»Lieber Simplici, der Einsiedel, den du im Walde angetroffen und bis zu seinem Tode Gesellschaft geleistet hast, ist nicht allein des hießigen Gouverneurs Schwager, sondern auch im Krieg sein Beförderer und wertester Freund gewesen, wie dem Gubernator mir zu erzählen beliebet. Ihm ist von Jugend auf weder an Tapferkeit noch an Gottseligkeit niemals nichts abgegangen, welche beiden Tugenden man zwar selten bei einander zu finden pflegt. Sein geistlicher Sinn und widerwärtige Begegnüsse hemmten endlich den Lauf seiner weltlichen Glückseligkeit, daß er Adel und ansehnliche Güter verschmähete und hintan setzte und sein Dichten und Trachten fortan nur nach einem erbärmlichen, eremitischen Leben gerichtet war. — Ich will dir aber auch nicht verhalten, wie er in den Spessart zu solchem Einsiedlerleben gekommen sei.
Die zweite Nacht hernach, als die blutige Schlacht von Höchst verloren worden, kam er einzig und allein vor meinen Pfarrhof, als ich eben mit meinem Weib und Kindern gegen den Morgen entschlafen war, weil wir wegen des Lärmens im Land, beides: der Flüchtigen und Nachjagenden, die vorige und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewachet hatten. Er klopfte erst sittig an, folgends ungestüm genug, bis er mich und mein schlaftrunkenes Gesind erweckte. Nach wenig Wortwechseln, welches beiderseits gar bescheiden fiel, ward ihm die Tür geöffnet, und ich sahe den Kavalier vom Pferde steigen. Sein kostbarlich Kleid war ebenso sehr mit seiner Feinde Blut besprengt als mit Gold und Silber verbrämt. Er besänftigte Forcht und Schrecken, indem er seinen bloßen Degen einsteckte, und ich sprach ihn seiner schönen Person und des herrlichen Ansehens halber vor den Mansfelder selbst an. Er aber sagte, er sei denselben vor diesmal nur in der Unglückseligkeit nicht allein zu vergleichen, sondern auch vorzuziehen. Drei Dinge beklagte er: Seine verlorene, hochschwangere Gemahlin, die verlorene Schlacht und, daß er nicht vor das Evangelium sein Leben zu lassen das Glück gehabt hätte. Ich wollte ihn trösten, sahe aber bald, daß seine Großmütigkeit keines Trostes bedurfte. Er begehrte ein Soldatenbett von frischem Stroh.
Das erste am folgenden Morgen war, daß er mir sein Pferd schenkte und sein Gold samt etlichen köstlichen Ringen unter meine Frau, Kinder und Gesinde austeilete. Ich trug Bedenken, so große Verehrung anzunehmen. Er aber sagte, er wollte mich vor Gefahr des Argwohns mit seiner eigenen Handschrift versichern, ja er begehrte sogar sein Hemd, geschweige seine Kleider aus meinem Pfarrhof nicht zu tragen. Ich wehrete mit Händen und Füßen, was ich konnte, weil solches Vorhaben zumal nach dem Papsttum schmäcke (dann er eröffnete unumwunden, ein Eremit zu werden) mit Erinnerung, daß er dem Evangelio mehr mit seinem Degen würde dienen können. Aber vergeblich. Ich mußte ihn mit denjenigen Büchern und Hausrat montieren, die du bei ihm gefunden, und er ließ sich einen Rock aus der wollenen Decke machen, darunter er dieselbe Nacht auf dem Stroh geschlafen. So mußte ich auch meine Wagenketten mit ihm um eine göldene, daran er seiner Liebsten Conterfait trug vertauschen.
Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren, habe ich mich hierher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohn das schon meine besten Sachen hier hatte. Als mir die baren Geldmittel aufgehen wollten, nahm ich drei Ringe und obgemeldte göldene Kette mit samt dem anhangenden Conterfait und trugs zum Juden, solches zu versilbern. Der hat es aber der Köstlichkeit und schönen Arbeit wegen dem Gubernator käuflich angetragen, welcher das Wappen, maßen ein Petschierring darunter war, und das Conterfait erkannt, nach mir geschickt und mich befragt hat. Ich wiese des Einsiedlers Handschrift oder Übergabsbrief auf und erzählte, wie er gelebet und gestorben. Er wollte solches nicht glauben, sondern kündete mir den Arrest an, bis er die Wahrheit am Orte ergründet und dich hierher gebracht hätte. Da ist mir nun durch dich, indem du mich erkannt, insonderheit aber durch das Brieflein, so in deinem Gebetbuch gefunden ward, ein trefflichs Zeugnis gegeben worden. Als will er dir und mir wegen seines Schwagers selig Gutes tun, du darfst dich jetzt nur resolviern, was du wilt, daß er dir tun soll.«
Ich antwortete, es gälte mir gleich.
Der Pfarrer zögerte mich auf seinem Losament bis zehn Uhr, eh er mit mir zum Gubernator ging, damit er bei demselben zu mittags Gast sein könne. Dann es war damals Hanau blockiert und eine solche klemme Zeit bei dem gemeinen Mann, bevor aber den Flüchtlingen in selbiger Festung, daß auch etliche, die sich etwas einbildeten, die angefrorenen Rubschälen auf den Gassen, so die Reichen etwa hinwarfen, aufzuheben nicht verschmäheten. Es glückte dem Pfarrer auch sowohl, daß er neben dem Gubernator selbst über der Tafel zu sitzen kam. Ich aber wartete auf mit einem Teller in der Hand, wie mich der Hofmeister anwiese, in welches ich mich zu schicken wußte wie ein Esel ins Schachspiel. Aber der Pfarrer ersatzte allein mit seiner Zunge, was die Ungeschicklichkeit meines Leibes nicht vermochte. Er erzählte meine Auferziehung in der Wildnus und wie ich dahero wohl vor entschuldigt zu halten, meine Treue, die ich dem Einsiedel erwiesen und unser hartes Leben, weiters daß der Einsiedel all seine Freude an mir gehabt, weil ich seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich sei. Er rühmte meine Beständigkeit und unveränderlichen Willen. In summa er konnte nicht genugsam aussprechen, wie der Einsiedel mich ihm mit ernstlicher Inbrünstigkeit kurz vor seinem Tod rekommendieret.
Dies kützelte mich dermaßen in Ohren, daß mich bedünkte, ich hätte schon Ergötzlichkeit genug vor alles empfangen, das ich je bei dem Einsiedel ausgestanden. Der Gubernator fragte, ob sein seliger Schwager nicht gewußt hätte, daß er derzeit in Hanau kommandiere. »Freilich,« antwortete der Pfarrer, »ich habe es ihm selbst gesagt. Er hat es aber zwar mit einem fröhlichen Gesicht und kleinem Lächlen, jedannoch so kaltsinnig angehört, daß ich mich über des Mannes Beständigkeit und festen Vorsatz verwundern muß.«
Dem Gubernator, der sonst kein weichherzig Weibergemüt hatte, stunden die Augen voll Wasser, da er sagte:
»Hätte ich gewußt, daß er noch im Leben, so wollte ich ihn auch wider Willen haben holen lassen, damit ich ihm seine Guttaten hätte erwidern können. Als will ich anstatt seiner seinen Simplicium versorgen. Ach, der redliche Kavalier hat wohl Ursache gehabt, seine schwangere Gemahlin zu beklagen, dann sie ist von einer Partei kaiserlicher Reuter im Spessart gefangen worden. Ich habe einen Trompeter zum Gegenteil geschickt, meine Schwester zu ranzionieren, habe aber nichts erfahren, als daß meine Schwester denen Reutern im Spessart verloren gegangen sei, da sie von etlichen Bauren zertrennt worden.«
Ich ward also des Gubernators Page und ein solcher Kerl, den die Leute, sonderlich die Bauren, bereits Herr Jung nannten.