Und ich vermerkte bald, daß jeder Weltmensch einen besonderen Nebengott hatte, ja, etliche hatten wohl mehr als die alten und neuen Heiden selbsten. Einige hatten den ihren in den Geldkisten, andere in der Reputation, noch andere in ihrem Kopf, so ihnen Gott ein gesund Gehirn verliehen, also daß sie einzige Künste und Wissenschaften zu fassen geschickt waren. Auch gab es viel, deren Gott ihr eigener Bauch war, welchem sie täglich zu allen Mahlzeiten opferten, und wann solcher sich unwillig erzeigte, so machten die elenden Menschen einen Gott aus dem Medico und suchten ihres Leibes Aufenthalt in der Apotheke, aus welcher sie zwar öfters zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten Göttinnen aus glatten Metzen, sie nannten sie mit andern Namen und beteten sie Tag und Nacht an mit tausend Seufzen und Liedern. Hingegen waren Weibsbilder, die hatten ihre eigene Schönheit vor ihren Gott aufgeworfen. Sie brachten ihr Opfer mit Schminke, Salben, Wassern, Pulvern und sonst Schmiersel genug. Ich sahe Leute, die wohlgelegene Häuser vor Götter hielten, und ich kannte einen Kerl, der konnte in etlichen Jahren vor dem Tabackhandel nicht recht schlafen, weil er demselben sein Herz, Sinne und Gedanken geschenkt hatte. Aber der Phantast starb und fuhr dahin wie der Tabakrauch selbst. Ein anderer Gesell, als bei einer Gesellschaft erzählet ward, wie jeder sich in dem greulichen Hunger und teueren Zeiten ernährt und durchgebracht, sagte mit deutschen Worten: Die Schnecken und Frösche seien sein Herrgott gewesen.

Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Kunstkammer, darin schöne Raritäten waren. Unter den Gemälden gefiel mir nichts besser als ein Ecce-Homo wegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es die Anschauenden gleichsam zum Mitleiden verzuckte. Darneben hing eine papierene Karte, in China gemalt, darauf stunden der Chineser Götter in ihrer Majestät sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren. Der Herr im Haus fragte mich, welches Stück in seiner Kunstkammer mir am besten gefiele. Ich deutete auf besagtes Ecce-Homo. Er aber sagte ich irre mich, der Chineser Gemält wäre rarer und dahero auch köstlicher, er wolle es nicht um zehen solcher Ecce-Homo manglen. Ich antwortete: »Herr ist Euer Herz wie Euer Mund?« Er sagte: »Ich versehe michs.« Darauf ich: »So ist auch Eures Herzens Gott derjenige, dessen Conterfait Ihr mit dem Mund bekennet, das Köstlichste zu sein.« »Phantast,« rief er, »ich aestimiere die Rarität!«

So sehr wurden nun diese Abgötter nicht geehret, als hingegen die wahre Göttliche Majestät verachtet. Christus spricht: ‚Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, aufdaß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Dann so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für einen Lohn haben? Tun solches nicht auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu eueren Brüdern freundlich zeiget, was tut ihr Sonderlichs? Tun nicht die Zöllner also auch?’

Aber ich fand nicht allein niemand, der diesem Befehl Christi nachzukommen begehrte, sondern jeder tät gerade das Widerspiel.

Es hieß: viel Schwäger, viel Knebelspieße. Und nirgends fand ich mehr Neid, Haß, Mißgunst, Hader und Zank als zwischen Brüdern und Schwestern und andern angeborenen Freunden, sonderlich wann ihnen ein Erbe zu teilen zugefallen. Wo die größte Liebe und Treue sein sollte, fand ich höchste Untreue und den gewaltigsten Haß. Herren schunden ihre getreuen Diener, und solche wurden an ihren frommen Herren zu Schelmen. Den continuierlichen Zank vermerkte ich zwischen vielen Eheleuten. Mancher Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manch lose Vettel ihren frommen Mann vor einen Narren und Esel. Die Handelsleute und Handwerker rannten mit dem Judenspieß gleichsam um die Wette und sogen durch allerhand Fünde und Vorteil dem Baursmann seinen sauren Schweiß ab. Hingegen waren teils Bauren so gottlos, andere Leute, wann die nicht rechtschaffen genug mit Boßheit durchtrieben waren, oder wohl gar ihren Herren selbst, unter Schein der Einfalt zu begaunern.

Ich sahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle geben und bildete mir ein, der Geschlagene würde den andern Backen auch darbieten. Aber ich irrte, dann der Beleidigte zog vom Leder und versatzte dem Täter eins vor den Kopf.

Ich sagte: »Ach Freund, was machst du!«

Er antwortete: »Da wäre einer ein Bernheuter! Ich will mich, schlag mich der Donner und hol mich der Teufel, selbst rächen oder das Leben nicht haben! Hei, müßte doch einer ein Schelm sein, der sich so coujonieren ließe!«

Das Lärmen zwischen den zweien Duellanten vergrößerte sich, weilen beiderseits Beiständer auch in die Haare kamen. Da bliebs bei geringen Kinderschwüren nicht. Die heiligen Sakramente mußten nicht nur siebenfach, sondern auch mit hunderttausenden soviel Tonnen, Galeeren und Stadtgräben voll heraus, also daß mir alle Haare zu Berg stunden.

Zum allerschröcklichsten kam es mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Boßheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörte. Da vernahm ich zu unterschiedlichen Zeiten: