»Ach Gott,« sagte ich zu mir, »wie geschiehet dir so recht! O, du unglückseliger Simplici! Dahin bringet dich deine Undankbarkeit: Siehe Gott hatte dich kaum zu seiner Erkanntnus und in seine Dienste gebracht, so laufst du hingegen aus seinen Diensten. O blinder Ploch, du hast dieselben verlassen, deinen schändlichen Begierden genug zu tun und die Welt zu sehen! Jetzt fahre hin und empfahe den Lohn deiner gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit!«

Indessen näherten wir uns dem Diebsturm, und als die Not am größten, da war die Hilfe Gottes am nähesten: dann als ich mit den Schergen samt einer großen Menge vorm Gefängnus stund, zu warten bis es aufgemachet, wollte mein Pfarrer (dann er lag zunächst dabei auch im Arrest) sehen, was da vorhanden wäre. Er sahe mich und rief überlaut: »O Simplici, bist du es!«

Da hub ich beide Hände auf und schrie: »O Vater! O Vater!«

Er fragte mich, was ich getan hätte. Ich antwortete, ich wüßte es nicht. Als er aber den Umstand vernahm, bat er, man wollte mit mir inhalten, bis er meine Beschaffenheit dem Herrn Gubernator berichtet hätte, dann solches würde verhüten, daß er sich an uns beiden vergreife.


[Das elfte Kapitel]

Es wurde erlaubt, und über eine halbe Stunde ward ich auch geholt und in die Gesindestube gesetzet, allwo sich schon zween Schneider, ein Schuster mit Schuhen, ein Kaufmann mit Hüten und Strümpfen und ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt hatten, damit ich ehist gekleidet würde. Folgends erschien ein Feldscherer mit scharfer Lauge und wohlriechender Seife und eben als dieser seine Kunst an mir üben wollte, kam ein anderer Befehl, welcher mich greulich erschreckte: Ich sollte meinen Habit wieder anziehen. War aber nicht böß gemeint, dann es kam ein Maler mit seinen Werkzeugen daher, nämlich mit Minien und Zinober zu meinen Augenlidern, mit Lack, Endig und Lasur zu meinen Korallenlippen, mit Auripigmentum, Rausch-schütt und Bleigelb zu meinen weißen Zähnen, die ich vor Hunger bleckte, mit Kienruß, Kohlschwärz und Umbra zu meinen blonden Haaren, mit Bleiweiß zu meinen gräßlichen Augen und mit sonst vielerlei Farben zu meinem wetterfarbigen Rock, auch hatte er eine ganze Hand voll Pensel. Dieser fing an, mich zu beschauen, abzureißen, zu untermalen, seinen Kopf über die Seite zu hängen, um seine Arbeit gegen meine Gestalt genau zu betrachten, und änderte so lange, bis er endlich ein natürliches Muster entworfen hatte, wie Simplicius eins war. Alsdann dorfte allererst der Feldscherer über mich herwischen, derselbe zwackte mir den Kopf und richtete wohl anderthalb Stund an meinen Haaren, folgends schnitt er sie ab auf die damalige Mode, dann ich hatte Haar übrig. Nachgehends satzte er mich in ein Badstüblein und säuberte meinen ausgehungerten Leib von mehr als drei- und vierjähriger Unlust. Kaum war er fertig, da brachte man mir ein weißes Hemd, Schuhe und Strümpfe samt einem Überschlag und Kragen, auch Hut und Feder. Die Hosen waren gar schön ausgemacht und überall mit Galaunen verbrämt. Die Schneider arbeiteten noch auf die Eil am Wams. Der Koch stellte sich mit einem kräftigen Süpplein ein und die Kellerin mit einem Trunk. Da saß mein Herr Simplicius wie ein junger Graf zum besten accommodiert. Ich glaube schwerlich, daß ich mein Lebtag ein einzig Mal eine größere Wollust empfunden als eben damals. Mein Waldkleid samt Ketten und allem Zugehör ward in die Kunstkammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten getan, daneben mein Bildnus.

Nach dem Nachtessen ward ich in ein Bette geleget, dergleichen ich nie gekannt. Aber mein Bauch knurrte und murrte die ganze Nacht hindurch, daß ich nicht schlafen konnte, weil er entweder nicht wußte, was gut war, oder weil er sich über die anmütigen, neuen Speisen verwunderte. Ich blieb aber liegen, bis die liebe Sonne wieder leuchtete.

Denselben Morgen gab mir der Gubernator einen Leibschützen, der mich zu meinem Pfarrer brachte. In dessen Museo satzten wir uns und er ließ mich vernehmen: