Als er nun solche Offerten verstund, sagte er, daß ihre zarische Majestät allergnädigst bedacht wären, in dero Landen selber Salpeter zu graben und Pulver zurichten zu lassen, weil aber niemand unter ihnen wäre, der damit umgehen könnte, würde ich der zarischen Majestät einen angenehmen Dienst erweisen, wann ich mich des Werks unterfinge, sie würden mir hierzu Leute und Mittel genug an die Hand schaffen. Er vor seine Person wolle mich aufs aufrichtigste gebeten haben, ich sollte solches allergnädigstes Ansinnen nicht abschlagen, dieweilen sie bereits genugsam Nachricht hätten, daß ich mich auf diese Sachen trefflich wohl verstünde. Darauf sagte ich mit courtoisen Worten zu, soferne ihre zarische Majestät gnädigst geruhten, mich in meiner Religion passieren zu lassen. So ward dieser Reuße trefflich lustig, also daß er mir mit dem Trunk mehr zusprach als ein Deutscher.
Am andern Tag kamen vom Zar zween Knesen und ein Dolmetsch, die ein endlichs mit mir beschlossen und von wegen des Zaren mir ein köstlich reußisch Kleid verehreten. Also fing ich gleich etliche Tage hernach an, Salpetererde zu suchen und meinen Leuten zu lernen, wie sie dieselbe von der Erde separieren und läutern sollten. Mithin verfertigte ich die Abrisse zu einer Pulvermühle und lehrete andere die Kohlen brennen, daß wir also in ganz kurzer Zeit sowohl des besten Pirsch- als des groben Stückpulvers eine ziemliche Quantität verfertigten, dann ich hatte Leute genug und darneben auch meine sonderbaren Diener, die mir aufwarteten, oder besser zu sagen, die mich hüten und verwahren sollten.
Ich war einsmals geschäftig auf den Pulvermühlen, die ich hatte außerhalb Moskaus an den Fluß bauen lassen, da ward unversehens Alarm, weilen sich die Tataren bereits vier Meilen weit auf hunderttausend Pferde stark befanden, das Land plünderten und also immerhin fortavancierten. Wir mußten uns an Hof begeben, allwo wir aus des Zars Rüstkammer und Marstall montiert wurden. Ich zwar ward anstatt des Kürasses mit einem gesteppten seidenen Panzer angetan, welcher jeden Pfeil aufhielt, aber vor keiner Kugel schußfrei sein konnte; Stiefeln, Sporen, und eine fürstliche Hauptzier mit einem Reiherbusch, samt einem Säbel, der Haar schur, mit lauter Gold beschlagen und Edelsteinen versetzt, wurden mir dargegeben. Von des Zaren Pferden ward mir ein solches unterzogen, dergleichen ich zuvor mein Lebtag keines gesehen, geschweige geritten. Ich und das Pferdzeug glänzten von Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen. Ich hatte eine stählerne Streitkolbe angehangen. Mir folgte eine weiße Fahne mit einem doppelten Adler, welcher von allen Orten und Winkeln gleichsam Volk zuschneiete, also daß wir eh zwei Stunden verzogen bei vierzig und nach vier Stunden bei sechzigtausend Pferde stark waren.
