[Das neunte Kapitel]
Demnach es etliche, und zwar vornehme, gelehrte Leute gibt, die nicht glauben, daß Hexen und Unholden sein, als zweifele ich nicht, es werden sich etliche finden, die sagen, Simplicius schneide hier mit dem großen Messer auf. Mit denen begehre ich nicht zu fechten, dann weil Aufschneiden jetziger Zeit fast das gemeinste Handwerk ist, als kann ich nicht leugnen, daß ichs nicht auch könnte.
Welche aber der Hexen Ausfahren leugnen, die sollen sich erinnern, daß Simon, der Zauberer, welcher vom bösen Geist in die Luft erhoben ward, auf St. Petri Gebet wieder heruntergefallen. Weiters Nicolaus Remigius, ein gelehrter und verständiger Mann, so im Herzogtum Lothringen nicht nur ein halbes Dutzend Hexen hat verbrennen lassen, erzählet von Johann von Hembach, daß ihn seine Mutter, die Hexe war, im sechzehnten Jahr seines Alters mit auf ihre Versammlung genommen. Majolus setzet zwei Exempel: von einem Knecht, so sich an seine Frau gehängt, und von einem Ehebrecher, so der Ehebrecherin Büchsen genommen, sich mit deren Salbe geschmiert und also beide zu der Zauberer Zusammenkunft kommen sein. So ist auch mehr als genugsam bekannt, was Gestalt teils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen ihre Beischläfer des Nachts einen weiten Weg auf Böcken zu sich holen lassen. Was Torquemadus in seinem Hexamerone erzählet, mag bei ihm gelesen werden. Wie Doktor Faust neben noch andern mehr, die gleichwohl keine Zauberer waren, durch die Luft gefahren, ist aus seiner Histori genugsam bekannt.
Mag einer nun meine Geschicht glauben oder nicht, es gilt mir gleich, doch wer's nicht glauben will, der mag einen andern Weg erfinden, auf welchen ich aus dem Stift Hirschfeld oder Fulda in so kurzer Zeit ins Erzstift Magdeburg marschiert sei.
Ich fange meine Histori wieder an und versichere den Leser, daß ich auf dem Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich nicht das Herz hatte, mich aufzurichten. Etliche Fouragierer weckten mich auf und nahmen mich in das Läger vor Magdeburg, allda ich einem Obristen zu Fuß zu teil ward. Dem erzählte ich alles haarklein und wie ich von denen Kroaten entloffen wäre; von meinen Dukaten schwieg ich still. Indessen sammlete sich ein Haufen Volks um mich, dann ein Narr macht tausend Narren. Unter denselben war einer, so das vorige Jahr zu Hanau gefangen gewesen. »Hoho,« rief er, »dies ist des Kommandanten Kalb zu Hanau!« Der Obrist fragte ihn, der Kerl aber wußte nichts, als daß ich wohl auf der Laute schlagen könnte, item daß mich die Kroaten von des Obrist Corpes Regiment hinweggenommen hätten. Hierauf schickte die Obristin zu einer andern Obristin, die auf der Lauten spielen konnte, und ließ um ihre Lauten bitten. Solche ward mir präsentiert mit Befehl, ich solle mich hören lassen. Ich aber meinte, daß mein leerer Bauch nicht wohl mit dem dicken, wie die Laute einen hatte, zusammenstimmen würde. Also bekam ich ziemlich zu kröpfen und zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier. Sodann ließ ich beides, die Lauten und meine Stimme hören. Darunter redete ich allerlei, so daß ich mit geringer Mühe die Leute dahin brachte, daß sie glaubten, ich wäre von derjenigen Qualität, die meine Kleidung vorstellete. Der Obrist fragte mich, wo ich weiters hinwollte, und da ich antwortete, daß es mir gleich sei, so machte er mich zu seinem Hofjunker. Er wollte auch wissen, wo meine Eselsohren wären.
»Ja, wann du wüßtest, wo sie wären,« sagte ich, »so würden sie dir nicht übel anstehen.«
Ich ward in kurzer Zeit bei den meisten hohen Offizierern sowohl im kur-sächsischen als im kaiserlichen Läger bekannt, sonderlich bei den Frauenzimmern, welche meine Kappe, Ärmel und gestutzten Ohren überall mit seidenen Banden zierten. Was mir aber an Geld geschenkt ward, das verspendierte ich in Hamburger und Zerbster Bier an gute Gesellen. Überall, wo ich nur hinkam, hatte ich genug zu schmarotzen.
Als meinem Obristen aber eine eigene Laute vor mich überkam, dann er gedachte ewig an mir zu haben, da dorft ich nicht mehr in den beiden Lägern so hin und wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen Hofmeister dar, der mich beobachten und dem ich hingegen gehorsamen sollte. Dieser war ein Mann nach meinem Herzen, still, verständig, wohlgelehrt, von guter Konversation und was das gröbste gewesen, überaus gottesförchtig. Er war vordem eines vornehmen Fürsten Rat und Beamter, aber von den Schwedischen bis in Grund ruiniert worden. Er ließ sich bei diesem Obristen vor einen Stallmeister gebrauchen, indem sein einziger Sohn unter der kur-sächsischen Armee vor einen Musterschreiber dienete.