Indessen war der deutsche Friede geschlossen worden, also daß ich bei meinem Knän in sicherer Ruh leben konnte. Ich ließ ihn sorgen und hausen und satzte mich hinter die Bücher, welches dann beides: meine Arbeit und Ergetzung war.


[Das elfte Kapitel]

Ich lase einsmals, was das Orakel den römischen Abgesandten, als sie es fragten, was sie tun müßten, damit ihre Untertanen friedlich regiert würden, zur Antwort gabe: »Nosce te ipsum«, das ist: Es soll sich jeder selbst erkennen. Solches machte, daß ich mich hintersann und Rechnung über mein geführtes Leben begehrete. Da sagte ich alsdann zu mir selbst:

Dein Leben ist kein Leben gewesen sondern ein Tod, deine Tage ein schwerer Schatten, deine Jahre ein schwerer Traum, deine Wollüste schwere Sünden, deine Jugend eine Phantasei, deine Wohlfahrt ein Alchimistenschatz, der zum Schornstein hinausfähret und dich verläßt, eh du dich dessen versiehst. Du hast im Krieg viel Glück und Unglück eingenommen, bist bald hoch, bald nieder, bald groß, bald klein, bald reich, bald arm, bald fröhlich, bald betrübt, beliebt und verhaßt, geehrt und veracht gewesen — aber nun du, meine arme Seele, was hast du von dieser ganzen Reise zuwege gebracht?

Arm bin ich an Gut, mein Herz ist beschwert mit Sorgen, zu allem Guten bin ich faul, träg und verderbt. Mein Gewissen ist ängstlich und beladen, ich bin mit Sünden überhäuft und abscheulich besudelt. Der Leib ist müde, der Verstand verwirrt, die Unschuld ist hin, meine beste Jugend verschlissen, die edle Zeit verloren. Nichts ist, das mich erfreuet, ich bin mir selber feind.

Mit solchen Gedanken quälte ich mich täglich und eben damals kamen mir etliche Schriften des Antonio de Guevara unter die Hände, davon ich etwas zum Beschluß hierher setze, weil sie kräftig waren, mir die Welt vollends zu verleiten.

Diese lauten also:

Adieu Welt, dann auf dich ist nicht zu trauen. In deinem Haus ist das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, also daß du ein Toter bist unter den Toten und in hundert Jahren läßt du uns nicht eine Stunde leben.