hängen blieb; mit großer Beharrlichkeit stieß es jedes der Kinder nach erfolgtem Gruße wieder weg, um zu zeigen, daß hier niemand als es das Recht habe, geführt zu werden. Der Trupp setzte sich in Bewegung, Hannchen immer an Onkels Seite, triumphierend bald links und bald rechts blickend, als wollte es sagen: »Gäll he, dä g'hört mine!« Die Gesellschaft wurde allmählich kleiner, indem bei jeder Wegkreuzung wieder einige Kinder abschwenken mußten, und endlich waren der Onkel und Hanni allein. Jetzt bogen sie in die Hofackerstraße ein, und schon sah man das elterliche Haus in der Nähe, als plötzlich in großen Sprüngen Hannchens siebenjähriger Bruder dahergerannt kam. »Ein Schwesterchen, ein Schwesterchen!« so rief er schon von weitem; »man kann nicht hinein, es ist geschlossen, es ist geschlossen, aber es ist wahr, der Storch hat es gebracht, und er hat die Mutter ins Bein gebissen, und die Frau Burkhard ist da, und der Herr Doktor ist schon wieder fort, und er hat eine gelbe Tasche gehabt mit etwas darin, aber ich weiß nicht was! Und zur Taufe, da dürfen wir Kutsche fahren, und dann sitze ich vorn auf dem Bock!« »Nein, da sitze ich, ich bin älter als du,« fiel plötzlich Walter ein, der soeben dazu gekommen war, und sicherlich hätte es einen artigen Streit abgesetzt, wenn nicht auf einmal beide den Onkel erkannt hätten. »Onkel Theophil«, jubelten sie, fielen ihm um den Hals und küßten ihn zum Willkomm. Derweil stob Hannchen mit Windeseile davon, auf das Haus zu. »O bleib nur da,« riefen ihm die Buben nach, »oben lassen sie dich doch nicht hinein!« Aber Hannchen hörte nichts und war schon hinter der Haustüre verschwunden. Ein neues Schwesterchen, ha wie fein, das mußte sie sehen!
»Wann ist denn das Schwesterchen gekommen?« fragte unterdessen der Onkel die Knaben. »Heute mittag«, berichtete eifrig Walter, »grad vorhin kamen wir aus der Schule, da stand oben auf der Treppe die Luise, unser Mädchen, hob den Finger auf und machte: »Pst, ganz leise, sonst weckt ihr das neue Schwesterchen; vor einer Stunde hat der Storch es gebracht!« Und dann sagte sie noch, die Mutter sei krank, wir sollten nur gleich in den Garten und spielen, aber ohne zu lärmen.« »Ja, und jetzt sind wir sieben«, rief stolz der kleine Fritz, »sechs und eins sind sieben, das haben wir gestern in der Schule gelernt.« »Ruft nicht so laut,« mahnte der Onkel; »seht, da kommt Hannchen schon wieder.« Richtig, da kam sie, aber ganz mit gesenktem Köpfchen. Sie war wirklich nicht hineingelassen worden droben, Luise hatte sie wieder hinuntergeschickt in den Garten, gleich wie die andern. Große Tränen glänzten in ihren Augen, und als nun der Onkel seine kleine Nichte liebkosen und trösten wollte, da brach sie in heftiges Schluchzen aus. »Ich mag den Storch nicht, nie, nie soll er mir kommen, was braucht er der Mutter weh zu tun?« »Ja, er hat sie ins Bein gebissen,« berichtete nochmals Fritz. Aber der Onkel schüttelte den Kopf: »Das glaube ich nicht; wer hat es dir denn gesagt?« »Die Frau Weber im Stockwerk unter uns, und sie hat ihn ja gesehen.« »Nein, Fritzchen, Frau Weber hat ihn nicht gesehen,« erwiderte jetzt sehr bestimmt der Onkel. Und, als fiele ihm plötzlich etwas ein, fuhr er fort: »Kinder wißt ihr was, wir gehen miteinander ins Gartenhäuschen, ich will euch etwas erzählen, denn laut spielen und lärmen dürft ihr jetzt doch nicht!« »O ja, o ja, eine Geschichte, eine Geschichte!« Jubelnd geleiteten die Kinder den Onkel durch den hübschen Garten zu einem aus leichten Holzlatten gezimmerten Häuschen, das mit seinem prächtigen grünen Laubdach und den hübschen grünen Stühlen rings um den runden Gartentisch ein reizendes Plätzchen war, wie geschaffen zum Geschichten-Erzählen. Aber siehe da, der Tisch war schon besetzt: Ruth, Elsa und Karl, die drei größeren der sechs Geschwister, saßen rings herum, und außerdem noch Frieda und Hedwig, die beiden Cousinen und unzertrennlichen Gefährtinnen der Kinder. Sie spielten zu Vieren »Eile mit Weile,« während Elsa als fünfte eifrig den Kampf der Farben verfolgte und jedesmal laut herauslachte, wenn wieder eines »heimgejagt« wurde. Jetzt sah Elsa auf, erblickte den Onkel, und mit einem Sprung hing sie ihm am Halse; die andern folgten, und jetzt wäre der gute Onkel beinahe erstickt unter der Zahl der Arme, die ihn von allen Seiten umfingen, und unter den Küssen, mit denen ihn seine zärtlichen kleinen Neffen und Nichten begrüßten. Da schüttelte er mit einem Ruck alle die krabbligen Kletterer von sich ab, gratulierte ihnen herzlich zum neuen Schwesterlein, und dann hieß er alle achte absitzen, während er selbst oben am Tische Platz nahm.
