»Ei, diese Bilder leben nicht, sie seind nur gemacht, uns vorlängst geschehene Dinge vor Augen zu stellen.«
»Du hast ja erst mit ihnen geredet, warum sollten sie dann nicht leben?«
Der Einsiedel mußte wider Willen und Gewohnheit lachen.
»Liebes Kind, die Bilder können nicht reden, was aber ihr Tun und Wesen sei, kann ich aus diesen schwarzen Zeichen sehen. Das nennt man Lesen.«
Ich antwortete: »Wäre ich ein Mensch wie du, so müßte ich auch aus denen schwarzen Zeilen sehen können, was du kannst. Wie soll ich mich in dein Gespräch mit ihnen richten?«
»Wohlan, mein Sohn, ich will dich lehren.«
Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf einer birkenen Rinden nach dem Druck formiert, und ich lernte buchstabieren, folgends lesen, endlich besser schreiben, als der Einsiedel selber konnte, weil ich alles dem Druck nachmalete. —
Unsere Speise war allerhand Gewächs, Ruben, Kraut, Bohnen, Erbsen, und wir verschmäheten auch nicht Buchecker, wilde Äpfel, Birn und Kirschen, ja, die Eicheln machte uns der Hunger oft angenehm. Brotfladen buken wir in heißer Aschen aus gestoßenem Welschkorn. Im Winter fingen wir Vögel an Sprinkeln und Stricken, im Frühling bescherete uns Gott Junge aus den Nestern. Wir behalfen uns mit Schnecken und Fröschen, so war uns auch mit Reusen und Anglen das Fischen und Krebsen nicht zu wider, welches alles unser grob Gemüs hinunterconvoieren mußte. Wir hatten auf ein Zeit ein junges wildes Schweinlein gefangen, welches wir, in einen Pferch versperret, mit Eicheln und Eckern auferzogen, gemästet und endlich verzehret, weil mein Einsiedel wußte, daß solches keine Sünde sein konnte, wann man genießet, was Gott dem ganzen menschlichen Geschlecht zu diesem End erschaffen. Von Gewürz brauchten wir nichts, dann wir dörften die Lust zum Trunk nicht erwecken. Die Notdurft an Salz gab uns ein Pfarrer, der ungefähr drei Meilwegs von uns wohnete.
Des Hausrates war genug vorhanden: Schaufel, Haue, Axt, Beil und ein eiserner Kochhafen. Das wir von obgemeldtem Pfarrer entlehnet hatten. Jeder besaß ein stumpfes Messer zu eigen. Wir bedorften weder Schüssel noch Teller, Löffel, Gabel, Kessel, Pfannen, Rost und Bratspieß. Unser Hafen war Schüssel zugleich, unsere Hände Gabeln und Löffel. Wollten wir trinken, so hingen wir das Maul hinein, wie Gideons Kriegsleute. Von allerhand Gewand, Wolle, Seiden, Baumwolle und Leinen, alles zu Betten, Tischen und Tapezereien, hatten wir nichts, als wir auf dem Leibe trugen, weil wir genug zu haben schätzten, wann wir uns vor Regen und Frost beschützen könnten. Wir hielten keine gewisse Regul oder Ordnung, außerhalb an Sonn- und Feiertägen, an welchen wir schon um Mitternacht hinzugehen anfingen, damit wir noch frühe genug, ohn männliches Vermerken, in des obgemeldten Pfarrherrn Kirche kommen und dem Gottesdienst abwarten konnten.
Ich lernete in solchem hartem Leben Hunger, Durst, Hitze, Kälte und große Arbeit überstehen und zuvorderst Gott erkennen und wie man ihm rechtschaffen dienen sollte, welches das vornehmste war. Zwar wollte mich mein getreuer Einsiedel ein Mehrers nicht wissen lassen, dann er hielte davor, es sei einem Christen genug, zu seinem Ziel und Zweck zu gelangen. Dahero es gekommen, obzwar ich mein Christentum wohl verstand und die deutsche Sprache so schön redete, als wann sie die Orthographia selbst ausspräche, daß ich dannoch der Einfältigste verblieb, gestalten ich, wie ich den Wald verlassen, ein solch elender Tropf in der Welt war, daß man keinen Hund mit mir aus dem Ofen hätte locken können.