Hierauf sagte er: »Wir wundern uns an euch nichts mehrers, als daß ich euch, da ihr doch zum ewigen, seligen Leben erschaffen, durch zeitliche und irdische Wollüste, die doch so wenig ohn Unlust und Schmerzen als Rosen ohne Dörner sind, dergestalt betören lasset. Ach, möcht unser Geschlecht an euerer Stelle sein, wir möchten euerer nichtigen und flüchtigen Zeitlichkeit Probe besser halten als ihr. Dann das Leben, so ihr habet, ist nicht euer Leben, sondern euer Leben oder Tod wird euch erst gegeben, wann ihr die Zeitlichkeit verlasset. Dannenhero halten wir die Welt vor einen Probierstein Gottes, auf welchem der Allmächtige das Gold des Menschen probieret.«
Das war das Ende unseres Gesprächs, weil wir uns dem Sitz des Königs näherten, vor welchen ich ohn Zeremonien oder Verlust einiger Zeit hingebracht ward. Da hatte ich nun wohl Ursache mich über seine Majestät zu verwundern, da ich doch weder eine wohlbestellte Hofhaltung noch einziges Gepränge, ja aufs Wenigste keinen Kanzler oder geheime Räte, noch einzigen Dolmetschen oder Trabanten und Leibguarde, sogar keinen Schalksnarren, noch Koch, Keller, Page oder einzigen Favoriten oder Tellerlecker sahe, sondern rings um ihn her schwebten die Fürsten über alle Seen, die sich in der ganzen Welt befinden, jedweder in derjenigen Landestracht aufziehend, in welches sich sein See vom Centro der Erde aus erstreckte. Dannenhero sahe ich zugleich die Ebenbilder der Chineser und Afrikaner, Troglodyten und Novazembler, Tataren und Mexikaner, Samojeden und Moluccenser, ja auch von denen so unter den Polis arctico und antarctico wohnen, das wohl ein seltsames Spektakul war; derjenige, so ober den Pilatussee die Obersicht trug, zog mit einem breiten, ehrbaren Bart und ein paar Ploderhosen auf, wie ein reputierlicher Schweizer, und derjenige, so ober den See Camarina die Aufsicht hatte, sahe beides: mit Kleidern und Geberden einem Sizilianer so ähnlich, daß einer tausend Eide geschworen hätte, er wäre niemalen aus Sicilia weggekommen.
Ich bedorfte nicht viel Komplimenten zu machen, dann der König fing selbst an, gut deutsch mit mir zu reden.
»Aus was Ursache hast du dich unterfangen, uns gleichsam ganz mutwilliger Weise so einen Haufen Steine zuzuschicken?«
»Weil bei uns einem jeden erlaubt ist an einer verschlossenen Tür anzuklopfen.«
»Wie wann du aber den Lohn deiner fürwitzigen Importunität empfingest?«
»Ich kann mit keiner größeren Strafe beleget werden, als daß ich sterbe. Sintemal ich aber seithero so viel Wunder erfahren und gesehen, wie unter Millionen Menschen keiner das Glück nicht hat, würde mir mein Tod vor gar keine Strafe zu rechnen sein.«
»Ach, elende Blindheit! Ihr Menschen könnet nur einmal sterben und ihr Christen sollet den Tod nicht eher getrost zu überstehen wissen, ihr wäret dann gegen Gott durch eine unzweifelhafte Hoffnung versichert. Aber ich habe vor, diesmal weit anderes mit dir zu reden. Es ist mit bekannt worden, daß ihr Christen euch des jüngsten Tages ehistens versehet, weilen alles, was auf der Erden lebet, den Lastern so schröcklich ergeben seie, also daß der allmächtige Gott nicht lange verziehen werde. Darob entsetzten wir uns nicht wenig, wegen der Nähe solcher erschröcklichen Zeit. Haben dich derowegen zu uns holen lassen, um zu vernehmen, was etwan nach etlichen Wahrzeichen, die euer Heiland für seine Ankunft hiebevor selbsten hinterlassen, vor Sorge oder Hoffnung sein möchte. Ersuchen dich derowegen ganz holdselig, du wollest uns bekennen, ob derjenige Glaube noch auf Erden sei, welchen der Richter bei seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird.«
Ich sagte, das zu beantworten seie mir viel zu hoch. Die Ankunft des Herrn sei Gott allein bekannt.
»Nun wohlan, so sage mir, wie sich die Stände der Welt in ihrem Beruf halten, damit ich daraus der Welt Untergang absehe. Hingegen will ich dich, wann du mir die Wahrheit bekennst, mit einer solchen Verehrung abfertigen, deren du dich dem Lebtag wirst zu erfreuen haben.«