Aber es geht nicht mehr lange. Denn wenn das Kindchen fertig gewachsen an seinem warmen Plätzchen, dann legt sich die Mutter zu Bette, und durch eine kleine Öffnung schlüpft das neue Menschlein auf die Welt. Das nennt man die Geburt, und der Tag, an dem ihr euer Mütterchen verlassen habt und auf die Welt gekommen seid, ist euer Geburtstag.

Oft hat die Mutter tüchtige Schmerzen dabei, drum ist sie nachher müde und muß einige Tage zu Bette bleiben, damit sie ausruhen kann. Dann sagen manche Leute: »Schaut her, der Storch hat eure Mutter ins Bein gebissen, darum ist sie nun krank.« Ihr aber wißt jetzt, daß das gar nicht wahr ist, sondern daß die Mutter bloß zum Ausruhen einige Zeit liegen muß, weil ihr die Geburt Schmerzen verursacht hat.

Darum ist jetzt auch Frau Burkhard da, die Walter oben gesehen hat. Sie ist die Hebamme, das heißt eine Frau, die man jedesmal ruft, wenn eine Geburt herannaht. Sie hilft den Müttern in ihrer schweren Stunde, lindert ihnen die Schmerzen so gut sie kann, und nimmt das neugeborene Kindlein in Empfang, um es sorgsam in das bereitgehaltene Bettchen zu legen. Euch alle hat Frau Burkhard in ihren Armen gehalten, als ihr kaum den ersten Atemzug getan; darum ist sie euch allen so anhänglich und freut sich eures gesunden und kräftigen Heranwachsens.

Bisweilen wenn die Schmerzen der Mutter sehr stark sind oder sonst ein wichtiger Rat nötig ist, ruft die Hebamme noch den Arzt herbei. Ihr habt ja fast alle schon drunten am Kreuzplatz an dem großen Eckhause die Tafel gelesen: Dr. Fretz, Arzt und Geburtshelfer. Oft muß er seinen Schlaf brechen und mitten in der Nacht an ein Geburtslager eilen. Aber sowohl er, wie Frau Burkhard tun es mit Freuden, weil sie es für eine hohe Ehre halten, einem neuen Kindlein ins Dasein zu helfen. Sie dürfen mitwirken an der wunderbarsten Tat unseres Vaters im Himmel, an der Erschaffung der Menschen.« —

Der Onkel machte eine Pause. Träumerisch blickte er hin nach dem rot glühenden Abendhimmel, wo sich eben die Sonne, die Fürstin und Spenderin alles Lebens, zum Untergehen anschickte. Auch die Kinder saßen regungslos still, kaum hörte man sie atmen. Ihre Gedanken schweiften hinauf zum Mütterlein, dem sie ihr Leben verdankten, das eben jetzt mit Schmerzen ihnen wieder ein Schwesterlein geschenkt hatte. O wie schön war, was der Onkel ihnen erzählt hatte, wie unendlich viel schöner, als das Märlein vom Storche! Beim Mütterlein waren sie gewesen, lange bevor sie zur Welt gekommen, unter ihrem treuen Herzen hatten sie geruht, wie zarte keimende Pflänzlein in weicher Erde!

Mild flutete das Licht der Abendsonne durch die Blätter der kühler werdenden Laube und beleuchtete die nachdenklichen Kindergesichter mit lieblichem Glanze.

»Seht Kinder«, fuhr jetzt langsam der Onkel fort, »so wie jetzt dieser Tag zur Neige geht, so geht auch unser irdisches Leben, das so wundersam begonnen, einst zu Ende. Freudig und jubelnd stehen die Menschen am Bettchen des Neugeborenen und lauschen entzückt seinem ersten Atem; traurig und weinend stehen sie nach Jahren um das Lager des gleichen Menschen, nachdem er seinen letzten Hauch getan. Und dann legt man den still und kalt gewordenen Körper in die Erde. O wie weh tut es einem Mutterherzen, wenn sie ihr Kindlein nach kurzem Dasein wieder verlieren muß; wenn das Leben entflieht, das sie mit Wonne ihm einst gegeben.

Aber schaut, liebe Kinder, dort die untergehende Sonne spendet uns Trost in solchem Leide, sie hält uns eine mächtige Predigt von der Unvergänglichkeit des Lebens. Denn so wie sie jetzt niedersinkt und Dunkelheit zurückläßt, aber strahlend am Morgen wieder emporsteigt zum neuen Tage, so wird auch ein verstorbenes Kindlein neu erwachen zu schönerem Leben. Und gleich wie die Sonne nach langem Winterschlafe neues Leben aus der toten Erde hervorzaubert, so daß Blättlein und Blümlein sprießen überall, so wird auch Gott die in ihm Entschlafenen erwecken zu herrlichem, ewigem Leben.

Und die Sonne, die das zu stande bringt, ist unser Herr Jesus Christus. Er selber ist das Leben, durch ihn hat Gott die Welt und auch uns erschaffen, und seine Verheißung lautet: Ich lebe, und ihr sollt auch leben! Und nun denkt euch, wiewohl er der Sohn des allmächtigen Gottes ist, ist er doch ein armes kleines Kindlein geworden, wie wir. Mit Schmerzen hat ihn Maria geboren, und nicht in vornehmem, prächtigem Haus, sondern in einem Stall zu Bethlehem. Bleich und müde lag sie da, als die Hirten kamen, um das Jesuskindlein anzubeten. Und so ist durch das Wunder der Geburt der Herr Jesus unser Bruder geworden, unser wahrhaftiger und leiblicher Bruder. War schon vorher die Geburt eines Menschen etwas Hohes und Heiliges, so ist sie es noch viel mehr, seit der Herr Jesus als kleines Kindlein zur Welt gekommen. Und bedeutete es schon vorher eine hohe Ehre und Würde für die Frauen, dem lieben Gott helfen zu dürfen bei der Erschaffung neuer Menschen, so jetzt noch viel mehr, seit Maria gewürdigt wurde, den König aller Könige unter ihrem Herzen zu tragen!« —

Unterdessen war die Dämmerung hereingebrochen. Die Kinder saßen da in tiefem Entzücken. Noch nie hatte ihnen jemand so herrliche Dinge erzählt. »O Onkel, wenn du nur immer da bleiben würdest!« brach jetzt Hannchen das Schweigen. Es schlang seine Ärmchen kosend um den Onkel und wollte ihm auf die Knie klettern. Er aber stellte die Kleine sanft auf den Boden und erhob sich. »Bleibt ruhig da,« mahnte er, »ich gehe jetzt leise hinauf, und wenn euer Mütterchen es erlaubt und wohl genug ist, will ich euch alle rufen.«