Der Autor continuirt vorige Materia und erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen.
Simplicius fragte, wie dann Springinsfeld mit ins Gelag kommen wäre, und was sie mit ihm zu schaffen gehabt hätte. Ich antwortet: »Soviel ich mich noch zu erinnern weiß, ist sie, wie ich bereits gemeldet, in Italia seine Matreß oder, allem Ansehen nach, er vielmehr ihr Knecht gewesen, maßen sie ihm auch, wann es anders wahr ist, was mir diese Schandvettel angeben, den Namen Springinsfeld zugeeignet.«
»Schweig, daß dich der Hagel erschlag, du Schurk«, sagte Springinsfeld, »oder ich schmeiß dir Blackscheißer[293], der Teufel soll sterben, die Kandel[294] übern Kopf, daß dir der rothe Saft hernach gehet!«
Und seine Wort wahr zu machen, ertappte er die Kandel. Aber Simplicius war eben so geschwind und weit stärker als er, auch eines andern Sinns, enthielte ihne derowegen vom[295] Streich und bedrohete ihn, ihn zum Fenster hinaus zu werfen, wann er nicht zufrieden sein wolte. Indessen kam der Wirth darzu und gebote uns den Frieden, mit ausdrucklicher Anzeigung, wann wir nicht still wären, daß bald Thurnhüter und Fausthämmer vorhanden sein würden, die den Ursächer solcher Händel oder wol gar uns alle drei an ein ander Ort führen solten. Ob ich nun gleich hierauf vor Angst zitterte und so still wurde wie ein Mäusel, so wolte ich doch gleichwol die Scheltwort nicht auf mir haben, sonder zum Ammeister[296] gehen und mich der empfangnen Injuri halben beklagen; aber der Wirth, so Springinsfelds Ducaten gesehen und einige davon zu kriegen verhoffte, sprach mir neben Simplicio so freundlich zu, daß ichs unterwegen ließe, wiewol Springinsfeld noch immerhin wie ein alter böser Hund gegen mir griesgramete. Zuletzt wurde der Verglich gemacht, daß ich dem Springinsfeld auf beschehene Abbitt die empfangene Schmach vergeben und hingegen sein und Simplici Gast sein solte, so lang ich nur[297] selber wolte.
Nach diesem Vertrag fragte mich Simplicius, wie ich dann wieder von den so genannten Zigeunern hinweg kommen wäre, und mit was vor Geschäften dieselbige ihre Zeit in den Wäldern passirt hätten. Ich antwortet: »Mit Essen, Trinken, Schlafen, Tanzen, herum Rammlen, Tabaksaufen[298], Singen, Ringen, Fechten und Springen. Der Weiber größte Arbeit war Kochen und Feuern, ohne[299] daß etliche alte Hexen hie und da saßen, die junge im Wahrsagen oder vielmehr im Liegen[300] zu unterrichten. Theils Männer aber giengen dem Gewild nach, welches sie ohne Zweifel durch zauberische Segen zum Stillstehen zu bannen und mit abgetödten Pulver, das nicht laut kläpfte[301], zu fällen wusten, maßen ich weder an Wild noch Zahm keinen Mangel bei ihnen verspüren konte. Wir waren kaum zween Tag dort still gelegen, als sich wieder eine Partei nach der andern bei uns einfande, darunter auch solche waren, die ich bißhero noch nicht gesehen. Etliche, die zwar nit beim besten empfangen wurden, anticipirten bei der Courage (ich schätze, aus ihrem allgemeinen Seckel) Geld; andere aber brachten Beuten, und kein Theil gelangte an, das nicht entweder Brod, Butter, Speck, Hühner, Gäns, Enten, Spanferkel, Geißen, Hämmel oder auch wol gemäste Schwein mit sich gebracht hätte, ohne eine arme alte Hex, welche anstatt der Beuten einen himmelblauen Buckel mitbracht, als die über der verbotenen Arbeit ertappt und mit trefflichen Stößen und Schlägen abgefertigt worden war. Und ich schätze, wie dann leicht zu gedenken, daß sie obengedachte zahme Schnabelweid und das kleine Viehe entweder in oder um die Dörfer und Baurenhöfe hinweg gefüchslet oder hin und wieder von den Heerden hinweg gewölfelt haben. Gleichwie nun täglich solche Compagnien bei uns ankamen, also giengen auch alle Tag wieder einige von uns hinweg, zwar nicht alle als Zigeuner, sonder auch auf andere Manieren bekleidet, je nachdem sie meines Davorhaltens ein Diebsstück zu verrichten im Sinn hatten. Und dieses, mein hochgeehrter Herr, waren die Geschäfte der Zigeuner, die ich, so lang ich bei ihnen gewesen, observirt habe.
»Wie ich aber wieder von ihnen kommen, das will ich meinem hochgeehrten Herrn, weil ers zu wissen verlangt, jetzunder auch erzählen, ob mir gleich die gehabte Kundschaft mit der Courage zu eben so geringen Ehren gereicht als dem Springinsfeld oder dem Simplicissimo selbsten.«
»Ich dorfte[302] täglich über 3 oder 4 Stund nicht schreiben, weil Courage nicht mehr Zeit nahm mir zu dictirn; und alsdann mochte ich mit andern spazieren gehen, spielen oder andere Kurzweil haben, worzu sich dann alle gar geneigt und gesellig gegen mir erzeigten; ja die Courage selbst leiste mir die mehrigste Gesellschaft, dann bei diesen Leuten findet durchaus einige Traurigkeit, Sorg oder Bekümmernus keinen Platz. Sie ermahnten mich an die Marder und Füchse, welche in ihrer Freiheit leben und auf den alten Kaiser[303], doch vorsichtig und listig genug, hinein stehlen, wann sie aber Gefahr vermerken, eben so geschwind als vortheilhaftig[304] sich aus dem Staub machen. Einsmals fragte mich Courage, wie mir diß freie Leben gefiele. Ich antwortet: Ueberaus wol! Und ob gleich alles erlogen war, was ich gesagt, so henkte ich jedoch noch ferner dran, daß ich mir schon nicht nur einmal gewünscht, auch ein Zigeuner zu sein.«
»›Mein Sohn‹, sagte sie, ›wann du Lust hast, bei uns zu bleiben, so ist der Sach bald geholfen.‹«
»Ja, mein Frau«, antwortet ich, »wann ich auch die Sprache könte.«
»›Diß ist bald gelernet‹, sagte sie; ›ich hab sie ehe als in einem halben Jahr begriffen. Bleibt ihr nur bei uns! Ich will euch ein schöne Beischläferin zum Heurath verschaffen.‹«