Es ist meiner Histori an diesem Treffen nicht viel gelegen, ich will allein dies sagen, daß wir die Tataren, so mit müden Pferden und vielen Beuten beladen anzogen, urplötzlich in einem ziemlich tiefen Gelände antrafen, als sie sich dessen am allerwenigsten versahen. Im ersten Angriff sagte ich zu meinen Nachfolgern in reußischer Sprache: »Nun wohlan, es tue jeder wie ich!«
Solches schrieen sie einander zu. Dem ersten, welcher ein Mirsa war, schlug ich den Kopf entzwei. Die Reußen folgten meinem heroischen Exempel, so daß die Tataren sich in allgemeine Flucht wandten. Ich tät wie ein Rasender oder wie einer, der aus Desperation den Tod sucht und nicht finden kann. Was mir vorkam, schlug ich nieder, es wäre gleich Tatar oder Reuße gewesen. Und die, so vom Zar auf mich bestellet waren, drangen mir so fleißig nach, daß ich allezeit einen sichern Rücken behielt. Die Luft flog voller Pfeile, als wann Immen geschwärmt hätten, wovon mir dann einer in Arm zu teil wird. Eh ich den Pfeil auffing, lachte mein Herz in meinem Leib an solcher Blutvergießung, da ich aber meine eigen Blut fließen sahe, verkehrete sich das Lachen in unsinnige Wut. Demnach sich aber diese grimmigen Feinde in eine hauptsächliche Flucht wandten, ward mir von etlichen Knesen im Namen des Zaren befohlen, ihrem Kaiser die Botschaft zu bringen, ich hatte hundert Pferde zur Nachfolge. Da ritt ich durch die Stadt der zarischen Wohnung zu und ward von allen Menschen mit Frohlocken und Glückwünschung empfangen. Sobald ich aber von dem Treffen Bericht erstattet, mußte ich meine festlichen Kleider wieder ablegen, welche wiederum in des Zaren Kleiderbehaltnus aufgehoben wurden, wiewohl sie samt dem Pferdgezeug über und über mit Blut besprengt und besudelt waren und also fast gar zunicht gemachet waren. Sie sollten mir zum wenigsten samt dem Pferd als Ehrengabe überlassen worden sein.
Solang meine Wunde zu heilen hatte, ward ich allerdings fürstlich traktieret. Ich ging in einem Schlafpelz von göldenem Stück mit Zobel gefüttert, wiewohl der Schade weder tötlich noch gefährlich war, und ich habe die Tage meines Lebens niemals keiner solchen fetten Küchen genossen als eben damals. Solches aber war alle meine Beute, die ich von meiner Arbeit hatte, ohn das Lob, so mir der Zar verliehe.
Als ich gänzlich heil war, ward ich mit einem Schiff die Wolga hinunter nach Astrachan geschickt, daselbsten wie in Moskau eine Pulvermacherei anzuordnen, weil dem Zar unmöglich war, diese Grenzfestungen allezeit von Moskau aus mit frischem und gerechtem Pulver zu versehen. Ich ließ mich gern gebrauchen, weil ich Promessen hatte, der Zar würde mich nach Verrichtung solchen Geschäftes wiederum in Holland fertigen und mir, meinen Verdiensten gemäß, ein namhaftes Stück Geld mitgeben.
Als ich aber im besten Tun war und mich außerhalb der Festung über Nacht in einer Pulvermühle befand, ward ich von einer Schar Tataren diebischenweise gestohlen und aufgehoben, weit ins Land hinein verschleppt und endlich um etliche chinesisch Kaufmannswaren den niuchischen Tataren vertauscht, welche mich nachher dem König von Korea als ein sonderbares Präsent verehreten. Daselbst ward ich wert gehalten, und weil ich dem König lehrete, wie er mit dem Rohr, auf der Achsel liegend und mit dem Rücken gegen die Scheibe gekehrt, dannoch ins Schwarze treffen könnte, schenkte er mir die Freiheit und fertigte mich durch Japonia nach Makao zu den Portugesen. Etlich Kaufleute nahmen mich mit ihren Waren nach Alexandria in Egypten, und von dort kam ich nach Konstantinopel. Weil aber der türkische Kaiser eben damalen etliche Galeeren wider die Venediger ausrüstete, mußten viel türkische Kaufleute ihre christlichen Sklaven um bare Bezahlung hergeben, worunter ich mich dann als ein junger, starker Kerl auch befand. Also mußte ich lernen rudern. Aber solche schwere Dienstbarkeit währete nicht über zween Monat, dann unsere Galeere ward in Levante von denen Venetianern ritterlich übermannet und ich aus der türkischen Gewalt erlediget.
Ich bekam leichtlich einen Paß, weil ich nach Rom und Loretto pilgerweis wollte, um Gott vor meine Erledigung zu danken.
Von dannen kam ich über den Gotthart durchs Schweizerland wieder auf den Schwarzwald zu meinem Knän, welcher meinen Hof treu bewahret. Ich brachte nichts besonders heim als einen Bart, der mir in der Fremde gewachsen war.