Um dieselbige Zeit fiel Martini ein, da fängt bei uns Deutschen das Fressen und Saufen an und währet teils bis in die Fastnacht. Da ward ich an unterschiedliche Örter, sowohl bei Offizierern als Bürgern, die Martinsgans verzehren zu helfen, eingeladen. Bei solchen Gelegenheiten kam ich mit den Frauenzimmern in Kundschaft. Meine Laute und Gesang, die zwangen eine jede mich anzuschauen, und wann sie mich also betrachteten, wußte ich zu meinen neuen Buhlenliedern, die ich selber machte, so anmutige Blicke und Gebärden hervorzubringen, daß sich manches hübsche Mägdlein darüber vernarrete und mir unversehens hold ward.

Und damit ich nicht vor einen Hungerleider gehalten wurde, stellete ich auch zwo Gastereien, die eine zwar vor die Offizierer und die andere vor die vornehmsten Bürger, an, dadurch ich mir bei beiden Teilen Gunst und einen Zutritt vermittelte, weil ich kostbar auftragen ließ. Es war mir aber alles nur um die lieben Jungfern zu tun. Und obgleich ich bei einer oder der andern nicht fand, was ich suchte, so ging ich gleichwohl allerweg zu ihnen als zu andern, daß alle glauben sollten, daß ich mich bei den andern auch nur Diskurs halber aufhielte. Ich hatte gerade sechs und sie hinwiederum mich, doch hatte keine mein Herz gar und mich allein.

Mein Jung, der ein Erzschelm war, hatte genug zu tun mit Kupplen und Buhlenbrieflein hin und wider tragen und wußte reinen Mund zu halten. Davon bekam er von den Schleppsäcken einen Haufen Favor, so mich aber am meisten kostete. Was mit Trommeln gewonnen wird, gehet mit Pfeifen dahin.

Ich hielt meine Sachen so geheim, daß mich kaum einer vor einen Buhler halten konnte, ausgenommen der Pfarrer, bei dem ich nicht mehr so viel geistliche Bücher entlehnte.


[Das neunte Kapitel]

Ich ging oft zum ältesten Pfarrer und brachte ich ihm ein Buch zurück, so diskutierete er von allerhand Sachen mit mir. Wir accomodierten uns so miteinander, daß einer den andern gern leiden mochte. Als nun nicht nur die Martinsgans hin und wider und alle Metzelsuppen sondern auch die heiligen Weihnachtsfeiertäge vorbei waren, verehrete ich ihm eine Flaschen voll Straßburger Branntewein zum Neuen Jahr, welchen er dem westfälischen Gebrauch nach mit Kandelzucker gern einläpperte. Darauf besuchete ich ihn und er machte mich zu ihm sitzen, lobte den Branntewein und kam nach einigem Hin und Wider auf obgemeldten Umstand, nämlich daß ich in geistlichen Dingen merklich nachlasse. Ich entschuldiget mich mit der edlen Musik und der Büchsenmeistereikunst. Er aber antwortete: »Ja, ja, das glaube ich gern. Aber Er versichere sich, daß ich mehr von Ihm weiß, als Er sich einbildet.«

Ich erschrak, da ich diese Worte hörete, und dachte, hat dir's St. Velten gesagt. Und weil er sahe, daß ich meine Farbe änderte, fuhr er ferner fort: »Der Herr ist frisch und jung, Er ist müßig und schön, Er lebet ohn Sorge und wie ich vernehme, in allem Überfluß, darum bitte und vermahne ich Ihn im Herrn, daß Er bedenken wolle, in was vor einem gefährlichen Stand Er sich befindet. Er hüte sich vor dem Tier, das Zöpfe hat, will Er anders Sein Glück und Heil beobachten. Der Herr möchte zwar bedenken, was geht's dem Pfaffen an — (ich gedachte, du hast es erraten) — oder was hat er mir zu befehlen! Herr, seid versichert, daß mir Euere, als meines Guttäters, zeitliche Wohlfahrt aus christlicher Liebe hoch angelegen ist. Ihr habet Talente, leget doch Euere Jugend und Euere Mittel, die Ihr hier unnütz verschwendet, zu ernsten Studien an, damit Ihr heut oder morgen beides: Gott und den Menschen und Euch selbst bedient sein könnet. Lasset das Kriegswesen, eh Ihr eine Schlappe davontraget, dann: Junge Soldaten, alte Bettler.«

Ich hörete die Sentenz mit großer Ungeduld, jedoch stellete ich mich viel anders, als mir ums Herz war, damit ich mein Lob, daß ich ein feiner Mensch wäre, nicht verliere, bedankte mich zumal auch sehr vor seine erwiesene Treuherzigkeit und versprach, mich auf sein Einraten zu bedenken. Allein ich war des Zaumes und der Sporen der Tugenden entwohnet und wollte nunmehr gekostete Liebe-Wollüste nicht mehr entbehren.