»Onkel, nun erzähl' uns ein Märchen!« rief Walter. »Nein, lieber eine wahre Geschichte,« übertönte ihn Fritz. »Vor allem wünsche ich, daß ihr hübsch ruhig seid, während ich rede,« nahm nun der Onkel das Wort. »Ich erzähle euch heute eine wahre Geschichte, etwas Hohes und Ernstes, etwas Uraltes und doch immer wieder Neues; ich will euch erzählen, wie der liebe Gott die Kinder erschafft!«
Da wurden die Kinder plötzlich ganz still! Sie dachten an ihr neues Schwesterlein droben im zarten Bettchen, das sie heute abend zum ersten Male sehen sollten, und nun durften sie hören, wie der liebe Gott das kleine Kindlein erschaffen habe. Und nicht von einem Jungen oder Mädchen sollten sie es vernehmen, sondern vom Onkel, der nie etwas Unwahres sagte, auf dessen Worte man sich verlassen konnte, wie auf Felsen. »Wirklich Onkel, das willst du uns erzählen? Weißt du es denn auch ganz sicher?« fragte ganz glücklich Frieda. »Aber Frieda«, erwiderte vorwurfsvoll ihre Schwester, »der Onkel weiß doch alles!« »Ich weiß es auch«, rief fröhlich der kleine Fritz, »der Storch bringt sie!« Da mußten die Großen herzlich lachen. »O du Dummerle,« meinte Karl, »ein Storch kann doch gar nicht ein sechs Pfund schweres Kindlein im Schnabel tragen, er muß froh sein, wenn er stark genug ist, ein fettes, zappelndes Fröschlein zu halten. Und denke doch vom Himmel bis nach Zürich, das wäre doch ein furchtbar weiter Weg!« Jetzt aber wehrte sich Walter wacker für den Storch: »Der Storch bringt sie sicher, ich weiß es; Tante Selma hat in ihrem Album eine Karte, da sieht man's gemalt. Aber er trägt das Kind nicht im Schnabel, es reitet auf seinem Rücken!« Da lachten aber die Großen noch mehr als zuvor. »Ein ganz Kleines kann ja noch gar nicht sitzen,« versicherten sie; »sogar der Ruedi Brenner sitzt noch nicht einmal allein, und der ist doch sieben Monate alt.« Da wurden der Walter und die übrigen Anhänger des Storches ganz kleinlaut und sagten nichts mehr.
Dafür meldete sich jetzt Hannchen zum Wort. »Ich weiß es; der liebe Gott hat im Himmel eine große Maschine, mit der macht er die Kinder; und dann bringen die Engel des Nachts die Kindlein auf die Erde, in alle Häuser, wo die Leute darum gebeten haben. In unserer Wohnstube hängt ein Bild, da sieht man gerade, wie ein schöner Engel mit einem Kleinen hinunterfliegt.«
Und so berichteten die Kinder noch manches, rieten hin und her, aber keines wußte es recht, wie der liebe Gott die Kindlein macht. Darum rückte jetzt der Onkel seinen Stuhl zurecht, und indem er freundlich rings im Kreise herumblickte, wo lauter erwartungsvolle Gesichter auf ihn gerichtet waren, begann er mit klarer Stimme seine Erzählung und sagte:
»Zuerst müßt ihr wissen, daß wirklich der Storch keine Kinder bringt. Ihr kennt ja alle die Geschichte vom Rotkäppchen; aber sie ist nur ein Märchen, denn ein Wolf kann doch keine Großmutter hinunterschlucken. Und ihr kennt die Geschichte vom gestiefelten Kater, aber auch sie ist ein Märchen, denn eine Katze kann doch keine Schuhe anziehen und darin herumspringen. Und gerade so ist auch die Geschichte vom Storch ein Märchen, denn ein Storch kann doch keine Kindlein tragen. Man erzählt das nur zum Spaß den Kleinen, weil sie gerne Märchen hören; aber wenn die Kinder größer werden, dann sagt man ihnen, daß es nur ein Spaß war. Es ist grad wie mit dem St. Niklaus. Die Kleinen meinen, der alte Mann mit dem langen weißen Barte wohne draußen im Walde, und fürchten sich sehr vor ihm. Aber die größeren Kinder, so wie ihr seid, die wissen schon, daß es ja gar keinen Niklaus gibt im Walde, und daß das alles nur Märlein sind.
Also der Storch bringt die Kinder nicht. Aber wer denn? Vielleicht doch die Engel? Nein, auch die Engel nicht, sonst hätten wir sie sicher schon oft über den Häusern schweben sehen, denn es kommen ja alle Tage viele Kindlein zur Welt. Natürlich hätte der liebe Gott Englein genug, aber er braucht sie zu andern Dingen, und hat eine viel bessere Weise ersonnen, den Menschen Kindlein zu schenken. Er dachte nämlich: was man geschenkt bekommt, das freut einen, was man aber selber verdient hat, das freut einen noch viel mehr. Darum will ich den Menschen die Kindlein nicht einfach wie ein Geschenk auf den Tisch legen, sondern sie sollen sich die Kindlein selber verdienen, dann werden sie um so größere Freude an ihnen haben. Und ihr werdet gleich merken, wie recht der liebe Gott hatte, als er so dachte.