Ich folgte gern und satzte mich auf einen Sessel, den sie mir zum Feuer stellete, sie aber ließ sich neben mir auf einen andern nieder und sagte:
»Monsieur, wann Er etwas von den Kräften der Liebe weiß, daß nämlich solche die allertapfersten, stärksten und klügsten Männer überwältige und zu beherrschen pflege, so wird Er sich umso viel mehr desto weniger verwundern, wann dieselbe auch ein schwaches Weibsbild meistert. Er ist nicht der Laute halber, wie man Ihn und Mon. Canard überredet hat, von einem Herrn, aber wohl seiner übertrefflichen Schönheit halber von der allervortrefflichsten Dame in Paris hierher berufen worden. Sie versiehet sich allbereits des Todes, so sie nicht bald des Herren überirdische Gestalt zu beschauen und sich daran zu erquicken das Glück haben sollte. Derowegen hat sie mir befohlen, dem Herrn, als meinem Landsmann, solches anzuzeigen und ihn höher zu bitten als Venus ihren Adonis, daß er diesen Abend sich bei ihr einfinden und seine Schönheit genugsam von ihr betrachten lasse, welches er ihr hoffentlich als einer vornehmen Dame nicht abschlagen wird.«
Ich antwortete: »Madame, ich weiß nicht, was ich denken, viel weniger hierauf sagen soll. Ich erkenne mich nicht darnach beschaffen zu sein, daß eine Dame von so hoher Qualität nach meiner Wenigkeit verlangen sollte. Wann die Dame, so mich zu sehen begehret, so vortrefflich und vornehm sei, als mir meine hochgeehrte Frau Landsmännin vorbringt, so hätte sie wohl bei früher Tageszeit nach mir schicken dörfen und mich nicht erst hierher an diesen einsamen Ort bei so spätem Abend berufen. Was habe ich in diesem Garten zu tun? Meine Landsmännin vergebe, wann ich als verlassener Fremder in die Forcht gerate, man wolle mich auch sonst hintergehen. Sollte ich aber merken, daß man mir so verräterisch mit bösen Tücken an den Leib wollte, würde ich vor meinem Tode den Degen zu gebrauchen wissen.«
»Sachte, sachte, mein hochgeehrter Herr Landsmann, Er lasse diese unmutigen Gedanken aus dem Sinn. Die Weibsbilder sind seltsam und vorsichtig in ihren Anschlägen, daß man sich nicht gleich anfangs so leicht darein schicken kann. Wann diejenige, die Ihn über alles liebet, gern hätte, daß Er Wissenschaft von ihrer Person haben sollte, so hätte sie Ihn freilich nicht erst hierher, sondern den geraden Weg zu sich kommen lassen. Dort liegt eine Kappe, die muß der Herr ohndas erst aufsetzen, wann Er zu ihr geführt wird, weil sie auch sogar nicht will, daß Er den Ort, geschweige, bei wem er gesteckt, wissen sollte. Bitte und ermahne demnach den Herrn so hoch als ich immer kann, Er zeige sich gegen diese Dame so, wie es ihre Hoheit als auch ihre gegen Ihn tragende unaussprechliche Liebe meritiert. Anders wolle Er gewärtig sein, daß sie mächtig genug sei, seinen Hochmut und Verachtung auch in diesem Augenblick zu strafen.«
Es ward allgemach finster und ich hatte allerhand Sorgen und forchtsame Gedanken, also daß ich wie ein geschnitzt Bild dasaß. Konnte mir wohl auch einbilden, daß ich diesem Ort so leicht nicht wieder entrinnen könnte. So willigte ich denn in alles, so man mir zumutete, und sagte der Alten: »Wenn ihm dann so ist, wie Sie vorgebracht, so vertraue ich meine Person Ihrer angeborenen deutschen Redlichkeit, der Hoffnung, sie werde nicht zulassen, daß einem unschuldigen Deutschen eine Untreue widerführe. Sie vollbringe also, was Ihr befohlen.«
»Ei, behüte Gott, Er wird mehr Ergötzen finden, als Er sich hat sein Tag niemals einbilden dörfen!«
Sie rief: Jean, Pierre! — alsobald traten diese in vollem, blanken Küraß, vom Scheitel bis auf die Fußsohle gewaffnet, mit einer Hellebarden und Pistolen in Händen, hinter einer Tapezerei herfür. Davon ich dergestalt erschrak, daß ich mich entfärbte. Die Alte ward solches lächelnd gewahr.
»Man muß sich nicht förchten, wenn man zum Frauenzimmer gehet.«
Sie befahl den beiden ihren Harnisch abzulegen, die Laterne zu nehmen und nur mit ihren Pistolen zu folgen. Demnach streifte sie mir die schwarze Sammetkappe über den Kopf und führete mich an der Hand durch seltsame Wege.
Ich spürte wohl, daß ich durch viel Türen und auch über einen gepflasterten Weg passierte. Endlich mußte ich etwan eine halbe Viertelstunde eine kleine steinerne Stiege steigen, da tät sich ein Türlein auf, von dannen kam ich über einen belegten Gang und mußte eine Wendelstiege hinauf, folgends etliche Staffeln wieder hinab, allda sich etwa sechs Schritte weiters eine Tür öffnete.