Denkt euch einmal zwei Knaben, die auf dem Gipfel eines hohen Berges die Aussicht bewundern. Der eine ist mit der Bahn hinaufgefahren; der andere aber hat den ganzen langen, steilen Weg zu Fuß gemacht. Welcher von beiden wird wohl die größere Freude an der prächtigen Aussicht empfinden? Gewiß der zweite Knabe; denn er hat durch viele Anstrengung und manchen Schweißtropfen die prächtige Aussicht sozusagen verdient, sie kommt ihm vor wie ein reicher Lohn für die gehabte Mühe. — Oder denkt euch zwei Freunde, von denen jeder eine wertvolle Markensammlung besitzt. Welcher wird mehr Freude an derselben haben, derjenige, der sie vom Großvater geschenkt bekommen, oder der, welcher sie selber im Laufe von Jahren durch viel Fleiß und manchen ersparten Batzen zusammengetragen hat? Ihr denkt doch auch der letztere, nicht wahr? Und ihr glaubt doch auch, daß es schöner sein muß, ein Häuschen als eigen zu besitzen, für das man zwanzig Jahre lang gearbeitet und gespart, als wenn man es von einem reichen Vetter geerbt hat? Und so könnten wir noch manche Beispiele nennen, die alle uns dasselbe lehren: Was wir selber erarbeitet, durch Anstrengung erworben haben, macht uns größere und tiefere Freude, als was uns mühelos in den Schoß gefallen ist.

Das weiß nun unser Vater im Himmel, von dem ja alle guten Gaben kommen, sehr wohl, und darum legt er den Menschen die herrlichsten Gaben, die er zu schenken hat, die kleinen Kindlein, nicht einfach in den Schoß, sondern sie müssen sich dieselben verdienen. Zwar nicht so, wie ein Arbeiter seinen Taglohn verdient; denn ein einziges Kindlein mit seiner unsterblichen Seele ist viel wertvoller und kostbarer, als alle Arbeit, die ein Mensch leisten kann. Aber doch so, daß ein Vater und eine Mutter viel bezahlen müssen, um ein Kindlein zu haben.

Nun fragt ihr aber ganz verwundert: bezahlen? Kann man denn kleine Kinder um Geld kaufen? Ja wohl, bezahlen müssen die Eltern! Zwar nicht Geld, aber viel Arbeit, Mühe und Schmerzen! Drum kommen die Kinder nicht wie die Sechsjährigen auf die Welt, die schon allein essen, springen und zur Schule gehen können, sondern Gott gibt sie den Eltern klein und ganz unbeholfen. Ein junges Hühnchen schlüpft aus dem Ei und springt gleich davon, ein junges Menschlein aber braucht ein ganzes Jahr, bis es die ersten Schritte wagt. Da muß die Mutter es herumtragen, ausfahren, trocken legen, ihm die Nahrung reichen und hunderterlei andere kleine Dienste erweisen, und wenn es endlich allein gehen kann, dann müssen Vater und Mutter ihm erst recht auf Schritt und Tritt nachgehen, und oft in tausend Ängsten sein, damit ihm ja nichts Böses zustoße.

Seht ihr's jetzt, wie die Eltern Mühe und Arbeit bezahlen müssen, bis sie ein großes Kind haben? Aber wir haben gehört, daß es auch Schmerzen kostet, ein Kindlein zu bekommen, und von diesen Schmerzen wollen wir auch noch reden.

Zuerst aber muß ich euch etwas ganz Wunderbares sagen. Ihr wißt, wie es zugeht, wenn ein junges Vögelchen entsteht. Das Vogel-Weibchen legt ein Ei, setzt sich eine Zeitlang darauf, und wenn es inwendig im Ei schön warm geworden ist, hört man auf einmal ein ganz kleines Schnäbelchen gegen die Schale picken, ein Löchlein entsteht, und schwipps, schlüpft das junge Vögelchen heraus.

Und nun denkt euch: auch die kleinen Kindlein schlüpfen aus einem Ei! Ist das nicht wunderbar? Nun meint ihr aber: o, das kann nicht möglich sein, denn noch nie sahen wir ein solches Ei!

Aber hört nur weiter. Niemand kann dieses Eilein sehen, denn es liegt an einem ganz stillen, traulichen Örtlein verborgen: im Schoße der Mutter! Ihr wißt ja, wie es inwendig im Menschen viele merkwürdige Dinge hat, und ihr würdet staunen, wenn ihr irgendwo ein Deckelchen öffnen und hineingucken könntet. Da würdet ihr bei eurer Mutter oben im Kopfe jenen wunderbaren Nervenapparat sehen, mit dem sie an euch denkt und sinnt; weiter unten, im Brustraume, da könntet ihr das Herz betrachten, das Tag und Nacht so treu für euch schlägt; und noch etwas tiefer, da würdet ihr zwei wunderbare Kästlein finden, und in diesen eine Anzahl allerliebster runder Eierchen, aus denen neue Kindlein werden. Die Kästchen sind verschlossen, und ratet mal, wer darf sie wohl öffnen? Der Vater! Durch seine große Liebe zu der Mutter tut sich das Türchen auf, ein Eilein kommt heraus, setzt sich auf ein hübsches, weiches Polsterchen ganz tief im Schoße der Mutter, und fängt nun an, zu wachsen.

Zuerst ist es kaum so groß, wie ein Stecknadelkopf. Nach und nach aber wird es immer größer, zuletzt wie eine große Puppe. Die Schale des Eies ist ganz weich, wie Sammt, und unter ihr schlummert mit geschlossenen Äuglein das neue Kindlein.

Dann fragt vielleicht ein Mädchen:

»Mutter, warum bist du auch nicht mehr dünn und schlank wie früher, und hast einen so großen Leib?« Und die Mutter sagt: »Weil's da ein Brüderchen oder Schwesterchen für dich drinnen hat; das ist schon groß und braucht viel Platz.« »War ich denn auch da drinnen, liebe Mutter?« fragt das Mädchen weiter. »Gewiß, du kleiner Schelm, und zwar so groß und schwer, ich mochte dich kaum tragen!« Da lacht die Kleine lustig: »O Mutter, ich freue mich, bis ich ein Schwesterchen oder Brüderchen habe; geht's wohl noch lange?«