In der ersten Woche schon kam er mir hinter die Briefe und erkannte, daß ich kein solcher Narr war, wie ich mich stellete, wie er dann vom ersten Tag an aus meinem Angesicht ein anders geurteilet hatte, weil er sich wohl auf Physiognomiam verstund.
Ich erwachte einsmals um Mitternacht und machte über mein Leben und seltsame Begegnüssen allerlei Gedanken, knieet neben den Bette nieder und erzählete danksagungsweise alle Guttaten, die mir mein lieber Gott erwiesen, und alle Gefahren, daraus er mich errettet. Weil mein Hofmeister mehr alt als jung war und die ganze Nacht nicht durchgehend schlafen konnte, hörete er alles, tät aber, als wenn er schliefe und redete nicht mit mir im Zelt hievon, weil es zu dünne Wände hatte; wollte auch meiner Unschuld versichert sein.
Bei einer Gelegenheit fand er mich einsmals nach Wunsch an einem einsamen Ort und sagte:
»Lieber, guter Freund, ich weiß, daß du kein Narr bist, wie du dich stellest, zumalen auch in diesem elenden Stand nicht zu leben begehrest. Ich will womüglich mit Rat und Tat bedacht sein, wie dir etwan zu helfen sein möchte, so du zu mir, als einem ehrlichen Mann, dein Vertrauen setzen willst.«
Hierauf fiel ich ihm um den Hals und erzeugete mich vor übriger Freude nicht anders, als wann er ein Prophet gewesen wäre, mich von meiner Narrenkappe zu erlösen. Nachdem wir auf die Erde gesessen, erzählete ich ihm mein ganzes Leben. Er beschauete meine Hände und verwunderte sich über beides: die verwichenen und künftigen seltsamen Zufälle, so er aus meinen Händen las. Widerriet mir durchaus, daß ich mein Narrenkleid ablegen sollte, dann er vermittelst Chiromantia sehe, daß mir mein Fatum ein Gefängnis androhe unter Leibes- und Lebensgefahr. Er wollte mein treuer Freund und Vater bleiben.
Demnach stunden wir auf und kamen auf den Spielplatz, da man mit Würfeln turnieret und alle Schwüre mit hundert und tausend Galeeren, Rennschifflein, Tonnen und Städtgräben voll herausfluchte. Der Platz war ungefähr so groß als der Alte Markt zu Köln, überall mit Mänteln überstreut und mit Tischen bestellt, die alle von Spielern umgeben waren. Jede Gesellschaft hatte drei viereckichte Schelmenbeiner, denen sie ihr Glück vertraueten. So hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen Schunderer, dessen Amt war zu sehen, daß kein Unrecht geschähe. Die liehen auch Mäntel, Tische und Würfel her und erschnappten gewöhnlich das meiste Geld, doch blieb es ihnen nicht, dann sie verspieltens gemeiniglich wieder oder bekams der Feldscherer, weil ihnen die Köpfe oft gewaltig geflickt wurden.
Alle vermeineten zu gewinnen, als hätten sie aus einer fremden Tasche gesetzt, weil aber etlich trafen, etlich fehlten, so donnerten und flucheten auch etlich und betrogen und wurden gesäbelt; war ein Gelächter und Zähneaufeinanderbeißen. Etliche begehrten redliche Würfel, andere führten unvermerkt falsche ein, die wieder andere hinwegwurfen, mit den Zähnen zerbissen und darüber aus Zorn den Schunderern die Mäntel zerrissen. Unter den falschen Würfeln befanden sich Niederländer, die man schleifend rollen mußte, sie hatten spitze Rücken, drauf sie Fünfer und Sechser trugen. Andere waren oberländisch, denen mußte man die bayrische Höhe geben, wenn man sie werfen wollte. Etliche waren aus Hirschhorn, oben leicht und unten schwer, andre mit Quecksilber oder Blei, aber andere mit zerschnittenen Haaren, Schwämmen, Spreu und Kohlen gefüttert. Etliche hatten spitze Ecken, andern waren solche glatt hinweggeschliffen. Teils waren lange Kolben, teils sahen sie aus wie Schildkrotten. Mit solchen Schelmbeinern zwackten, laureten, stahlen sie einander ihr Geld ab.
Mein Hofmeister sagte: »Dieses ist der allerärgste und abscheulichste Ort im ganzen Läger. Wann einer nur den Fuß hierher setzet, so hat er das zehende Gebot übertreten: du sollst deines nächsten Gut nicht begehren. So du aber spielest und gewinnst, sonderlich durch Betrug und falsche Würfel, so übertrittst du das siebend und achte Gebot. Ja, es kann kommen, daß du auch zum Mörder wirst aus äußerster Not und Desperation. Ein jeder auf diesem Platze ist in Gefahr, sein Geld und auch sein Leib, Leben und gar seiner Seelen Seligkeit zu verlieren.«
Ich fragte: »Liebster Herr, warum lassens dann die Vorgesetzten zu?«
Er antwortete: »Ich will nicht sagen darum, dieweil teils Offizierer selbst mitmachen, sondern es geschiehet, weils die Soldaten nicht mehr lassen wollen, ja, auch nicht lassen können. Dann wer sich dem Spielen einmal ergeben, der wird nach und nach, er gewinne oder verspiele, so verpicht darauf, daß er's weniger lassen kann als den natürlichen Schlaf. Man siehet etliche die ganze Nacht durch und durch raßlen und vor das beste Essen und Trinken hineinspielen und sollten sie auch ohn Hemd davongehen. Es ist zu unterschiedlichen Malen bei Leib- und Lebensstrafe verboten und auf Befehl der Generalität durch Rumormeister, Profosen, Henker und Steckenknechte mit gewaffneter Hand offentlich und mit Gewalt verwehret worden, aber das half alles nichts. Also daß man, der Heimlichkeit zu wehren, das Spielen wieder offentlich erlauben und gar diesen eigenen Platz darzu widmen mußte, damit die Hauptwacht bei der Hand wäre. Ich versichere dich, Simplici, daß ich willens bin, von dieser Materi ein ganz Buch zu schreiben, sobald ich wieder bei den Meinigen zur Ruhe komme. Da will ich den Verlust der edlen Zeit beschreiben, die man mit Spielen unnütz verbringet, nicht weniger will ich die grausamen Flüche, mit welchen man Gott lästert, und die Scheltworte erzählen, mit denen einer den andern antastet, viel schröckliche Exempel und Historien einbringen, die sich bei, mit und in dem Spielen zutragen. Und will nicht vergessen der Duell und Totschläge, des Geizes, Zorns, Neides, Eifers, der Falschheit, des Betrugs und Diebstahls und beides: der Würfel- und Kartenspieler unsinnige Torheiten mit ihren lebendigen Farben abmalen und vor Augen stellen, daß jeder Leser ein solch Abscheuen vor dem Spielen gewinnen soll, als wann er Säumilch gesoffen hätte, welche man den Spielsüchtigen wider solche ihre Krankheit unwissend eingibt.«