Jedoch so gar ersoffen in den Leidenschaften und so dumm war ich nicht, daß ich nicht gedacht hätte, jedermanns Freundschaft zu behalten, solange ich in der Festung zu bleiben willens war. Ich erkannte auch wohl, was es einem vor Unrat bringen konnte, wann er der Geistlichen Haß hätte, als welche Leute einen großen Kredit haben. Derowegen nahm ich meinen Kopf zwischen die Ohren und trat gleich den andern Tag wieder auf frischem Fuß zu obgedachten Pfarrer und log ihm mit gelehrten Worten einen solchen Haufen daher, was gestalten ich mich resolvieret hätte, ihm zu folgen, daß er sich sichtbarlich darüber freuete. Mir hätte seithero auch schon in Soest ein solcher englischer Ratgeber gemangelt, wann nur der Winter bald vorüber, daß ich fortreisen könnte. Bat ihn darneben, er wollte mir doch ferner mit gutem Rat beförderlich sein, auf welche Universität ich mich begeben sollte. Er antwortete, was ihn anbelange, so hätte er in Leyden studieret, mir aber wollte er nach Genf geraten haben, weil ich ein Hochdeutscher wäre.
»Jesus Maria,« rief ich, »Genf ist weiter von meiner Heimat als Leyden!«
»Was vernehme ich,« sagte er hierauf mit großer Bestürzung, »ich höre wohl, der Herr ist ein Papist! O mein Gott, wie finde ich mich betrogen!«
»Wieso, wieso, Herr Pfarrer? Weil ich nicht nach Genf will?«
»O nein, weil Er Mariam anrufet!«
»Sollte es einem Christen nicht gebühren, die Mutter seines Erlösers zu nennen?«
»Das wohl, aber ich vermahne und bitte Ihn so hoch als ich kann, Er wolle Gott die Ehre geben und mir gestehen, welcher Religion Er beigetan sei, dann ich zweifle sehr, daß Er dem Evangelio glaube.«
»Der Herr Pfarrer höret ja wohl, daß ich ein Christ bin. Im übrigen gestehe ich, daß ich weder petrisch noch paulisch, sondern allein simpliciter glaube, was die zwölf Artikul des allgemeinen, heiligen, christlichen Glaubens in sich halten. Ich werde mich auch zu keinem Teil vollkommen verpflichten, bis mich einer durch genugsame Erweisung persuadieret zu glauben, daß er vor den andern die rechte, wahre und allein seligmachende Religion habe.«
»Jetzt glaube ich erst recht, daß Er ein kühnes Soldatenherz habe, sein Leben dran zu wagen, weil Er gleichsam ohn Religion und Gottesdienst auf den alten Kaiser hinein dahinleben und frevelhaftig seine Seligkeit in die Schanze schlagen darf. Mein Gott, wie kann ein sterblicher Mensch immermehr so keck sein!«
»Herr Pfarrer, es sagen alle von ihrer Religion, daß sie die rechte sei und deren Fundamente sowohl in Natur als in der heiligen Schrift sonnenklar am Tage liegen. Welchem soll ich aber glauben? Vermeinet der Herr, es sei so ein Gerings, wann ich einem Teil, den die andern alle lästern und einer falschen Lehre bezüchtigen, meiner Seelen Seligkeit anvertraue? Er sehe doch mit unparteiischen Augen, was Konrad Vetter und Johannes Nas wider Lutherum, und hingegen Luther und die Seinigen wider den Papst, sonderlich aber Spangenberg wider Franciscum, der etliche hundert Jahr vor einen heiligen und gottseligen Mann gegolten, in offenem Druck ausgehen lassen. Zu welchem Teil soll ich mich dann tun, wann je eins das ander ausschreiet, als sei kein gut Haar an ihm? Sollte mir wohl jemand raten, hineinzuplumpen wie eine Fliege in den heißen Brei? O nein, das wird der Herr Pfarrer verhoffentlicht mit gutem Gewissen nicht tun können! Ich will lieber gar von der Straßen bleiben, als nur irr laufen. Zudem sein noch mehr Religionen, dann die in Europa, als die Armenier, Abessinier, Griechen, Gregorianer und dergleichen. Was ich vor eine davon annehme, so muß ich mit meinen Religionsgenossen den andern allen widersprechen.«