Mit großer Herzlichkeit wurde er droben empfangen und gleich zum Bett seiner Schwester, die die Mutter der Kinder war, geführt. »Ist alles gut gegangen?« war seine erste Frage. »Gott sei Dank,« antwortete sie freudig, »der Arzt ist sehr zufrieden. Wir haben ihn zur Vorsorge kommen lassen, aber er brauchte nicht einzugreifen. — Aber nun hör' mal, Theophil, seit wann bist du eigentlich hier, dein Zug kam doch vor vier Uhr an, und jetzt ist's bald sieben?« Der Onkel lächelte schalkhaft und sagte: »In eurer prächtigen Gartenlaube bin ich gesessen, da ist es so schön!« »Ganz allein?« »Ganz allein mit deinen sechs Kindern und ihren Cousinen. Ich habe ihnen eine Geschichte erzählt!« — »O, du goldiger Bruder, drum war es so still seit zwei Stunden; nicht einmal von Hannchen, dem Wildfang, habe ich einen Laut gehört. Was erzähltest du denn?« »Etwas sehr Schönes: Wie der liebe Gott die Kindlein erschafft!«
Groß und verwundert blickte Frau Hotze ihren Bruder an; »ist es dein Ernst, Theophil?« »Mein völliger Ernst! Du kennst ja seit langem meine Überzeugung in dieser Hinsicht; wir wollen unsern Kleinen das köstliche Geheimnis nicht so lange vorenthalten, bis Kameraden auf der Straße es ihnen, vielleicht auf eine gar unschöne Weise, beibringen. Und da ich wußte, daß du erst kürzlich die gleiche Ansicht geäußert, habe ich die Gelegenheit ergriffen und den Kindern erzählt von den Wundern des Lebens!«
Da verklärte dankbare Freude der Mutter Antlitz. »O du lieber Bruder, komm her, daß ich dir danke. Welch großen Dienst hast du mir getan. Schon lange paßte ich auf eine Gelegenheit, meine Kinder in dieses Geheimnis einzuweihen, aber sie wollte sich nie bieten. Dazu braucht es eine ruhige Stunde, aber wo findet man die in unserm lebhaften, arbeitsreichen Haushalt? Habe herzlichen Dank! Doch nun bring mir die Kinder, die lieben, damit sie ihr Schwesterchen sehen und ich sie umarme, denn nun verlangt es mich doppelt nach ihnen.«
Das ließ sich der Onkel nicht zweimal sagen, und bald stand er wieder vor der Laube im Garten, wo die Kinder eifrig flüsternd im Halbdunkel saßen und klopfenden Herzens auf den großen Moment warteten, da man sie rufen würde. »Nun dürft ihr alle kommen«, sagte er mit gedämpfter Stimme, »aber seid ja recht ruhig!«
Das letztere hätte der Onkel nicht zu sagen brauchen, denn ganz von selbst gingen alle auf den Zehenspitzen über die Kieswege, dann leise über die Treppen hinauf, und jetzt standen sie vor der geheimnisvollen Türe. Keines wagte zu öffnen, fast hörbar klopften die Herzen. Da drehte sachte der Onkel den Riegel, und im stillen Gänsemarsch traten sie über die Schwelle und sahen die Mutter, etwas bleicher als sonst, in den Kissen liegen.
Aber jetzt konnte sich Hannchen nicht länger halten. Mit einem Jubelschrei stürzte es sich an das Bett, kletterte wie ein Kätzlein hinauf und umarmte stürmisch die Mutter, als wollte es sie nie mehr loslassen. »Mutti, hast du stark Schmerzen gehabt?« fragte die Kleine. »Nein Herzchen, diesmal nicht so sehr, das letztemal war es schlimmer!« »Das letztemal? O Mutti! das war ja ich! aber ich kann ganz sicher nichts dafür. Und gleichwohl hast du mich lieb?« »Erst recht, mein Hannchen; alle hab' ich euch mit Schmerzen geboren, drum seid ihr alle mir so lieb.« Und eins ums andere kam, um die Mutter zu küssen, und mehrmals war die Wange ganz naß, die die Kinder an das Angesicht ihres Mütterchens schmiegten.
Jetzt aber kam das Schwesterchen an die Reihe. Winzig klein, die Äuglein geschlossen, lag es warm eingehüllt in seinem Korbe und hatte keine Ahnung, daß es von vielen neugierigen Kinderaugen liebend betrachtet werde. Keines wagte sich ganz nahe, nur Hannchen streckte ihren rechten Zeigefinger aus und tupfte ganz sachte an das Näslein der Kleinen, um zu sehen, ob es auch wirklich warm und lebendig sei. Dann kam Frau Burkhard und führte die Kinder hinaus. Luise gab ihnen das Nachtessen, und bald lag jedes sanft schlafend in seinem Nestchen, nachdem noch der Onkel statt der Mutter die Runde gemacht und ihnen den Gute-Nacht-Kuß gegeben hatte. —
Am andern Vormittag durften alle Kinder ins Schlafzimmer, um zu sehen, wie Julchen — so mußte das neue Schwesterchen heißen — den ersten Schoppen bekam an der Brust seiner Mutter. Hannchen stand zur Erlangung besserer Übersicht auf den Schemel und war ganz entzückt über die lustige Weise, wie Julchen seinen kleinen niedlichen Mund spitzte zum Saugen.
»Aber Mutter, warum gibst du dem Kinde nicht aus der Flasche, wie Tante Gertrud?« fragte Hannchen ganz erstaunt; »habe ich denn auch an deiner Brust getrunken, als ich klein war?« »Natürlich, mein Kind,« antwortete die Mutter, »euch allen habe ich von meiner Milch geben können. Denn der liebe Gott schafft nicht nur die Kinder im Schoß der Mutter, sondern er gibt ihr auch eine Nahrung in ihre Brust, von der das Kind trinken soll nach der Geburt, manchen Monat lang, bis es seine Zähne bekommt und sitzen kann.« —
Nach dem Mittagessen erschien der Vater, der von einer großen Geschäftsreise heimkam und nicht wenig erstaunt war über das vorgefallene große Ereignis, das er erst für die nächste Woche erwartet hatte. Hannchen wich nicht von seiner Seite und erzählte ihm alles genau, so daß ihr Plaudermäulchen keinen Moment stille stand. »Und weißt du,« berichtete der kleine Wildfang eifrig, »Mutti gibt dem Julchen selber zu trinken, sie braucht gar keine Flasche, und Julchen kann schon ordentlich saugen, ganz von selbst, es hat ihm's niemand gezeigt. Ich will schnell Mutti fragen, ob du auch mal zusehen darfst; wenn du auf den Schemel stehst, siehst du es sehr gut!« —